Der Nebel

NEBEL

Der Nebel

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Gegen neun Uhr am Abend fuhr ich vom Hotel los und war mir sicher, in einer Stunde mein Ziel, einen kleinen Ort im Inneren der Schweiz, erreichen zu können. Weit konnte es nicht mehr sein. Auf der Autokarte hatte ich die Entfernung auf etwa dreißig Kilometer geschätzt. Gerne hätte ich noch einen Blick auf die Karte geworfen, aber sie lag vergessen in der Nachttischschublade im Hotel.

Als ich meinem Bekannten in München erzählte, meine nächste Geschäftsreise würde mich in die Schweiz führen, bat er mich um einen Gefallen. Seine Eltern wohnten in einem Dorf, unweit von Aarau. Er hatte für den Geburtstag seines Vaters ein Geschenk besorgt, das ich dort abgeben möchte. Ich willigte gerne ein, zumal der Weg dorthin nur einen Katzensprung von meiner ursprünglichen Fahrtroute abwich.

In der Nacht hatte es ein Gewitter gegeben und die Bäume und Sträucher trieften vor Nässe. Gegen Morgen ließ eine Kaltfront die Temperatur rapide sinken. Auf den Wiesen begann sich Nebel in den Senken zu bilden.
Die Dunkelheit setzte recht plötzlich ein, zumal die blasse Oktobersonne schlagartig hinter den Bergen des Tales verschwand. Anfangs führte die Straße bergan. Nach einigen Kilometern ging es mit vielen Kurven und einem starken Gefälle abwärts, sodass ich langsamer fahren musste. Nebelschwaden warfen das Scheinwerferlicht zurück und ich fuhr noch langsamer. Die Straße war kaum noch zu erkennen und führte nun wieder bergan.

Dann stand der Nebel wie eine Wand vor mir. Im Schritttempo tastete ich mich vorwärts. Wenn der Nebel anhielte, könnte ich meinen Zeitplan glatt vergessen.
Rechts, links, einen Moment hatte meine Konzentration nachgelassen. Die Straße, sie schien mir jetzt schmaler als zuvor, machte einen scharfen Knick nach rechts, wie ich gerade noch erkennen konnte. Vorsichtig folgte ich dem Straßenverlauf. Dann begann der Wagen plötzlich zu schwanken und die Räder holperten über unebenen Boden. Erschreckt hielt ich an, öffnete die Tür und sah, dass die Straße nicht mehr geteert war. Ich befand mich auf einem unbefestigten Weg. Toll, ich hatte mich verfahren. Sollte ich umkehren? Weiter zu fahren und mich erneut zu verfransen, war eine Option. Dem Weg weiter zu folgen und eventuell jemanden zu treffen und nach dem Weg zu fragen, war die andere. Ich entschied mich für Letztere. Jetzt ging es wieder steil bergauf und der Weg forderte meine ganze Aufmerksamkeit.

Nach etwa zwanzig Minuten schimmerte ein Lichtschein durch den Nebel und ich atmete auf. Kurz darauf stand ich im Hof eines Bauerngehöftes. Ein Hund bellte heiser in der Dunkelheit. Ich wagte nicht, auszusteigen. Im Haus öffnete sich eine Tür und im Lichtschein stand eine Gestalt, die den Hund mit einigen Worten zum Schweigen brachte. Sie winkte und ich stieg zögernd aus.
„Grüezi“, hörte ich eine raue Stimme sagen. Danach bat mich der Mann, hereinzukommen. In der Wohnstube erblickte ich eine Frau und zwei Buben, die mich neugierig ansahen. Meine Augen hatten sich inzwischen an das Licht gewöhnt. Ehrlich, hier hätte man einen Heimatfilm drehen und sich die Kulisse sparen können. Er, so wie ich mir immer Wilhelm Tell vorgestellt habe, mit wallendem, schwarzen Bart, nur dass der keine Jeans mit Hosenträgern getragen hatte. Sie hatte eine Art Bauerntracht an und die dicken Zöpfe lagen wie ein Kranz auf dem Kopf.

Ich schilderte kurz meine Situation und fragte, wo ich sei und wie ich wieder auf die Hauptstraße zurückkäme. Er hatte meine Frage verstanden, aber er antwortete in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich war der Meinung gewesen, Schweizerdeutsch verstehen zu können, aber hier verstand ich so gut wie nichts. Als er meinen verständnislosen Blick sah, wiederholte er seine Worte noch einmal langsam. Jetzt reimte ich mir den Inhalt zusammen. Er hatte mir vorgeschlagen zu bleiben und nicht zurückzufahren, weil der Nebel sicher bis zum Morgen so dicht bliebe. Anfangs wollte ich ablehnen, überlegte es mir dann doch noch und nahm das Angebot dankend an. Die Frau hatte bisher schweigend zugehört und fragte mich nun etwas, das sich wie „Znacht“ anhörte.
Ich nahm an, dass auch sie meinte, ich könne über Nacht bleiben. Ich nickte erfreut und sie verschwand im Nebenraum. Eine Weile später, ich hatte vergeblich versucht mit den Jungs, sie mochte elf und vierzehn Jahre alt sein, ins Gespräch zu kommen, kam sie zurück und stellte eine große Schüssel auf den Tisch. Ich kapierte nun etwas verspätet, dass sie mich gefragt hatte, ob ich was zum Abendessen haben möchte. Dann brachte sie noch Kartoffeln und eine Schüssel mit Gemüse.

Bevor gegessen wurde, sprach der Hausherr ein kurzes Gebet. Dann holte er aus der großen Schüssel ein Stück Fleisch und legte es auf meinen Teller. Mit Gesten deutete er an, mich mit den Kartoffeln und dem Gemüse selbst zu bedienen. Ich folgte der Aufforderung und wir begannen zu essen. Mein Fleisch stellte sich als zart und lecker heraus. Ich konnte nicht umhin und nahm mir ein zweites Stück, was mir einen zustimmenden Blick der Hausfrau einbrachte. Da es mir so gut gemundet hatte, fragte ich die sie, von welchem Tier das Fleisch war. Sie blickte ihren Mann an, zögerte ein wenig und sagte etwas, das sich wie „Chünchel“ anhörte. Meinte sie etwa „Hühnchen?“ Ich hätte eher auf Kaninchen getippt, aber sie musste es wohl besser wissen. Um sie nicht weiter zu bedrängen, lobte ich das Essen mit voller Überzeugung.

Der Mann gab mir zu verstehen, ihm zu folgen. Er führte mich in eine Kammer, die zur Hofseite hin lag. Ich bedankte mich und legte mich in das kastenförmige Bett, das knarrend mein Gewicht ertrug. Ich versuchte noch über den heutigen Tag nachzudenken, aber die Müdigkeit ließ mich umgehend einschlafen.
Ich schreckte auf, als mich jemand am Arm zog. Es war einer der Knaben, der grinsend neben dem Bett stand. Ich nickte schlaftrunken, zog mich an und trat in den Wohnraum. Die Frau zeigte auf mein unrasiertes Kinn und machte die Bewegung des Rasierens. Dann geleitete sie mich in einen Raum, wo ich meinen Bartstoppeln mit kaltem Wasser einseifen und mühsam abrasieren konnte. Nach dem Frühstück ging ich vor die Tür und schaute nach dem Wetter. Ein lautes Bellen ließ mich zusammenzucken. Gott sei Dank war der große, zottelige Köter mit einer Kette an der Hundehütte festgemacht.

Es war noch dämmrig, aber den Anschein nach, begann sich der Nebel zu lichten. Nur noch wenige Nebelschwaden schwebten über die Wiese. Jetzt sah ich meine Unterkunft im Tageslicht. Es war eine Berghütte, wie ich sie auch aus den deutschen Alpen kannte. An der linken Seite war ein Anbau, ebenfalls aus Holz. Ein leises Muhen verriet mir, dass es ein Kuhstall war. Der Schuppen daneben war sicher ein Heuschober, da war ich mir sicher. Der Bergbauer war kurz nach mir aus der Hütte getreten. Er versuchte mir zu erklären, wie ich den richtigen Weg fände und ich nickte, als ob ich es verstanden hätte. Meine Bitte, ihn etwas für die Übernachtung zahlen zu dürfen lehnte er so entrüstet ab, dass ich davon Abstand nahm. Bevor ich abfuhr, gelang es mir jedoch den Buben ein paar Geldscheine zuzustecken.

Langsam fuhr ich den Weg, den ich gekommen war, zurück und meine Gedanken drehten sich um das, was ich seit gestern erlebt hatte. Als dann die ersten Sonnenstrahlen das Tal erreichten, sah die Welt gleich viel freundlicher aus. Ich fand die befestigte Straße, fand die Stelle, an der ich falsch abgebogen war und bald darauf zeigten mir Schilder, dass ich auf dem richtigen Weg zu dem Dorf war, wo die Eltern meines Bekannten lebten. Voller Freude wurde ich begrüßt und sofort gefragt warum ich nicht, wie angekündigt, gestern gekommen war. Sie hatten den Nebel gesehen und sich besorgt gefragt, ob etwas passiert sein könnte. Zuerst gratulierte ich den Hausherrn zum Geburtstag, übergab das Geschenk seines Sohnes und begann bei einer Tasse Kaffee von meinem Abstecher zu berichten. „Da sind sie auf einem der recht abgelegenen Bergbauernhöfe gelandet“, meinte mein Gastgeber. „Die Zeit scheint da oben stehen geblieben zu sein“, ergänzte seine Frau.

Als ich vom Abendessen berichtete und wie gut es mir geschmeckt hatte, wollte die Hausfrau wissen, was man mir angeboten hatte. Es war etwas, das wie „Chünchel“ geklungen hatte, sagte ich. „Ach, ich weiß, was Sie gegessen haben“, ließ sie sich vernehmen. „Sie haben „Chüngel“, also Kaninchen gegessen“, erklärte sie mir. Es war also doch Kaninchen, so wie ich vermutet hatte.
Sagte die Hausfrau nicht etwa „Büsi“?, wurde ich mit einem schelmischen Lächeln von ihrem Mann gefragt. Ich verneinte und wollte wissen, was es dann wohl für ein Fleisch gewesen wäre. Obgleich seine Frau ihm einen strafenden Blick zuwarf, meinte er: „Dann hätten Sie eine Katze verspeist. Man nennt dort die Katzen Büsis.“  „Nein, „Büsi“ hat sie sicher nicht gesagt, redete ich mir sofort ein, garantiert nicht.

Auf meiner langen Heimfahrt nach München überdachte ich wieder und wieder die Antwort nach dem Fleisch und die Worte der Hausfrau. Hatte da vielleicht doch ein Wort wie „Büsi“ geklungen? Je länger ich darüber nachdachte, desto unsicherer wurde ich. Sei´s drum, beschloss ich, geschmeckt hat es allemal.

© Dieter Kermas

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Photo: ©CaliforniaGermans

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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans.  Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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