“Am Stammtisch” – Die Kannibalen unter uns

Cezanne the-card-players-1893.jpg

Am Stammtisch

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
.

Die Skatrunde hatte eine Pause eingelegt. Nach vier Stunden schmerzten ihnen vom Kartendreschen die Hände. „Noch ´ne Runde“, wandte sich der dicke Hermann an den Wirt. „Kommt sofort“, kam die Antwort.
„Noch drei Pils und du platzt“, neckte der hagere Konrad seinen Skatbruder und ergänzte, „Du wärst ein Festessen für die Kannibalen.“
„Von denen hättest Du wohl nichts zu befürchten, du vertrockneter Hering,“ entgegnete der Angesprochene, ohne eingeschnappt zu sein. „Außerdem sind die schon lange ausgestorben,“ ergänzte er.
Der dritte Mann am Tisch hatte aufmerksam zugehört und meinte mit einem süffisanten Lächeln: „Du irrst, lieber Hermann, die sind immer noch mitten unter uns.“
„Hast Du schon einen gesehen?“, lästerte Konrad.
„Ja und den kennst Du auch“, fuhr Egon, der rechts neben ihm saß, fort.

„Wen soll ich kennen, der Menschenfleisch isst?“, ließ sich Konrad ungläubig vernehmen. „Na den Hausmeister Müller, der bei dir im Nebenhaus wohnt“, behauptete Egon, ohne mit der Wimper zu zucken. „Der, der soll Menschenfleisch essen? Das glaube ich nicht, der ist doch ein so netter Kerl“, zweifelte er Egons Worte an. „Da siehst Du mal, wie man sich in den Menschen täuschen kann“, meinte Hermann und schüttelte sich.

„Kann ich beweisen“, bekräftigte Egon. Der Wirt, der die Lage gebracht und das Gespräch mit angehört hatte, zog einen Stuhl näher und setzte sich.
Egon lehnte sich zurück, und ehe er den Beweis antrat, fügte er grinsend hinzu: „Und sogar seine Frau hilft ihn dabei, wenn sie zur Tat schreiten.“„Entsetzlich, mir wird ganz flau im Magen“, meldete sich der Wirt und sein Gesicht schien sichtlich blasser zu werden.

„So, wie willst Du uns davon überzeugen, dass Müller und seine Frau Menschenfleisch essen?“, forderte Konrad seinen Nebenmann auf.
„Also gut, ich beweise es Euch. Am letzten Sonnabend war ich zu Besuch im Haus, wo der Müller wohnt. Als ich an seiner Wohnung, die zum Hausflur hin liegt, vorbeiging, hörte ich seine Frau laut und deutlich sagen: „Mit dem letzten Wiener hatten wir es nicht gut getroffen. Der schmeckte weder kalt noch warm. Nicht mal der Hund wollte den Rest. Auf dem Rückweg bringe bitte einen Amerikaner mit, aber einen weißen, die schwarzen liegen mir immer so schwer im Magen. Du bist ein richtiges Leckermaul, mir stünde eher der Appetit nach einem französischen Hinterschinken, hörte ich den Mann entgegnen. Die Frau antwortete, dass das ihr zu viel Arbeit mache und sie lieber einen Hamburger in die Pfanne hauen würde. Als Nachtisch gedächte sie, einen leckeren Berliner zu essen“. Hiermit beendete Egon seine Rede.

Zuerst kicherte Konrad, dann gluckste ein leises Lachen aus Hermanns Mund und dann erfüllte ein vierstimmiges brüllendes Gelächter den Raum, sodass einige Gäste verschreckt aufsahen.
„Und dann noch die Kameruner, die Krakauer und der Römerbraten“, japste der Wirt und hielt sich den Bauch vor Lachen. Er erhob sich und spendierte für diese Geschichte eine Lage auf seine Kosten.

© Dieter Kermas

Photo: The Card Players by Paul Cezanne , Oil on Canvas, 1893

—————————————————————————————————————-

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
———————————————————————————————————————-
.

Advertisements

Comments are closed.