Im Botanischen Garten 1947

Botanischer Garten Berlin

Im Botanischen Garten 1947

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
 

„Was machen wir heute?“, fragte mich mein Freund Peter, als wir uns nach der Schule an der Haupt-/ Ecke Hähnelstraße trafen. Wir beiden Bengel, gerade mal acht Jahre alt, überlegten nicht lange. Wir waren zwar am Botanischen Garten oft auf unseren Streifzügen vorbeigekommen, aber waren noch nie im Garten gewesen.
„Wir versuchen in den Botanischen Garten zu kommen“, schlug ich vor. „Einverstanden“, lautete die Antwort, und wir liefen los.
Nach etwa drei Kilometern erreichten wir unser Ziel. Der Garten hatte nach dem Krieg noch nicht wieder eröffnet, und alle Tore waren verschlossen.

So umrundeten wir das Gelände, um ein Stelle zu finden, wo wir hineingelangen konnten. In einer der Seitenstraßen fanden wir ein Loch in der gusseiserenen Umzäunung und schlüpften hindurch. Vorsichtig, wie die Indianer bei Karl May, schlichen wir durch das menschenleere Gelände.
Die Frühlingssonne hatte die Luft erwärmt, und es roch dumpf nach feuchter Erde und altem Laub. Die ersten Tulpen streckten ihre Köpfe dem Licht entgegen, und der Rasen zeigte einen Anflug von Grün.
Vor dem großen Tropenhaus sahen wir große Muschelhalbschalen, die fast einen Meter im Durchmesser maßen. Sie hatte sich mit Regenwasser gefüllt und dienten so den Vögeln als Tränke.

Das Tropenhaus mit seiner imposanten Höhe, zog uns magisch an. Da mussten wir unbedingt rein. Die Tür an der Vorderseite stand offen, und wir betraten zögernd die gläserne Kathedrale. Unter unseren Schritten knirschten die Glasscherben, die überall den Boden bedeckten. Ein großer Teil der Verglasung war durch Kriegseinwirkung zersplittert und herausgefallen. Durch die zerbrochenen Scheiben wehte ein leiser, aber merklicher Frühlingswind.
Keine der Pflanzen hatte die letzten Winter überlebt. Büsche und kleine Bäume standen braun und vertrocknet da, kein Grün war zu sehen. Es herrschte eine gespenstische Stille.

Dann entdeckten wir die Palmen. Genauer gesagt, das, was von den Palmen noch übrig war. Ihre Palmenwedel hingen braun und verdorrt herunter.
Erschreckt fuhr ich zusammen, als mein Freund flüsterte: „Hast du gesehen, die Palmen bewegen sich!“ „Du spinnst“, antwortete ich. Doch kurz darauf musste ich ihm Recht geben. Die Stämme bewegten sich leicht hin und her. Wir traten näher und sahen, dass die Stämme kurz über dem Boden abgefault waren und kurz über dem Boden endeten. Nun schwebten sie, nur von Seilen an der Dachkonstruktion gehalten, frei in der Luft.                                                         Sofort hatten wir dieselbe Idee. Erst langsam, vorsichtig, und dann immer stärker, begannen wir die Palmenstämme zum Pendeln zu bringen. Jeder hatte sich einen Stamm ausgesucht. Wenn die Pendelbewegung groß genug erschien, sprangen wir an den Stamm, umklammerten ihn, und ließen uns hin und her schwingen. Das machte uns so großen Spaß, dass wir vor Freude einen Heidenlärm vollführten.

Plötzlich riss uns eine barsche Stimme aus unserem Freudentaumel: „Was macht ihr Lausebengel da. Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen. Was ist, wenn die Seile reißen? Kommt sofort hierher!“, rief der mit einer Uniformmütze als Wächter gekennzeichnete alte Mann.
Nee, das wäre wohl das Letzte was wir machen würden. Wir sprangen von unseren Palmenpendeln und rasten quer durch die Halle auf die andere Seite.
Der Mann folgte uns sofort. Zu unserer Erleichterung sahen wir, dass er am Stock ging und mühselig hinkend, keine Gefahr für uns darstellte.
Doch er war zäh und diensteifrig. Laut schimpfend verfolgte er uns weiter durch die Halle. Als wir einen Ausgang auf der anderen Hallenseite suchten, stellten wir fest, dass wir in der Falle saßen. Alle Türen waren abgeschlossen. Was nun?
Ehe er uns erreichte, entdeckten wir eine kleine schmale Tür, die nicht verschlossen war. Sie führte leider nicht nach draußen, aber wir huschten hindurch, jede Chance ergreifend, die sich uns bot.

Hinter der Tür führte eine sehr schmale Eisentreppe in die Höhe. Wir stiegen höher und höher. Dann standen wir oben in schwindelerregender Höhe und wagten kaum einen Blick nach unten zu werfen. Wir standen auf einer Art Galerie, die sich innen um das Gebäude herumzog.                                           Längst hatte unser Verfolger aufgegeben. Nun stand er unten in der Halle und schimpfte nicht mehr. Vielmehr bat er uns fast flehentlich, doch bitte herunterzukommen, ehe noch ein Unglück geschähe.  Wir waren über diese Wendung erleichtert und kletterten vorsichtig, einige Stufen fehlten auf der Treppe, nach unten.

Doch als wir dann endlich in der Halle angelangt waren, und der Wächter auf uns zu kam, pesten wir rechts und links an ihm vorbei und zur Tür hinaus. Er rief uns noch etwas nach, aber seine Worte erreichten nicht mehr unsere Ohren.
Ohne Verzögerung, die kleinen Gewächshäuser als Deckung nutzend, eilten wir zu unserem Loch im Zaun, kletterten hindurch und fühlten uns einfach großartig.

Einige Jahre später sahen Peter und ich den Film „Tarzan“ mit Jonny Weissmüller im Roxy-Palast. Hätte uns dieses Filmteam damals an den Palmenstämmen hängen gesehen, darin waren wir uns einig, dann hätten wir ganz sicher eine Rolle als Schimpansen im Film erhalten.

© Dieter Kermas

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Photo © Berlins Grüne Seiten “Botanischer Garten Berlin-Mittelmeerhaus”

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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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