Der Blaue Besucher

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Der blaue Besucher

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Die Holzscheite knisterten Funken sprühend im Ofen. Ich schaute in die tanzenden Flammen und meine Gedanken drehten sich in einer Warteschleife. Ab und zu fauchte eine herbstliche Sturmbö in den Schornstein. Die kleine Berghütte lag weitab von anderen Behausungen. Hier verbrachte ich den Sommer, um im Herbst in meine Stadtwohnung zurückzukehren.

Hatte es eben geklopft? Die Warteschleife stoppte. Ich lauschte. Ja, da war es wieder, das zaghafte Klopfen. Wer sollte sich um diese Jahreszeit so spät hier oben herumtreiben? Ich tappte zur Tür, öffnete, und obwohl ich normalerweise nicht leicht aus der Fassung zu bringen bin, trat ich erschrocken einen Schritt zurück. Eine kleine Gestalt, etwa so groß wie ein Kind von fünf Jahren, stand da im Licht, das aus dem Wohnzimmer auf die Türöffnung fiel. Sie schien in einem hellblauen Taucheranzug zu stecken. Beim näheren Hinsehen fielen mir die extrem dünnen Ärmchen und der kugelrunde Kopf mit den schlitzförmigen Augen auf. Nein, das war gewiss kein Kind das sich verlaufen hatte.

In diesem Moment öffnete sich der lippenlose Mund und Laute, die sich wie Vogelgezwitscher anhörten, erreichten meine Ohren.
Was war das für ein Wesen? Da es sehr klein war und nicht gefährlich aussah, zeigte ich in Richtung der Wohnstube und sagte: „Nun komm schon rein, sage mir wer du bist und was du hier willst.“ Das blaue Männchen stakste auf den ebenfalls sehr dünnen Beinchen in das Zimmer.
Ich zeigte auf einen Stuhl, der neben dem Tisch stand. Das Geschöpf bewegte den Kopf hin und her und ich begriff, dass es nicht verstanden hatte was es sollte. Ich setzte mich auf den anderen Stuhl, der Bläuling verstand und kletterte mühsam auf den anderen Stuhl.

Der späte Gast piepste vor sich hin, griff sich an den Bauch, wobei sich eine Tasche öffnete. Aus der Bauchtasche holte er einen Gegenstand heraus, der wie ein Taschenrechner aussah. Er streckte ihn mir entgegen, öffnete und schloss abwechselnd seine Mundöffnung, wobei er heftig zwitscherte. Ich stutzte einen Moment und dachte dann, ich solle etwas in das Gerät sprechen. So begann ich den Besucher zu begrüßen und nach seiner Herkunft zu fragen. Mitten im Satz zog der Blaue das Gerät zurück und drückte mit einem Finger seiner vierfingrigen Hand auf die Tasten. Das blaue Wesen sprach nun selber in das Gerät und ich hörte erstaunt die ersten Worte des Besuchers in meiner Sprache. Die Worte waren nur mühsam zu verstehen, da sie von einem Sprachsynthesizer erzeugt wurden.

Er sprach von einer fernen Galaxie und von Erkundungsflügen, die von ihnen seit vielen Jahren durchgeführt werden. Als ich nun weitere Fragen stellte, begann der Apparat meine Worte simultan in das Vogelgezwitscher zu übersetzen. Neugierig geworden fragte ich nach dem Namen meines Gastes. „Mein Name ist Sidola“, quäkte das Übersetzungsgerät. Ich nannte nun meinen Vornamen. Warum er gerade hier in diese abgelegene Gegend gekommen war, wollte ich wissen. Darauf erklärte Sidola, dass ein zu früher Kontakt mit zu vielen Menschen als gefährlich für seine Mission angesehen werde.

Der Kleine machte immer größere Pausen im Gespräch und wirkte sichtlich erschöpft. Ich muss ihm etwas zur Stärkung anbieten, überlegte ich, stand auf und holte zwei Gläser aus dem Schrank. Dann griff ich in einen Kasten, der neben der Tür stand, und stellte zwei Flaschen Bier auf den Tisch. Sichtlich neugierig beobachtete der Gast, was nun weiterhin geschah. Ich öffnete die Flasche wobei der Besucher bei dem zischenden Geräusch zurückzuckte. Die Gläser standen gefüllt und mit einer schönen Schaumkrone versehen zwischen uns. Ich hob das Glas, sagte Prost und nahm einen kräftigen Schluck. Sidola hatte das aufmerksam verfolgt, packte mit beiden Händen sein Glas und versuchte etwas zögernd einen Schluck zu nehmen. Da seine Mundöffnung etwas zu klein für das Glas war, schwappte etwas Bier daneben. Sidolas Zwitschern wurde sofort übersetzt. „Gut, gut, was ist das“, kam die Frage. „Das ist Bier“, antwortete ich. Sidola setzte erneut das Glas an und trank es bis zum letzten Tropfen aus. Der Kleine hat einen ganz schönen Zug, dachte ich und schenkte neu ein.

Ohne abzuwarten stürzte Sidola auch diese Menge in sich hinein.
Ein Kohlensäurerülpser entfuhr dem Kerlchen. Er erschrak und zwitscherte so heftig, dass das Übersetzungsgerät nur Unsinn übersetzte. „Mehr, mehr“, verstand ich schließlich und wunderte mich, wie viel in diesen kleinen Körper hineinging. Nach der zweiten Flasche, die wir uns teilten, begann der Alkohol bei meinem Besucher Wirkung zu zeigen. Sein hellblauer Kopf färbte sich dunkelblau und sein Oberkörper schwankte vor und zurück.
Sidola zeigte auf das Bier und dann auf mich. „Wielange?“, verstand ich aus der etwas wirren Übersetzung. Zuerst wusste ich nicht, was der kleine, sichtlich angeheiterte Gast wissen wollte. Vielleicht will er wissen, wie lange bereits Bier gebraut wird, überlegte ich und antwortete:
„ Mehr als achthundert Jahre.“ Daraufhin patschte der Kleine, wie ein Kind erfreut, die Hände zusammen und piepste erregt in den Übersetzer. „Wie macht man das?“, tönte es aus dem Kästchen.
„Warum willst du das wissen?“, erkundigte ich mich. „Weil ich endlich das Elixier für ein langes Leben gefunden habe“, quiekte es.

Schlagartig dämmerte es mir, das hier ein Missverständnis vorlag. Sidola hatte, als er auf mich zeigte, wissen wohl wollen wie alt ich wäre. Als ich, in der Annahme, er wolle wissen wielange bereits Bier gebraut würde, achthundert Jahre nannte, hatte es Sidola auf mein Alter bezogen. Leicht beduselt schloss Sidola daraus, dass ich achthundert Jahre alt war und das dem Bier zu verdanken habe. Selbst meine längeren Erklärungen, dass hier ein Irrtum vorliege, konnte Sidola nicht überzeugen. Er begann immer lauter und erregter zu zwitschern, so dass ich es aufgab den Irrtum zu berichtigen.

Immer heftiger und lauter forderte Sidola das Geheimnis der Bierherstellung zu erfahren. Ich überlegte krampfhaft, wie ich mich aus dieser Situation befreien konnte. Dann kam mir der rettende Gedanke. Vor zwei Jahren hatte ich an einer Führung durch eine bayerische Brauerei mitgemacht. Zum Schluss erhielten die Teilnehmer ein Heftchen, in dem die Herstellung des Bieres genau beschrieben wurde. Viele Fotos und Tabellen ergänzten den Text. Ich holte das Heft, legte es vor Sidola hin. Dieser blätterte heftig durch die Seiten. Ich war mir sicher, dass er den Text nicht lesen konnte, aber die Bilder mit den Flaschen überzeugten den Gast, das Richtige erhalten zu haben.

Ohne nur einen Moment zu zögern, nahm Sidola das Übersetzungsgerät, bediente mehrere Knöpfe und begann seinen Bericht an den Heimatplaneten. Da der Übersetzungsmodus nicht abgeschaltet war, hörte ich mit wachsendem Erstaunen die Übertragung:
„Hier Sidola, habe soeben das Elixier für langes Leben gefunden. Es ist eine Flüssigkeit von der Farbe der Sonne, aufschäumend wie weiße Meeresbrandung, betörender frischer Duft, läuft kühlend herunter, bald darauf durchfließt ein wohliges Gefühl den Körper, der Kopf wird freier und es fällt mir leichter mit dem Erdmenschen zu kommunizieren. Lebenserwartung mindestens achthundert Jahre. So alt ist der Erdmensch, von dem ich die geheime Herstellung erfahren habe und die ich mitbringe. Ich trete sofort die Rückreise an. Sidola Ende.“

Ich konnte mir nur mühsam ein Grinsen verkneifen. Sidola rutsche von dem Stuhl, hielt mit einer Hand das Heft und sich selbst mit der anderen Hand am Tischbein fest. Dann wackelte er schwankend und in leichten Bögen Richtung Ausgang. Als ich ihn am Arm nehmen und helfen wollen, piepste er energisch „Nein, nicht anfassen, lass mich gehen, es eilt.
Danke für Lebensflüssigkeit. Ich komme wieder!“

Ich sah ihm nach, wie er im Mondlicht zum Waldrand strebte und bald darauf verschwunden war. Ein paar Minuten später knackte und prasselte es recht laut aus Richtung Wald. Eine leuchtende Kugel schoss in den Himmel und war in Sekundenschnelle verschwunden.
Ich stapfte zurück ins Haus und hatte arge Bedenken, dass der Kleine mit seinem ordentlichen Schwips den richtigen Kurs finden würde.

Sidola erreichte nicht seinen Heimatplaneten, um die Anleitung zum Bierbrauen abzuliefern. Bereits nach einigen Stunden Flugzeit wurde sein Raumschiff bei einer Kollision mit einem Asteroiden in tausend Teile zerfetzt.

Diese Katastrophe veranlasste die Bewohner seines Planeten umgehend eine groß angelegte Erkundungsmission zu starten. Die Herstellung des Lebenselixiers musste unbedingt in ihre Hände gelangen.
Somit ist wohl eindeutig geklärt, dass die immer häufigere Sichtung von UFOs allein der Suche nach dem Geheimnis der Bierbraukunst gilt.

© Dieter Kermas

Image: ©CaliforniaGermans

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Mauerspecht - März 1990,©Dieter Kermas

Mauerspecht – März 1990,©Dieter Kermas

Dieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans.

Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com

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