Zwiegespräch

Polar Bear

Zwiegespräch

Aus der Dunkelheit der Felswand löste sich ein massiger Schatten und kam langsam auf mich zu. Der Mond, eine Wolke hatte ihn vorher verdeckt, trat hervor und beleuchtete mit fahlem Licht die Szene. Jetzt sah ich es ganz deutlich. Es war ein gewaltiger Eisbär, der witternd den Kopf in die Luft streckte. Dann näherte sich das Tier mit lautlosen Schritten. Am Absatz des Plateaus blieb der Bär stehen und blickte zu mir herüber. Seine dunklen Augen sahen bei dieser Beleuchtung nur wie schwarze Löcher im weißen Fell aus.
Dann sprach ich ihn an.

„Du bist aber ein ganz Feiner. Kannst ruhig näherkommen, ich tu dir nichts. Wie alt bist du denn? Ich bin schon sechszehn Jahre alt. Nun trau dich schon! Komm her!“  Meine nächtliche Bekanntschaft setzte sich tatsächlich wieder in Bewegung. Bedächtig tapste der Bär auf abgeflachten Felsabsätzen Stück für Stück näher auf mich zu. Zwischendurch blieb er stehen, sah zu mir auf und sog die Luft prüfend in seine schwarze Nase ein.  Dann stieg er die letzten Stufen hinab und befand sich nun im tiefen Graben, der um die Freianlage angelegt war.

„Na, da bist du ja endlich“, setzte ich mein Gespräch mit dem Bären fort. Er schnaufte etwas beim Luftholen. Das deutete ich als zustimmende Antwort.
Seine Neugier auf mich war verständlich. Wer kommt schon auf den Gedanken, sich in tiefer Nacht mit einem Eisbären zu unterhalten.
Um ihn besser sehen zu können, beugte ich mich ein wenig nach vorne. Upps, beinahe wäre ich vornüber gekippt. „Ha, das hätte dir wohl so richtig gepasst“, rief ich ihm zu und hielt mich mit beiden Händen wieder an der abgerundeten Begrenzungsmauer fest.

Der Bär stand nun direkt unter mir. Gemächlich richtete er sich auf und streckte eine Tatze nach meinen Beinen aus, die verlockend vor ihm an der Wand baumelten.  Meine Beine erweckten seine ungeteilte Neugier. Er machte sich, auf seinen Hinterbeinen stehend, so lang wie nur möglich, um sie mit den Tatzen zu erreichen. „Da haste Pech, da musste noch etwas wachsen“, flüsterte ich ihm zu. Gottlob war zwischen meinen Füßen und den Pranken noch gut ein Meter Platz.

Durch eine Bewegung an der Felswand wurde ich in diesem Moment abgelenkt. Ein zweiter Bär bewegte sich auf den Graben zu. Als er die Grabensohle erreicht hatte und Anstalten machte, näherzukommen, dreht sich mein Gesprächspartner zu ihm um und wies ihn mit einem kurzen, fauchenden Knurren an, sich zurückzuziehen. Der zweite Bär wiegte den Kopf hin und her, begann zuerst rückwärts und dann vorwärts aus dem Graben zurück auf das Plateau zu klettern.

So, nun können wir unsere Unterhaltung ungestört fortsetzen, dachte ich.
Allmählich machte sich das reichlich getrunkene bayerische Bier bemerkbar. Schlagartig begann ich, müde zu werden. Die weitere Unterhaltung ist mir nicht mehr gegenwärtig.  Nur der Schreck, der mir selbst in meinem benebelten Zustand kurz danach durch die Glieder fuhr, ist mir bis heute gut in Erinnerung. Verursacht wurde er durch einen starken Arm, der sich um meine Brust legte und von der Brüstung riss.

Der Arm gehörte einem Zoowärter, der Nachschicht hatte und mich redseligen Preußen kurz vor dem Sturz ins Eisbärengehege bewahrt hatte. Es ergoss sich ein Schwall Worte über mich, die ich nicht genau verstehen konnte. Erstens war ich zu betrunken, und zweitens sprach der Mann ein für mich unverständliches breites Fränkisch. Er brachte mich zurück in das Zoorestaurant, das mein Onkel Geo anlässlich des 50. Firmenjubiläums für den Abend gemietet hatte.

Da für meinen Cousin und mich in unsrem Alter Feiern dieser Art ein Graus waren, hatten wir vorher in einem Bierlokal kräftig dem Bier zugesprochen. Irgendwann hatten wir uns getrennt. Er war nach Hause gegangen und ich war zurück in den Nürnberger Zoo gelaufen, um ein Zwiegespräch mit einem Eisbären zu führen, wow!

© Dieter Kermas

Photo: ©CaliforniaGermans———————————————————————————————————————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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