Dunkle Wolken Ziehen Auf

Russland, Panzer IV und Halbkettenfahrzeug
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Essays by Dieter Kermas  –  (Part 6 )
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Wurstsuppe

Ich ging gerne zum Einkaufen, aber um den Weg zur Fleischerei Tupatschek hätte ich mich gerne gedrückt.  Wenn es dann hieß: » Geh bitte zur Tupatschek-Martha und hole Wurstsuppe «, dann hingen bei mir schon die Ohren herunter.

Erstens bekam ich eine mindestens zwei Liter fassende, mit einem Deckel versehene Milchkanne in die Hand gedrückt, und zweitens die Ermahnung, nicht wieder die Hälfte zu verschütten. Das war mir jedoch nur ein einziges Mal passiert. Dann schlich ich die Bahnhofstraße ein Stück hinunter, bis ich zur Fleischerei kam. Das Gebäude lag etwas von der Straße aus zurückgesetzt und davor lag, so oft ich dorthin gehen musste, immer der vollgefressene träge Schäferhund. Im Geschäft war es durch die Wurstbrüherei feucht und zum Ersticken warm. Ich bekam meine Kanne gefüllt und schleppte sie nach Hause. Auf dem Weg musste ich höllisch aufpassen, dass ich nicht mit der brühheißen Kanne an meine nackten Beine kam. Ich habe oft hineingesehen, aber nie verstanden, was daran so Besonderes war. Ich sah nur eine abwaschtrübe Brühe, in der ein paar Reste von geplatzten Blut- und Leberwürsten schwammen. Wie die Wurstsuppe weiterverarbeitet wurde, weiß ich nicht mehr.                                Wir hatten auch ein ganz feines Lebensmittelgeschäft am Marktplatz. Der Besitzer hieß Lex und er war mit seiner Leibesfülle eine gute Reklame für sein Geschäft.

Ein seltsames Gefährt

Einige Tage später, ich war zum Woiner-Tischler gelaufen, um ihn bei seiner Arbeit zuzuschauen, als ich kurz vor der Werkstatt stehen blieb. Das sich mir nähernde Fahrzeug betrachtete ich etwas ängstlich. Vorne sah es aus wie ein Lastkraftwagen, kam aber mit einem solchen Getöse und Geklirr auf mich zu, dass ich mich beeilte, die Tür der Tischlerei zu erreichen.

» Hallo, Junge, ja Du dort, warte mal «, rief eine Stimme aus dem Fenster des Ungetüms. » Wo ist hier eine Tankstelle? « Ich wusste, dass die beiden roten Säulen auf dem Marktplatz, nachdem ich Mutter danach gefragt hatte, eine Tankstelle war. So antwortete ich: » Da vorne, auf dem Marktplatz «. Der Kopf mit dem Käppi bedankte sich und das Fahrzeug setzte sich wieder in Bewegung. Nun sah ich, dass es vorne Räder wie ein Lastwagen hatte, und hinten Ketten. Viel später erfuhr ich, dass es ein sogenanntes Halbkettenfahrzeug gewesen war.

Soldaten

Am nächsten Tag, wir waren gerade beim Frühstück, hörten wir ungewöhnliche Geräusche in unserer Straße.   Als wir aus dem Fenster sahen, fuhren Lastwagen mit Soldaten langsam an uns vorbei. Einige Soldaten gingen zu Fuß. Eine Szene ist mir noch deutlich in Erinnerung geblieben. Da trugen zwei Soldaten einen an einer Stange befestigten Käfig mit mehreren schnatternden Gänsen gemütlich durch die Gegend. Ich fand das alles sehr aufregend, und kaum hatte man mich vom Frühstückstisch entlassen, eilte ich zum Marktplatz, wohin die Kolonne gezogen war. Da sah ich dann viele Militärfahrzeuge, Soldaten und neugierige Neustädter, die sich ebenfalls eingefunden hatten.

Ein Lastkraftwagen mit festem Aufbau erregte besonders mein Interesse. Im Inneren, die Tür stand offen, saßen zwei Uniformierte mit Kopfhörern auf den Ohren und ich hörte es aus vielen merkwürdigen Apparaten piepsen und pfeifen. Plötzlich fasste mich eine Hand an der Schulter. Ehe ich mich losreißen konnte, um wegzulaufen, hörte ich eine Stimme sagen: » Da bist Du ja wieder «, und ich erkannte den Kopf mit dem Käppi, dem ich den Weg zur Tankstelle beschrieben hatte. » Komm mal mit, ich habe etwas für Dich «, sagte der Soldat, und zog mich mit bis zu einem anderen großen Lastkraftwagen. Er kletterte hinein, kam kurz darauf wieder heraus und gab mir zwei leichte Päckchen. » So «, sagte er, » das nimm bitte mit nach Hause, Mutter wird schon wissen was das ist «. Ich dankte, und rannte so schnell ich konnte zurück. Unterwegs sah ich mir die Päckchen an. Sie bestanden aus grauweißem Papier und waren mit blauer Schrift bedruckt. Mein Geschenk entpuppte sich nun als Knäckebrotpakete. Ich wollte unbedingt sofort davon kosten und war maßlos über den faden, nicht mal süßen Geschmack enttäuscht. Hätte ich gewusst, was die nächsten Tage bringen würden, wäre ich nachsichtiger gegenüber dem Spender gewesen.

Verrat

Am übernächsten Tag waren die Soldaten spurlos verschwunden. Ich machte mir keine Gedanken darüber. Erst viele Jahre später erzählte mir Vater die Wahrheit über das Schicksal dieser Menschen. Das waren alles Soldaten, die sich von der Truppe abgesetzt hatten, weil sie die Sinnlosigkeit des Krieges eingesehen hatten.

Sie hatten sich mit den besten Fahrzeugen und Waren auf den Weg nach Westen aufgemacht, um nicht in Gefangenschaft zu geraten. Doch hier in Neustadt ereilte sie der Tod, dem sie glaubten entronnen zu sein. Unser Bürgermeister, ein überzeugter Nationalsozialist, hatte nichts Eiligeres zu tun, als die » Deserteure « und » Fahnenflüchtigen «  beim nächsten  Wehrbereichskommando zu melden. In der selben Nacht, so wurde berichtet, wurden alle Soldaten von einem Sonderkommando abgeführt und erschossen. Es ist auch sicher kein Trost zu wissen, dass der gleiche Bürgermeister später von den Russen vor dem Rathaus wie eine Ratte erschlagen wurde.

(Fortsetzung der Serie am nächsten Sonntag)

Photo credit: Kfz. der Wehrmacht, Bundesarchiv Photo: Kripgans-1943 Sommer

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Dieter Kermas - CA Germans AuthorDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays that stir up a potpourri of emotions. These are stories which won’t leave the reader untouched, they speak of the innocence of a child’s perception of a life during terrible war times, and they shed light on war crimes that were beyond the understanding of a then young child.  Dieter Kermas is writing poems, short stories and is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
 
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas”  to: californiagermans@gmail.com
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