Mordlust

Mordlust Kermas

Mordlust

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
 

Kaum hatte ich sie erblickt, fühlte ich wieder das zwanghafte, nicht zu kontrollierende Gefühl in mir. Ich musste töten, ich musste sie töten! Ich empfand sie alle, wie sie da herumliefen oder saßen, aufreizend und frech. Sie provozierten mich, sie mussten weg, und in mir stieg ein unbeschreibliches Hassgefühl hoch.

Die Gelegenheit war günstig. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
Vorsichtig, darauf bedacht kein Geräusch, oder eine unbedachte Bewegung zu machen, schlich ich in das Zimmer. Zu meinem Glück war die Tür nur halb geschlossen. Mein Herz schlug schneller und langsam begannen meine Hände feucht zu werden.

Da saß sie nun, unbekümmert auf dem Sessel, die Beine auf der Lehne.
Bei meinen ersten Opfern war ich oft viel zu leichtsinnig und hektisch vorgegangen. Sicher war ich auch früher darauf bedacht, lautlos und schnell zu handeln. Kein Revolver oder gar ein Gewehr kam für mich infrage. Es musste lautlos und perfekt vollendet werden. Meine erste Tatwaffe hatte ich spontan gewählt. Fast wäre mir diese, nicht sorgfältig bedachte Auswahl, zum Verhängnis geworden. Der Schreck sitzt mir heute noch in den Gliedern, als sie sich für einen Moment meinem Angriff entzog und flüchten konnte. So musste ich blitzschnell nachsetzen, um mein Vorhaben zu Ende zu bringen.

Wie kribbelten jedes Mal meine Nerven beim Anschleichen. Mein Angriff kam dann stets so überraschend, dass sie keine Chance hatte, mir zu entkommen.
Für mein heutiges Opfer hatte ich mir eine besonders effektive und todsichere Waffe besorgt. Jetzt stand ich dicht hinter dem Sessel. Sie hatte mich immer noch nicht bemerkt. Jetzt kam es darauf an, jetzt musste ich schnell und mitleidslos zuschlagen, um meinen inneren Zwang zu befriedigen.

Der Schlag kam für sie unerwartet wie aus heiterem Himmel. Aus, vorbei, ich hatte sie ohne das geringste Gefühl von Schuld oder gar des Mitleids getötet. Ich war erleichtert. Ihre zarte Leiche trug ich in den Garten und warf sie in den Brunnenschacht. Nie wieder würde sie mir über mein Butterbrot laufen, und dort ihre Fußabdrücke hinterlassen. Nie wieder würde sie mit ihrem Rüssel am Würfelzucker lutschen, und nie wieder mich beim Lesen meiner Lektüre summend nerven.

Erleichtert, und sehr zufrieden mit meinem Erfolg, legte ich die Fliegenklatsche für den nächsten Einsatz griffbereit neben mich.

© Dieter Kermas

Photo: CaliforniaGermans
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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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