Der Hochsitz

Hochsitz - Kermas

Der Hochsitz

( Eine Fabel von Dieter Kermas)
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Der Herbstwind fegte über das Getreidefeld, und die reifen Getreidehalme mussten sich vor ihm verneigen.
Plötzlich übertönte lautes Motorgeräusch den Wind und ließ die Tiere des Waldes erschreckt aufhorchen. Was hatte das zu bedeuten, überlegten sie. Sicher ist es nicht Gutes, wenn sich die Menschen dem Wald näherten. Der Eichelhäher war der Erste, der den kleinen Lastwagen erspähte und den anderen Tieren Bericht erstattete.
»Auf dem Wagen liegen Bretter, Balken und Fichtenstämme«, rief er den Tieren zu.

Aufgeregt stellten sie Vermutungen an, was das wohl zu bedeuten hätte.
Der Wagen hielt am Waldrand, da wo das Getreidefeld endete. Die Männer luden das Holz ab. Bald schallten das Kreischen einer Säge und die dumpfen Schläge von Äxten durch die Stille. Verwundert sahen sie, wie ein Turm entstand. Oben war ein kleines Häuschen und über eine Leiter konnte man das Häuschen erreichen. Der alte Hase hatte sein geliebtes Kleefeld verlassen und hatte sich zu den Tieren des Waldes gesellt.
Er hatte viele Sommer und Winter kommen und gehen sehen. Nun hoppelte er etwas steifbeinig nach vorne und begann zu berichten:
»Liebe Freunde, das nennt man einen Hochsitz. «
»Wozu ist der gut? « fragte ein Reh aus der hinteren Reihe.
»Der ist nur für den Jäger gut, aber für uns bedeutet das größte Gefahr«, fuhr der Hase fort. Bei dem Wort „Jäger“ liefen den Tieren eiskalte Schauder über die Rücken. »Wie jedes Jahr beginnt nun die Jagdzeit und wir müssen ständig um unser Leben bangen, « ließ sich die tiefe Stimme des mächtigen Platzhirsches vernehmen.
»Was können wir dagegen tun? «, fragte angstvoll ein junger Hase.
»Das weiß ich auch nicht, « entgegnete der Hasengreis, » aber wir müssen eine Lösung finden, ehe die ersten von uns erschossen werden. «

Die Tiere stimmten dem Vorschlag zu und beschlossen sich in drei Tagen wieder hier zu treffen, um über die Maßnahmen zu beraten.
So berieten sich die Hasenfamilien, die Rehe, die Wildschweine und die Hirsche drei Tage lang. Am dritten Tag jedoch, als sie sich wieder versammelt hatten, konnte keiner von ihnen einen brauchbaren Vorschlag vorweisen. Selbst der listige Fuchs hatte keine Idee. Mutlosigkeit breitete sich aus und einige Tiere begannen vor Angst laut zu jammern.
Erschreckt wichen einige Tiere zu Seite, als ein unbekanntes Tier sich durch ihre Reihen zwängte. »Das ist unser Freund, der Biber«, ließ sich der große Hirsch beruhigend vernehmen und stellte den neuen Gast vor.
»Viele von uns kennen dich nicht, weil du dich stets am und im Wasser aufhältst. Außerdem, verzeih lieber Freund, gehst du auch gerne alleine deiner Wege«.
»Da hast du ganz recht«, stimmte der Biber zu und lächelte, so dass alle seine großen, gelben Nagezähne sehen konnten.
»Was verschafft uns die Ehre deines Besuches, « wollte der alte Hase wissen.

»Die Elster hat mir von euren Sorgen berichtet, « begann der Biber und fuhr fort
» ich bin eurem großen Hirsch noch eine Gefälligkeit schuldig«, erklärte er. »Könnt ihr euch noch an das Hochwasser vor zwei Jahren erinnern? Damals war meine Behausung in größter Gefahr. Auf dem Fluss trieben Baumstämme, und wenn sie meine Biberburg getroffen hätten, wäre sie sicher zerstört worden. Mit Sicherheit wären dann auch meine kleinen Kinder jämmerlich ertrunken. Doch dann tauchte euer mächtiger Hirsch auf, stellte sich mutig in den reißenden Fluss und schob die treibenden Baumstämme an meiner Burg vorbei in die Flussmitte. Nun ist der Tag gekommen, wo ich mich für seine Hilfe bedanken kann. «
»Wie kannst du uns helfen, lieber Biber? «, wollte eine Wildschweinmutter wissen.
»Wartet nur ab, ich habe bereits einen Plan, als ich auf meinem Weg hierher den Hochsitz gesehen habe. Ihr könnt mir vertrauen, denn ich bin sicher, dass meine Idee euch helfen wird«, versprach der Biber. Mehr wollte er aber nicht verraten, und das entsprach auch seinem recht verschlossenen Wesen.
Voller Hoffnung verließen die Tiere die Versammlung.

Am nächsten Abend, als die Dämmerung sich über die Natur legte, schlich der Biber vorsichtig zum Hochsitz. Dann begann er so leise wie möglich an einem der vier Fichtenstämme, die den Hochsitz trugen, zu nagen. Er nagte ganz dicht über der Erde den Fichtenstamm soweit durch, dass er gerade noch das Gewicht des Hochsitzes tragen konnte. Genauso machte er es mit den drei anderen Stämmen.
Ab und zu unterbrach er seine Nagetätigkeit, weil seine Kaumuskeln zu schmerzen begannen. Doch er gab nicht auf, weil er den Tieren sein Wort gegeben hatte.
Nachdem er fertig war, bedeckte er die Holzspäne so gut es ging mit Laub und begab sich auf den Heimweg.

Einen Tag vorher hatte der Bauer sein Getreide eingebracht. Nun konnte sich kein Tier mehr im Kornfeld verstecken. Darauf hatte der Jäger nur gewartet.
In aller Frühe, so gegen fünf Uhr, begab er sich zum Hochsitz. Er wusste, dass um diese Zeit die Rehe aus dem Wald kamen und über das Stoppelfeld laufen liefen.
Er wartete und wartete, nichts regte sich. Was er nicht wissen konnte, der alte Hase hatte alle Tiere gewarnt, über das Feld und vor das Gewehr des Jäger zu laufen. Gut versteckt warteten sie, was nun weiter geschähe und wie der Biber sie retten wollte.
»Oh, seht doch«, rief der Eichelhäher aufgeregt und recht laut von der Spitze des Baumes, » da sind Rehe auf dem Feld! «
»Die sind sicher aus einem anderen Wald und wissen nicht von der Gefahr, die ihnen auf dem Feld droht, « vermutete der Hirsch voller Sorge. » Ich fliege hin, und werde sie warnen, « schlug der Eichelhäher vor. »Doch ehe er zu den Rehen fliegen konnte, geschahen mehrere Ereignisse auf einem Mal.
Ein Schuss dröhnte durch die Stille, der Aufschrei vieler Tierkehlen schallte durch den Wald und alle Rehe verschwanden blitzschnell vom Stoppelfeld. »Hurra, danebengeschossen! «, flüsterte die Wildschweinmama.
Im selben Moment, erst ganz leise, dann immer lauter hörten sie wie es im Holz des Hochsitzes zu knistern begann. Ganz langsam und dann immer schneller neigte sich der Hochsitz zu Seite und fiel krachend in die Büsche. Der entsetzte Schrei des Jägers begleitete den Fall. Durch den Rückschlag des Gewehres hatte der Turm einen solchen Ruck bekommen, dass die fast durchgenagten Stellen zu brechen begannen. « Das hat sich unser Freund, der Biber, aber sehr gut ausgedacht, « lobte der Hirsch ihren Retter voller Anerkennung.

Derweil war der Jägersmann aus den Trümmern seines Hochsitzes gekrochen, betastete seine Arme und Beine. Erleichtert stellte er fest, dass nichts gebrochen war. Dann besah er sich die durchgenagten Fichtenstämme, schüttelte ungläubig den Kopf, nahm sein Gewehr und verschwand leicht hinkend für immer.
Nun eilten die Tiere zum Biber, bedankten sich herzlich und wünschten ihm viele gesunde Jahre. Ganz besonders freute sich der Biber, als sie ihn einstimmig zum Ehrenwaldtier ernannten.

© Dieter Kermas

Photo ©CaliforniaGermans———————————————————————————————————————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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