Das Ende Eines Flugtages

Spatzen-Bäckeranlage1

Das Ende eines Flugtages

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Heute ist Flugtag. Die Flieger warten bereits ungeduldig auf das Startsignal zum Abflug. Dann ist es endlich soweit. Die Türen der Käfige werden geöffnet und schon flattern die Freigelassenen durch die Küche. Nach einigen hektischen Runden um die Küchenlampe suchen sich die Vögel passende Landeplätze.
Der Distelfink und die Girlitze lieben es auf der Gardinenstange zu sitzen, während der Erlenzeisig und die beiden Hänflinge den Schirm der Küchenlampe wählen. Der Buchfink landet auf der Brotschneidemaschine und das Dompfaffpärchen trippelt gemächlich auf dem Sims des Küchenschrankes entlang.

Auf dem Küchentisch sind die Zutaten für einen Schlesischen Mohnkuchen aufgebaut. Wie der Name es schon andeutet, ist Mohn die wichtigste Zutat. So kurz nach dem Krieg grenzte es schon an ein Wunder, dass Mutter eine große Tüte Mohn auf dem Schwarzmarkt erstehen konnte. Der Mohn war jedoch nicht gemahlen.

Da wir keine Mohnmühle haben, benutzt Mutter eine große irdene Schüssel, die innen mit vielen kleinen Riffelchen ausgekleidet ist. Mit dem Rührholz wird der Mohn nun lange und kräftig an den Wandungen entlanggerieben. Dadurch entsteht so peu á peu ein gequetschter Mohnbrei. In einem unbeobachteten Moment stecke ich den Finger in den Mohnmatsch und koste. Puh, weder süß noch lecker. Eher muffig. Ich warte lieber auf den Kuchen.

Da es in der Küche so schön mollig warm ist, setze ich mich auf den Küchenstuhl, der zwischen der Speisenkammer und dem Küchentisch steht. Ich schaue zu wie der Teig und die Streusel gemacht werden. Es klingelt an der Wohnungstür. Mutter geht raus, um zu öffnen. Ich höre, wie sie mit Frau Schneider aus der dritten Etage spricht. Das kann dauern. Ich zucke zusammen, als der Luftzug eines Flügelschlages an meinem Kopf vorbeistreicht. Es ist der Erlenzeisig, der nun auf dem Rand der Schüssel sitzt und hineinäugt.   „Schmeckt nicht“, will ich ihm noch zurufen, aber er ist bereits in der Tiefe der Schüssel verschwunden. Ich warte. Es dauert und er kommt nicht raus. Da segelt bereits der nächste vernaschte Kandidat heran. Es ist der Distelfink, der auf dem Rand der Schüssel entlanghopst. Er zögert hineinzuspringen. Vielleicht weil sich der Erlenzeisig noch dort unten vollfrisst.

Die Küchentür öffnet sich mit Schwung und Mutter eilt an den Küchentisch, um weiter zu arbeiten. Der Distelfink nimmt flugs Reißaus. Erst als sich Mutter die Schüssel näher heranzieht, springt der Erlenzeisig auf den Rand. „Mach ja, dass Du wegkommst“, ruft Mutter und scheucht den Vogel mit einer Handbewegung weg. Er fliegt, nein er schießt im Steigflug auf das nächste Bauer zu. Ich traue meinen Augen nicht, er stolpert und bleibt mit offenem Schnabel auf dem Bauch liegen. Was wird das wohl werden? Ich sage Mutter nichts von meiner Beobachtung und schaue dem Vogel zu, wie er sich aufrafft und mit einer letzten Kraftanstrengung, so scheint es mir, durch das Türchen in das Bauer fliegt. Er sitzt auf der untersten Stange und schwankt hin und her. Ich stehe auf und gehe näher. Er hat die Augen geschlossen und atmet sichtbar schwer.  Jetzt rufe ich Mutter, um ihr den Vogel zu zeigen. Sie schaut kurz auf den Erlenzeisig und sagt: „Er hat zu viel vom Mohn gefressen. Da können wir nichts mehr machen. Er wird gleich tot sein.“

Ehe ich die Tragweite der Worte so richtig erfasse, fällt er auch schon von der Sitzstange, dreht sich etwas im Kreis und bleibt dann reglos auf dem Rücken liegen. „Aus“, lautet Mutters lapidarer Kommentar. Später erklärt sie mir, dass es das Opium war, was den kleinen Kerl getötet hat. Ich ergänze das alte Sprichwort “Mohn macht doof“, um “…und es bringt kleine Vögel um“.

© Dieter Kermas

Photo: © Reda El Arbi – Tages-Anzeiger Züritipp (tagesanzeiger.ch)—————————————————————————————————————-

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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