Hollywood Lässt Grüssen – (Dt. Zeitgeschichte)

23 Aug 1948, Berlin, Germany -

23 Aug 1948, Berlin, Germany

Essays by Dieter Kermas  –  (Part 19)
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Der Wilde Westen hält Einzug – Alliierte in Szene gesetzt

Noch kurz vor der Blockade, ereignete sich vor unserer Tür eine filmreife Wildwestszene.

Wir saßen auf dem Balkon beim Mittagessen, als wir eine Sirene hörten. Aus Richtung Zehlendorf kam ein Russenlastwagen angerast. Er fuhr in nicht zu übersehenden Schlangenlinien. Ihm folgte dichtauf ein Jeep der amerikanischen Militärpolizei mit heulender Sirene. Genau vor unserer Tür überholte der Jeep den Lkw und stoppte ihn, indem er sich quer auf die Fahrbahn stellte. Ganz knapp vor dem Jeep kam der Lastwagen zum Stehen. In gewohnter Lässigkeit stiegen die beiden MPs aus. Einer ging zum Führerhaus des Lastwagens, öffnete die Tür und taumelte im gleichen Moment zurück. Der Fahrer hatte ihm blitzschnell den Kolben seiner Maschinenpistole ins Gesicht gerammt. Blut lief dem Ami über das Kinn. Nun rief der Militärpolizist seinen Kameraden, und sie versuchten von beiden Seiten noch einmal, mit der gebotenen Vorsicht, die Türen zu öffnen.

Dazu kam es jedoch nicht, weil sich ihnen aus beiden Fenstern je ein Lauf einer Maschinenpistole entgegenschob. Einer der Polizisten hatte seinen langläufigen Colt gezogen, aber er zögerte im Angesicht der Maschinenpistolen, davon Gebrauch zu machen. Der Versuch, über die Ladefläche an die Insassen heran-zukriechen, scheiterte ebenfalls an den drohenden Läufen der Maschinen-pistolen, die durch das kurzer Hand zertrümmerte Rückfenster geschoben wurden. So liefen sie zurück zum Jeep und nach einer Weile, die beiden russischen Soldaten überbrückten die Zeit mit tiefen Zügen aus einer Flasche,  tauchten mehrere Fahrzeuge auf.

Es waren weitere Militärpolizisten und zwei Zivilwagen. Ein dunkelblauer VW-Käfer mit deutscher Polizei hielt in respektvollen Abstand, da unsere Polizei in diesem Fall keinerlei Befugnisse zum Eingreifen hatte. Aus einer der dunklen Limousinen stiegen zwei Männer aus, die lange dunkle Ledermäntel trugen, aber sonst keinerlei militärischen Abzeichen. Sie gingen betont langsam auf das Führerhaus zu und riefen den Insassen ein paar kurze Sätze zu. Kurz darauf öffneten sich langsam und zögernd die Türen, und die beiden Fahrzeuginsassen stiegen unbeholfen und schwankend heraus. Die Waffen hatte sie im Wagen liegen gelassen.

Kaum waren sie auf der Straße, als sie auch schon in eine der dunklen Limousinen gestoßen wurden. Aus dem anderen Zivilfahrzeug stiegen zwei Offiziere der Roten Armee aus, gingen zu den Wagen der Amerikaner und, wie auch immer, sprachen mit einem der amerikanischen Offiziere. Beide Seiten trennten sich unter Ehrenbezeugungen und verschwanden in ihren Fahrzeugen. Ein ebenfalls aus einer der Russenlimousinen ausgestiegener Soldat kletterte in den Lastkraftwagen. Dann löste sich die Ansammlung der Fahrzeuge, schnell wie sie gekommen war, auch wieder auf. Die Zivilfahrzeuge der Russen fuhren, gefolgt vom Lastwagen, in Richtung Potsdamer Platz, und die Amis drehten um und fuhren entgegengesetzt nach Zehlendorf.

Wir hatten wie gebannt diesem Schauspiel zugesehen. Hätten wir damals schon eine Video-Kamera oder eine Filmkamera gehabt, wären diese Szenen sicher ein eindrucksvolles Zeugnis für die Zeit unter den Besatzungsmächten.

Buntmetall – ein Zauberwort

Eines Tages, die Sprechstunde hatte bereits begonnen, klopfte es an der Wohnungstür. Mutter öffnete, und der erste Patient stand in der Tür. Auf Mutters Frage, warum er nicht geklingelt hätte, zeigte er nur auf die Stelle wo sonst die Klingel angeschraubt war. Dort hingen nur noch zwei Drähte aus der Wand. Von der schweren Messingklingel war keine Spur mehr zu entdecken. Jetzt hatte uns also auch die Welle der Buntmetalldiebstähle erreicht. Buntmetall, das war ein Zauberwort.

Hatte man die Möglichkeit an Buntmetall heranzukommen, so konnte man seine Finanzen beträchtlich aufbessern. Begehrt waren Messing, Kupfer, Blei, Zink und Zinn. Dafür gab es gutes Geld. Ich wollte mich den Zeichen der neuen Zeit nicht verschließen und durchsuchte zuerst unseren Keller nach diesen edlen Metallen. Die Ausbeute war mager. Eine verbeulte Zinkwanne, zwei Paar Türklinken, etwas altes Bleirohr und vier Stange Lötzinn. Heimlich schleppte ich meine Beute zum Schrotthändler in der Schmargendorfer Straße. Daneben befand sich in einem Nachkriegsflachbau der Gebrauchtwarenhändler Neumann. Ich erwähne diesen nur, weil er mir bei meinem Verkauf hilfreich zur Seite stand.

Mir war bekannt, dass der Schrottfritze kein Buntmetall von Kindern aufkaufte, es sei denn, sie hätten von ihren Eltern etwas Schriftliches für den Verkauf. Da mich jedoch Herr Neumann gut kannte, bat ich ihn für mich das Metall zu verkaufen. Er tat dies, händigte mir das Geld aus, und ich zog stolz wie ein Spanier davon. Jetzt hatte ich Blut geleckt und überlegte, wie und wo ich an weiteres Material herankommen könnte. Die Messingknöpfe von den Wohnungstüren abschrauben lag mir nicht, zumal das Risiko größer war, als das geringe Gewicht des Knopfes es wert war. Eine andere, von den größeren Jungen erprobte Methode, Buntmetall beim Schrotthändler nachts zu klauen und wo anders wieder zu verkaufen, fiel auch aus.

Da ein Teil unseres Seitenhauses zerbombt war, begann ich auch dort zu suchen. Na, wer sagt es denn, da ragte in erreichbarer Höhe doch noch ein schönes dickes Bleirohr aus der Wand. Flugs holte ich mir eine Eisensäge und begann im Schutze der Dämmerung mein Werk. Nach einigem Sägen glaubte ich, dass mein Herz stehen bliebe. Ein scharfer Wasserstrahl schoss mir ins Gesicht. Verdammt, das war eine noch intakte Leitung, die die Mieter versorgte, die noch in den Resten der Seitenflügelwohnungen hausten. Zu allem Unglück war mein Abgang aus dem Ruinengeröll so geräuschvoll, dass mich der Hauswart erwischte.

Den Rest kann man sich ja denken. Mit dieser Tat endete abrupt das sich erst in der Anfängen befindliche Unternehmen des jungen Geschäftsmannes.

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(Fortsetzung der Serie am nächsten Sonntag)
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© Dieter Kermas
 
Photo Credit: Image by © Bettmann/CORBIS – 23 Aug 1948, Berlin, Germany — Original caption: Scene of inter-zonal friction…Berlin, Germany: A U.S. military policeman is shown standing guard in the American sector of Berlin’s Potsdamer Platz, where the Russian and American sectors of the German capitol meet. In the background can be seen a Russian jeep. Potsdamer Platz, the scene of much of the friction between Russian and American nationals, is where Thomas P. Headen, deputy head of the A.M.G. information services division in Berlin, was arrested by Soviet police and held for 21-hours before being released today. Accompanied by his wife and two children, Headen was taken into custody by the Russians when he stepped a few feet into the Russian sector of Berlin while taking pictures. He reported on his release that he had been interrogated by Russian police, but had not been mistreated. —
 
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Dieter KermasDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays that stir up a potpourri of emotions. These are stories which won’t leave the reader untouched, they speak of the innocence of a child’s perception of a life during terrible war times, and they shed light on war crimes that were beyond the understanding of a then young child.  Dieter Kermas is writing poems, short stories and is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
 
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas”  to: californiagermans@gmail.com
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