Die Einladung

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Die Einladung

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Heute lag eine Einladung im Briefkasten. Sie kam von Familie Mannsfeld, die ich bei einer Reise durch Irland kennengelernt hatte. Sie lud mich zum Frühstück, zum Mittagessen und einem anschließenden gemütlichen Abend ein.

Ich konnte es kaum erwarten, sie wiederzusehen. Besonders deshalb, weil das Ehepaar mit ihren Kindern auf einem Bauernhof lebten und ich mich auf ein gesundes Landessen freute. Sie hatten das von den Vorbesitzern aufgegebene Gehöft mühevoll umgebaut und modernisieret. Besonders stolz waren sie auf die Tatsache, dass sie fast alle benötigten Lebensmittel selbst anbauten, züchteten und verarbeiteten.

Nach herzlicher Begrüßung wurde ich sofort zum Frühstückstisch gebeten. Es roch verführerisch nach selbst gebackenen Brötchen und frischem Graubrot. Alles aus dem alten Steinofen, der im Hof steht. Selbsgekochte Marmelade, Eier von glücklichen Hühnern, sowie Butter und Käse von eigenen Kühen ließen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Ich bestrich mein Brötchen mit Butter. Noch ehe ich die eine Hälfte mit Marmelade ergänzte und die andere Hälfte mit Käse belegte, kam mir die Butter recht blass vor und der Käse hatte keine augenfreundliche Gelbfärbung. Sicher fehlten hier das β –Carotin. Selbst das Eigelb sah nicht so kräftig dunkelgelb aus, wie ich es gewohnt war. Vermutlich fehlten auch hier die Carotinoide. Die ersten Bissen schmeckten, nur irgendwie anders, als ich es kannte. Vielleicht vermisste ich die Diphosphate und das Natriumacetat im Brot, sowie das Sorbit in der Marmelade. Besonders das mir empfohlene frische Glas Milch schmeckte nicht wie sonst. Die Milch hatte einen ausgeprägt fettigen Kuhgeschmack, aber ich konnte mir sicher sein, dass die Kühe keine genveränderten Futtermittel erhielten. Die Milch im Tetrapack schmeckt mir besser, dachte ich.             Meinen Kaffee trinke ich immer recht süß. Hier musste ich mehrere Löffel Zucker nehmen, ehe er süß genug für mich war. Zu Hause reichen ein paar Saccharintabletten für dasselbe Ergebnis.

Nach dem Frühstück durfte ich mir das große Gehöft mit den Stallungen, dem Schweinekoben und die sich auf einer Wiese tummelnden antibiotikafreien Hühner ansehen. Die Hausfrau selbst führte mich voller Stolz durch den recht großen Gemüsegarten und den anschließenden Obstgarten. “Wir versuchen, soweit es geht, alles ohne künstliche Mittel wie Pestizide, Wachstumshormone oder Kunstdünger zu produzieren”, erklärte sie mir.                                               Das hörte sich richtig gut an, dachte ich und schaute auf die etwas schorfigen Äpfel, die fleckigen Gurken und die von Schnecken oder Raupen zerfressenen Salat – und Weißkohlblätter. Gesundheit pur.

Zu Mittag gab es Rindsrouladen vom hormonverschonten Rind mit Salzkartoffeln und Rotkohl ohne Aspartam. Es mundete mir hervorragend und ich fand, dass es fast wie bei mir zu Hause schmeckte, aber nur fast. Vom grünen Salat nahm ich etwas zaghafter, dachte ich doch an dessen Anblick im Gemüsegarten. Der Grießpudding mit der cyclamatfreien Kirschsoße als Nachtisch war traumhaft.  Die Kinder wollten, was Wunder, Nudeln mit Ketchupsoße haben. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie sich bemühten, das selbst gemachte Ketchup aus der Flasche zu schütteln. Dank der Nanoteilchen läuft mein Ketchup zu Hause viel leichter aus der Flasche.

Nach einer weiteren Exkursion durch die angrenzenden Felder, wo Futterrüben und Kartoffeln angebaut wurden, war es Zeit für Kaffee und Kuchen.  Die Auswahl aus den von der Hausfrau gebackenen Kuchen fiel mir schwer. Zuerst nahm ich mir ein Stück Napfkuchen. Er war schön süß, aber leider etwas klitschig. Sicher fehlten das Polyglycerin und das Sojalecithin. Den Apfelkuchen krönte ich mit einem kräftigen Klecks Schlagsahne. Ich musste mich beeilen, denn sie begann bereits, in der Schüssel wieder flüssig zu werden. Ja, da lob ich mir doch meine Sprühsahne aus dem Supermarkt. Diese Sahne bleibt durch Guarkernmehl, Carrageen und Milchsäureester viel länger steif.

Die Zeit bis zum Abendessen verging wie im Flug.
Heute gibt es, so kündigte Herr Mannsfeld an, noch Selbstgemachtes vom kürzlich geschlachteten Schwein. Das hörte sich recht verlockend an. Wo hat man schon als Städter die Gelegenheit so frische und natürlich zubereitete Lebensmittel zu erhalten. Der Hausherr selbst trug die Platte mit den verschiedenen Wurstsorten und der aufgeschnittenen Sülze herein. Ich schaute erwartungsvoll auf das Angebot und war enttäuscht.

Die Würste sahen grau aus und die Sülze nicht minder. Mir war sofort klar, hier fehlten die Triphosphate, das Natriumascorbat und sicher auch das Natriumnitrit. Besonders der Kochwurst mangelte es garantiert an Emulgatoren, Milcheiweiß und Glutamat. Wie sollte das wohl schmecken?
Mit leichtem Vorbehalt bestrich ich das hauseigene Graubrot mit der hauseigenen Butter und legte mir eine Scheibe der hausgemachten Sülze darauf. Es schmeckte, aber ganz anders als die Supermarktsülze. Recht intensiv nach Schwein, wie ich erstaunt feststellte. Ermuntert von dieser Erfahrung versuchte ich die Wurstsorten und entdeckte auch hier ein völlig neues, intensives Geschmackserlebnis.

Zum Abschied gab mir Frau Mannsfeld ein Glas mit eingelegten Pilzen, die sicher nicht mit Calcium-dinatrium-ethylen-diamintetraacetat haltbar gemacht wurden und eine Tüte voll Paprikaschoten, die garantiert nicht mit Imazalit oder Iprodion gespritzt waren.

…und morgen gehe ich als freiwilliges Versuchskaninchen wieder einkaufen!

© Dieter Kermas

Photo: Pinterest- Pin by Haike found on bauernhof-urlaub.com

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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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