Erfahrungen einer Leseratte

Carl Spitzweg "Der Bücherwurm"

Erfahrungen einer Leseratte

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
 

Im Alter von etwa vierzehn Jahren war kein Buch vor mir sicher. Es musste gelesen werden. Mit Abstand reizten mich spannende Abenteuerromane und Reiseberichte, die aus der weiten Welt berichteten. Da in der Nachkriegszeit das Portemonnaie meiner Eltern oft recht dünn war, konnten wir nicht so viele Bücher kaufen, als ich es gern gehabt hätte. So meldete ich mich bei einer kleinen Bücherei an, die einige Häuser von uns entfernt aufgemacht hatte.
Eines Tages empfahl mir der Büchereibesitzer ein Buch von Sven Hedin. Dieser Band handelte von einer Reise nach Tibet um die Jahrhundertwende. Ich vertiefte mich so intensiv in die Schilderungen, dass ich mich im Geiste mit Sven Hedin zusammen in den Nomadenzelten wiederfand, hörte förmlich die Stürme heulen, und die Yaks brummen. Besonders die Stellen, wo er beschrieb, wie er als Begrüßungstrank, den in Tibet so beliebten Buttertee gereicht bekam, weckte meine Fantasie. Ich überlegte, wie wohl dieser Tee geschmeckt hat. Sven Hedin beschrieb die Zubereitung so genau, dass ich mich entschloss, diese Frage durch einen Versuch zu beantworten. Mutter war gerade nicht da, und so war die Küche frei für mich.
Da ich keinen gepressten Tee, den sogenannten Ziegeltee hatte, nahm ich unseren schwarzen Tee, gab drei Teelöffel voll in einen kleinen Topf, goss zwei Tassen Wasser darauf, und ließ den Tee einige Minuten kochen. Dann fügte ich, in Ermangelung von Yakbutter, einen gehäuften Teelöffel Deutsche Markenbutter und noch Salz aus dem Salzstreuer dazu. Durch ein Teesieb goss ich den Tee in eine Tasse. Ich dachte noch einmal an die Teezeremonie im Nomadenzelt und nahm einen großen Schluck zum Gedenken an den Weltreisenden.
Pfui Teufel, was für ein widerlicher Geschmack. Ich schüttelte mich und erreichte gerade noch das Spülbecken, um den Nachgeschmack mit einem Schluck Wasser zu verdünnen. Welche Selbstbeherrschung musste Sven Hedin wohl gehabt haben, um dieses Gebräu nicht umgehend auf den Zeltboden gespuckt zu haben. Dass Yakbutter sicher noch strenger als unsere Butter geschmeckt haben dürfte, so dachte ich, trug sicher nicht dazu bei, dass der Tee besser geschmeckt hatte.
Den Rest vom Tee schüttete ich in die Toilette, stellte die Butter in die Speisekammer, wusch den Topf und die Tasse ab, und als Mutter nach Hause kam, saß ich brav über meinen Sven Hedin gebeugt und las.

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Einige Wochen später fesselte mich der Reisebericht eines Mannes, der in Afrika das Vorkommen und die Lebensweise von großen Säugetieren, speziell von Leoparden und Okapis, erforschen und mit Fotos belegen sollte.
Um die besonders seltenen und scheuen Okapis zu fotografieren, kam er auf die Idee, Fotofallen aufzustellen. Man suchte sich einen Wildwechsel, befestigte einen Fotoapparat an einem Baum, und spannte eine dünne Schnur, die mit dem Auslöser des Apparates verbunden war, über den Weg. Dann konnte man sich weit genug entfernen, um das Wild nicht zu verunsichern und hoffen, dass ein Tier die Schnur berühren, und den Fotoapparat auslösen würde.
Die Idee fand ich einfach toll. Vielleicht konnte ich so eine Fotofalle selbst einmal verwenden, dachte ich. Für meinen neuen Fotoapparat, einer Agfa- Silette, bastelte ich mir einen Auslöser, der durch eine Schnur betätigt werden konnte. Jetzt war es unumgänglich diese Mimik auch auf ihre Praxistauglichkeit zu testen.
Leider gab es weder ein Okapi noch einen Leoparden in unserer Wohnung. Da fiel mein Blick auf unseren noch völlig ahnungslosen Zwergspitz namens Peggy. Er musste für den Test herhalten.
Zuerst wurde der Fotoapparat mit einer Schraubzwinge auf einer Fußbank angeklemmt. Damit das Foto auch gut belichtet werden sollte, verwendete ich zusätzlich ein Blitzlicht.
Dann spannte ich eine dünne Schnur vom Auslöser des Fotoapparates an der Türöffnung vorbei bis zum Bein des Bücherschrankes. Dort zog ich die Schnur stramm und knotete sie fest.
Nun galt es, das Wild dazu zu bewegen, die Fotofalle auszulösen. So jagte ich unseren Hund erst ein paar Mal um den Esszimmertisch, um ihn dann plötzlich, den Weg versperrend, durch die Türöffnung zu hetzen.
Nun geschahen mehrere Dinge auf einmal. Unser Hund rannte, ob dieser für ihn ungewohnten Hetzjagd, leicht verwirrt durch die Türöffnung. Wie erhofft, spannte sich die Schnur, der Auslöser machte klick, und das Blitzlicht flammte auf. So weit so gut. Doch da die Schnur recht stramm gespannt war, riss unser Okapi-Hund den Fotoapparat aus der Zwinge, verwickelte sich in der Schnur und überschlug sich.
Nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, verschwand er, mich keines Blickes würdigend, unter das Sofa. Als ich ihn für seine aufopfernde Leistung dankbar streicheln wollte, knurrte er mich böse an und fletschte sogar die Zähne.
Ich verstand seine Seelenlage und trug ihm seine Reaktion nicht weiter nach.
Es ist nachzutragen, dass ich das Foto, es war übrigens sehr gut gelungen, nach über fünfzig Jahren, beim Aufräumen wiederfand.

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Eines Tages empfahl mir der Büchereibesitzer die Reiseerzählungen von Karl May zu lesen.
Zuerst las ich mit wachsender Begeisterung die Indianergeschichten. Dann jedoch spielten die Geschichten in einem südosteuropäischen Land. Es könnte der Band „Durch das wilde Kurdistan“, oder der Band „In den Schluchten des Balkan“, gewesen sein. Jedenfalls saßen in der Geschichte einige Männer um ein Lagerfeuer herum und brieten sich Fleischstücke, die sie auf dünne Äste gesteckt in die Flammen hielten.
Sie aßen die Fleischstücke und lobten den leckeren Geschmack. Ich stellte mir diese Art der Zubereitung so ähnlich vor, wie die eines Koteletts auf der Pfanne, nur viel schmackhafter durch das Raucharoma. Das musste ich ausprobieren.
Den Tag, als Mutter das Haus zum Einkauf verlassen hatte, nutzte ich für die Ausführung meines Planes.
Aus dem Nähkorb meiner Mutter holte ich mir zuerst eine lange, stabile Stricknadel. In der Speisekammer lagen für das Mittagessen drei Schnitzel. Ich schnitt vom Fleisch fingerdicke Streifen ab und steckte sie auf die Stricknadel. Dann machte ich die Flamme vom Gasherd an und hielt die Stricknadel in die Flamme. Um mir nicht die Finger zu verbrennen, hatte ich das Ende der Nadel mit einem Topflappen umwickelt.
Zuerst spritzte und knisterte das nasse Fleisch. Doch nach einer Weile färbte es sich erst weißlich und dann bekamen die Kanten eine braune Farbe.
Nach meiner Vorstellung mussten die Fleischstücken nun gar und essbar sein.
Ich streifte die Stücken von der Nadel, was recht schwer ging, und streute noch etwas Salz auf das Fleisch.
Mit einer Gabel, und in Vorfreude auf den besonderen Genuss, steckte ich mir eines der gebratenen Fleischstücke in den Mund.
Welch eine Enttäuschung ! Der Geschmack war so ekelig, dass ich das Fleisch umgehend in den Mülleimer spuckte. Was war die Ursache?
Wie ich erst später erfuhr, enthält das Stadtgas auch Feuchtigkeit. Diese kondensierte an den zuerst kalten Fleischstücken und gab den Gasgeschmack voll an das Fleisch ab. Das Gasaroma hielt sich für Stunden in meinem Mund.
Kaum hatte ich diese herbe Tatsache einigermaßen überwunden, als ich hörte, wie Mutter vom Einkauf nach Hause kam. Ihr erster Weg führte sie in die Küche. So hatte ich keine Zeit mehr, um die Spuren meines Experiments zu verwischen.
„Was riecht denn hier so angebrannt?“ war ihre erste Frage. Doch dann sah meine Mutter mit einem Blick die etwas krumm gewordene, fleckige, mit Fleischfasern bedeckte Stricknadel und die Fleischstückchen auf dem Teller. „Du bist wohl nicht mehr zu retten!“ kam ihr Kommentar. Das Donnerwetter hielt noch länger an, als sie feststellte, dass das Fleisch nicht zu genießen war, und mittags fehlen würde.
Das Schlusswort lautete: „ Mach ja, dass du aus der Küche kommst, und die Stricknadel will ich heute noch blank und gerade sehen.“

Wie schwer hat es doch so ein junges Forschertalent!

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© Dieter Kermas

Photo: Carl Spitzweg “Der Bücherwurm” ( 1850) – WikimediaCommons———————————————————————————————————————–
Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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