Die Pilzsuche

2014Aug - Pilze (wikimedia)

Die Pilzsuche

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Der September begann mit mehreren Regentagen und mit recht warmen Temperaturen. Das war das Pilzwetter, auf das ich gewartet hatte. Ich vermeinte in meiner Vorfreude, die Pilze bereits zu riechen. Von unserem Haus in Berlin Hakenfelde bis zum Wald waren es nur ein paar Minuten zu Fuß.

Mit einem Körbchen für die Pilze und einem Küchenmesser ausgestattet, stand ich bald darauf im Wald und hielt Ausschau nach meiner Beute. Es dauerte länger als ich gehofft hatte, ehe ich die ersten Maronen einsammeln konnte. Doch dann füllte sich das Körbchen rasch. Da mich das Jagdfieber nun gepackt hatte, wollte ich unbedingt noch Birkenpilze oder Steinpilze finden.
So lief ich immer weiter, den Blick gierig auf den Boden gerichtet. An den Birken, wo ich früher Erfolg gehabt hatte, war heute nichts zu finden und von Steinpilzen ebenfalls keine Spur. An einer Schonung überlegte ich noch kurz umzukehren und mit meinem Ergebnis zufrieden zu sein. Nein, nur noch durch diese Schonung, deren Bäume sehr dicht und bereits recht hoch waren, entschied ich und bahnte mir einen Weg durch das Zweiggewirr.

Tief gebückt, und teilweise fast kriechend, zwängte ich mich durch das Dunkle der Kiefern. Keine essbaren Pilze zu sehen, nur Kremplinge. So entschloss ich mich, sobald ich die Schonung hinter mir hatte, mit meiner Ausbeute zufrieden zu sein und nach Hause zu gehen. Als ich aus der Schonung ins Freie trat, vernahm ich eine laute, barsche Stimme hoch über mir.
Spricht da Gott zu mir?, dachte ich.  Nein, es war nicht Gott, denn ich vernahm die Worte nun deutlicher : »Stehenbleiben! Sie befinden sich auf dem Boden der Deutschen Demokratischen Republik. Verlassen Sie auf der Stelle das Staatsgebiet!«
Ich schaute erschrocken nach oben und sah hinter dem Absperrzaun, einen hölzernen Wachturm der DDR und einen Grenzbewacher, der seine Kalaschnikow in den Händen hielt. Ich mit meinem Küchenmesser, er mit der Maschinenpistole, da diskutiere ich lieber nicht, entschied ich und kroch wortlos in meine Schonung zurück.
Ich ahnte zwar, dass die Grenze zur DDR im Spandauer Forst nicht allzu weit war, aber wie dicht, das wusste ich jetzt genau.

Einen Sommer später erinnerte ich mich an einige Stellen im Grunewald, wo ich früher sehr reichlich Pilze gefunden hatte. So fuhr ich zur Havelchaussee und pirschte mich durch den Wald, der licht und übersichtlich war. Hier war keine Grenze weit und breit und keine Gefahr, als Grenzverletzer versehentlich erschossen zu werden.

Die Ausbeute war nicht berauschend, aber so peu à peu fand sich Pilz um Pilz im Körbchen ein. Plötzlich rutschte mein linker Fuß in einen Hohlraum. Ich warf mich nach rechts, fiel auf den Hosenboden und dachte ich wäre in einen Fuchsbau getreten. Ich sah auf die Stelle, wo kurz zuvor mein Fuß ins Leere getreten war und … bekam fast einen Herzschlag, als ein schwarzes Gesicht mit Stahlhelm an dieser Stelle auftauchte. »Hey man, watch where you’re goin´ «, hörte ich die Worte des GI. Er schlug das Tarnnetz etwas zu Seite und grinste mich mit seinen schneeweißen Zähnen freundlich an. »Sorry«, entschuldigte ich mich und er wies mit einer Handbewegung in eine Richtung, in der ich wohl nicht in ein weiteres Schützenloch fallen würde.

Auf dem Weg zu meinem Wagen sah ich dann an den Wegkreuzungen US-Armeefahrzeuge. Die Übungen wurden zwar meist vorher angekündigt, aber ich hatte davon nichts mitbekommen.
Ich beruhigte mich damit, dass ich im Grunewald nicht erschossen werde, sondern mir höchsten ein Bein brechen könnte.

© Dieter Kermas

 

Photo Attribution: “Mushrooms ml”. Licensed under Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5 via Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mushrooms_ml.jpg#mediaviewer/File:Mushrooms_ml.jpg———————————————————————————————————————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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