Häuptling Fliegender Bär (1.Teil)

Lewis_and_clark-expedition

Häuptling Fliegender Bär

(Eine Kurzgeschichte aus der Nachkriegszeit von Dieter Kermas)
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Am frühen Morgen hatte Häuptling „Flinkes Wiesel“ die Ältesten vom Stamm der Irokesen zusammengerufen. Eine Weile saßen sie schweigend im Kreis, ehe der Häuptling zu reden begann.
„Meine roten Brüder, es droht Gefahr. „Gebrochener Pfeil“ hat einen Späher der Huronen gesehen, als er unser Lager beobachtete. Als sich dieser entdeckt sah, flüchtete der feige Hund. „Gebrochener Pfeil“ konnte jedoch noch sehen, dass der Hurone in voller Kriegsbemalung war. Sie sind auf dem Kriegspfad. Wir müssen damit rechnen, dass die Huronen in Kürze in unsere Jagdgründe eindringen. Wir werden das Kriegsbeil ausgraben, unsere Wigwams tapfer verteidigen und ihre Skalps werden unsere Gürtel zieren. Hugh, ich habe gesprochen.“
Da trat „Heulender Wolf“ an den Kreis der Krieger heran und bat ums Wort. „Rede“, sprach der Häuptling.
„Es ist Eile geboten. Die ersten Krieger der Huronen sind auf der Sponholzstraße Ecke Hauptstraße gesichtet worden.“ Unter den versammelten Irokesen wurde es unruhig.
„So nah sind sie bereits?, rief erschrocken „Müdes Pferd“.
„Ja, sie haben mindestens zwölf Krieger an der Straßenbahnhaltestelle versammelt“, ergänzte der „Heulende Wolf“.
„Gebrochener Pfeil“ soll umgehend die Lage erkunden und herausfinden, was die räudigen Hunde von Huronen im Sinn haben“, befahl „Flinkes Wiesel“.

Eine halbe Stunde später kehrte „Gebrochener Pfeil“ zurück und teilte beruhigend mit, dass die Irokesen-Horde Badesachen dabei haben und mit der Straßenbahn sicher zum Baden fahren. Die Kriegsbemalung wäre nur Sonnencreme gewesen, entschuldigte sich „Gebrochener Pfeil“. Ein Aufatmen der Erleichterung ging durch die Reihe der tapferen Krieger.
Das Kriegsbeil wurde wieder eingegraben und das angesetzte Schlagballspiel konnte auf der Wielandstraße beginnen.

*****

Karl Mays Indianergeschichten fielen bei uns auf fruchtbaren Boden. Wir versuchten, sie voller Hingabe nachzuerleben. Je genauer unsere Kleidung und unsere Ausrüstung den Beschreibungen entsprachen, desto mehr fühlten wir uns als echte Nachfahren der roten Krieger.
Da wir kein Geld hatten, um uns die teuren Karl May- Bücher kaufen zu können, liehen wir sie uns bei einem kleinen Buchladen. Ein netter alter Mann hatte bald nach dem Krieg in der Hauptstraße 76 das Geschäft eröffnet. In dieser Zeit hatte kaum jemand das Verlangen, sich ein Buch zu kaufen. Aus diesem Grund erweiterte er sein Angebot um einen Buchverleih. Bald bemerkte er, dass wir seine besten Kunden waren. Wir hatten den Eindruck, dass er nur für uns fast alle Karl May- Bücher vorrätig hielt. Ab und an reichte unser Taschengeld nicht einmal für die Leihgebühr. Wir konnten aber sicher sein, dass er dann sagte: „Na gut, dann kostet es eben heute nur drei Groschen.“

Sicher litten die Hausarbeiten unter unserer Leidenschaft und ein Kriegsrat, der dringend abgehalten werden musste, hatte absolut den Vorrang.
Allein in unserem kleinen Bezirk in Berlin Friedenau gab es vier Indianerstämme. Jeder Stamm beanspruchte mehrere Straßenzüge als sein Revier, besser gesagt als seine Jagdgründe. So tummelten sich zwischen der Bundesallee und der Rubensstraße blutrünstige Cherokees, Apachen, Sioux und wir, die Irokesen.
So ein Indianerstamm muss aber erst einmal gegründet werden.
*****

In den langen Sommerferien gingen wir baden, spielten Schlagball und dachten uns täglich neue Streiche aus. Verreisen war so kurz nach dem Krieg nur wenigen vergönnt.
Unsere feste Clique bestand aus Günter, Klaus, Peter, Manfred und mir.
Auf der Fahrt mit der S-Bahn vom Bahnhof Friedenau zum Strandbad Wannsee erzählte Manfred begeistert von seinem neuen Karl Mayband „Winnetou“. Besonders die Stelle, an der Nscho-tschi, Winnetous Schwester, von weißen Banditen ermordet wird, schien ihm nahe zu gehen.
„Nu heul mal nicht gleich“, ließ sich Klaus vernehmen. Beleidigt hörte Manfred auf zu erzählen, drehte sich um und schaute aus dem Fenster.
„Ist ja schon gut“, beruhigte ihn Peter und versuchte ihn mit den Worten: „Wer hat denn die Schwester umgebracht?“, Manfred zum Weitererzählen zu animieren. Es klappte und Manfred erzählte weiter von einigen Erlebnissen der Indianer aus dem Buch.
Ich hatte mir von Peter ein paar Tagen vorher das Buch „Der Schatz im Silbersee“ ausgeliehen und fand es mindestens so spannend wie Winnetou, das ich bereits gelesen hatte.
Günter piepste:„ Ich werde mir demnächst eine Indianerausrüstung von meiner Mutter nähen lassen. Ein paar Federn hat mir mein Onkel Paul von seinem Bauernhof bei Erkner mitgebracht. Wenn ich genug Federn zusammenhabe, mache ich mir einen Federschmuck und sehe dann aus wie ein Häuptling, uff!“
„Du mit deiner Größe, einen Kopf größer als ein Dackel, würdest nie Häuptling werden “, stichelte Klaus. „Mensch Klaus, du musst doch nicht immer so biestig zu deinen Freunden sein“, rügte ich ihn. „Is ja schon gut, ich meinte ja nur“, maulte Klaus.
Ehe wieder ein Gespräch aufkam, hielt die S-Bahn mit quietschenden Bremsen in Wannsee.
Auf dem Weg zum Kartenhäuschen schlug Günter plötzlich vor: „Wollen wir uns nicht alle eine Indianerkluft machen? Dann suchen wir uns einen passenden Indianerstamm aus und begeben uns auf den Kriegspfad.“ „Die Idee finde ich duffte“, stimmte Manfred zu und fuhr sofort fort „Wir sind dann Krieger der stolzen Apachen und alle anderen Stämme werden vor uns zittern.“ „Nee, das geht nicht“, wandte Günter ein, der sich wohl schon länger mit diesem Thema befasst hatte, „Apachen gibt es schon im Birkenwäldchen an der Lauterstraße. Wir müssen uns einen anderen Stamm aussuchen.“
In der Zwischenzeit hatten wir die obere Etage der Wannseeterrassen erreicht und hielten Ausschau nach einem geeigneten Platz am Strand. So weit das Auge reichte lagen die Besucher dicht an dicht wie die Robben auf einer Sandbank. So beschlossen wir, zu unserem Stammplatz ganz links zu gehen. Dort standen ein paar Weiden. Wenn wir genug getobt hatten und die Sonne unser Fell bereits angesengt hatte, zogen wir uns in deren Schatten zurück.
So lagen wir auf unseren Decken, nuckelten an einer Brause oder leckten ein Eis.
„Ja, was denn nun“, begann Günter erneut, „Welcher Stamm soll es nun werden?“
„Wie wäre es mit den Mohawks?“, schlug Manfred vor. „Nee, geht nicht. Von denen weiß man kaum etwas und wie sollten wir dann wissen, wie die gelebt haben“, schmetterte Peter den Vorschlag ab. Sioux, Cherokees, Delawares, Iowas, Schoschonen und Huronen wurden genannt und wieder verworfen. Entweder wussten wir zu wenig von ihnen oder es gab bereits einen Indianerstamm mit diesen Namen in Friedenau. Es war der kleine Günter, der den Stamm der Irokesen ins Spiel brachte. „Klasse, ließ sich Manfred vernehmen,“ die sind besonders gefürchtet und echt blutrünstig.“
Wir stimmten ab und der Stamm der Irokesen war geboren.
Nur Peter mäkelte noch etwas wie „die haben aber so doofe Frisuren, nur so ´n kleines Büschel Haare auf der Glatze.“
„Musst du dir ja nicht gleich zulegen“, stichelte Klaus.
Die Irokesen hatten nun neue Jagdgründe in Friedenau gefunden. Seit heute lag unser Stammesgebiet zwischen der Wieland- und der Hähnelstraße.

(Fortsetzung folgt nächste Woche – Story will continue next week)

*****

© Dieter Kermas

Image: ‘Lewis and Clark on the Lower Columbia’, Gemälde aus dem Jahr 1905 von Charles Marion Russell———————————————————————————————————————––

Mauerspecht - März 1990,©Dieter Kermas

Mauerspecht – März 1990,©Dieter Kermas

Dieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans.

Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com

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