Häuptling Fliegender Bär – (3.Teil)

Lewis_and_clark-expedition

HÄUPTLING FLIEGENDER BÄR – (FORTSETZUNG)

(Eine Kurzgeschichte aus der Nachkriegszeit von Dieter Kermas)

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(…) Am nächsten Tag suchte ich mir alles zusammen, was ich mir für die Ausstattung eines roten Kriegers vorstellte.

Der Kopfschmuck war sicher eines Häuptling würdig. Ein Stirnband mit vielen Gänsefedern zierte mein Haupt. Ein Tomahawk aus Holz und eine Messer, komplett aus einer Hirschgeweihstange gebastelt, steckten im Gürtel. Nur mit der Bekleidung stand es nicht zum Besten. Zuerst wollte ich meine geerbten, ledernen Bayerischen Seppelhosen anziehen. Doch als ich mich mit Federschmuck und Tomahawk im Ankleidespiegel betrachtete, war mir klar, das geht nicht.
Nun suchte ich mir eine kurze Hose und ein verwaschenes Hemd mit Karomuster aus. Zur Not musste das für die heutige Zusammenkunft reichen.
Doch dann kam die entscheidende Ergänzung meiner Ausstattung. Die Nerze mussten meinen Namen „Flinkes Wiesel“ bestätigen. „Flinker Nerz“ hörte sich nicht so gut an und mir gefiel„ Flinkes Wiesel“ auch viel besser.
Ich holte meinen Brotbeutel mit dem Pelzgetier und wollte gerade die Wohnungstür eilig hinter mir zuziehen, als Mutter in den Flur kam und fragte „Bist du mit den Schularbeiten fertig?“ Dabei fiel ihr Blick auf den Brotbeutel und mir das Herz in die Hose.
So beeilte ich mich zu sagen, dass ich die Hausaufgaben erledigt habe. Ehe vielleicht die nächste Frage den Beutel betraf, huschte ich aus der Tür und rannte die Treppen hinunter.
Glücklicherweise sah keiner meiner roten Brüder, wie ich die Flucht vor einer Squaw ergriff.

Erst als ich in der Wielandstraße angekommen war, schlich ich in den Hausflur von Nr. 43, zerrte die Nerze aus dem Beutel und legte sie mir um die Schultern.
Kaum war ich auf der Straße, um mich zum Treffpunkt zu begeben, als ein älteres Paar auf mich zukam. Die Frau zeigte sofort auf mich und schüttelte fassungslos den Kopf, währen der Mann sein Gesicht zu einem belustigten Grinsen verzog. Gut, ich gebe ja zu, dass mein Aussehen nicht als normal zu bezeichnen war. Kurze Hosen, Federn auf dem Kopf und Mutters Sonntagsraubtiere um den Hals. Ein Bild für die Götter.

Mit den Worten „Ick werd verrückt, aber det sieht knorke aus,“ begrüßte mich Klaus . Die anderen Stammesbrüder blickten etwas neidvoll auf meine Jagdbeute und fanden den Namen „Flinkes Wiesel“ als absolut passend gewählt.
„Und das hat deine Mutter dir gestattet?“ fragte überflüssigerweise „Müdes Pferd“. Ich blieb ihm die Antwort schuldig.
Wir zogen uns in unser Wigwam auf dem Ruinengrundstück in der Hauptstraße Nr.87 zurück. Die Ruinen zwischen der Sponholzstraße und der Hauptstraße waren 1948 noch nicht gesprengt und abgeräumt.
Dort hatten wir ein tiefes Loch im Hof mit zwei Blechtüren abgedeckt und aus Ziegelsteinen bankähnliche Sitzgelegenheiten aufgeschichtet. Für den Einstieg schoben wir eine Blechtür zur Seite, stiegen hinunter und zogen die Tür wieder an die alte Stelle. So konnte uns niemand so leicht entdecken.
Die Beleuchtung bestand aus Kerzen, die wir von zu Hause gemaust hatten.
Adlerauge berichtete von einem Indianer –Schmöker, auf dessen Umschlag der Held einen Lederanzug trug. Im Text hatte er gelesen, dass dieser Anzug mit den Borsten eines Stachelschweines verziert war. Adlerauge fand die Ausschmückung mit den schwarz-weißen Stacheln so klasse, dass er bereits einen Schlachtplan hatte, wie und wo wir uns diese besorgen könnten. „Wo denn?“ fragte „Heulender Wolf“, im Grunewald habe ich noch kein Stachelschwein gesehen!“ „Blödmann“, erwiderte Adlerauge und sagte nur drei Worte,
„Aus dem Zoo!“ „Uff“, det is ne jute Idee“, kommentierte Gebrochener Pfeil die Lösung.
„Wenn wir da alle Mann hingehen, das fällt sicher auf,“ gab ich zu bedenken.
„Als Häuptling musst du aber unbedingt dabei sein“, verlangte Adlerauge.
„Zu zweit fällt es am Wenigsten auf“, meinte Müdes Pferd und war wohl froh, dass er nicht mitgehen musste.
„Am Wochenende ist da aber viel zu viel Betrieb“, gab ich zu bedenken. „Wir haben Ferien und du kannst mit Adlerauge doch gleich morgen am Mittwoch gehen,“ schlug Gebrochener Pfeil vor. Der Vorschlag wurde einstimmig für gut befunden und wir trennten uns. Vorher jedoch verabredete ich mich mit Adlerauge um acht Uhr. Wir wollten sehr früh in den Zoo, damit wir möglichst wenigen Besuchern begegneten.
Bevor ich unsere Höhle verließ, steckte ich die Pelztiere wieder zurück in den Beutel.

*****

Adlerauge war erstaunlich pünktlich und vom Innsbrucker Platz fuhren über Westkreuz bis zum Bahnhof Zoologischer Garten. Wir kannten uns gut aus im Zoo und nach fünf Minuten standen wir am Gehege der Stachelschweine. Das Gelände der Stachelschweine lag etwa einen Meter tiefer als der Weg und nur eine niedrige Mauer trennte uns von den Tieren. Die davor verlaufende Absperrung durch eine etwa dreißig Zentimeter über den Boden verlaufende Eisenstange konnte uns nicht abhalten. „So, nun los“, forderte ich Adlerauge auf. Beeile dich, im Moment ist die Luft rein.“ Doch da verließ ihn der Mut und er sagte „Ich trau mich nicht, mach du das!“ Also gut dachte ich, stieg über die Absperrung und beugte mich über die kleine Mauer. Wir wussten von früheren Zoobesuchen, dass Stachelschweine gerne Äpfel fraßen. Daran hatte ich gedacht und holte einen kleinen Apfel aus der Hosentasche. Zwei Stachelschweine waren ganz dicht unter mir an der Mauer und wärmten sich in der Sonne. Dann warf ich den Apfel vorsichtig genau zwischen die Beiden. Sie fuhren erschreckt auseinander, kamen aber sofort neugierig zurück. Das größere Schwein begann am Apfel zu knabbern. Das war die Gelegenheit für mich. „Peter, halt mich am Gürtel fest, damit ich nicht im Gehege lande,“ rief ich ihm zu. So abgesichert beugte ich mich so weit nach unten, bis meine Hand kurz über den Stacheln schwebte. Dan packte ich zu und hielt einen der großen Stacheln fest umklammert. Das Stachelschwein knurrte, schnaufte und versuchte sich loszureißen. Was hatte das kleine Tier für eine Kraft. Ein Glück, das mich Peter festhielt. Mit einem Ruck befreite sich der Stachler und floh wackelnd in seine Höhle. Dort blieb er im Eingang stecken und zeigte uns seine stachelbewehrte Kehrseite. Triumphierende hielt ich einen der wunderschönen schwarz-weißen Stacheln in der Hand.

Nun aber so schnell wie möglich weg vom Tatort, dachte ich und reichte Adlerauge die etwa dreißig Zentimeter lange Beute.
Er steckte den Stachel blitzschnell unter sein Hemd und bedankte sich bei mir. „Schon gut“, wehrte ich ab und war heilfroh nicht erwischt worden zu sein.
Ehe wir den Ort verließen, las ich neugierig das Schild, welches Auskunft über das Leben der Stachelschweine gab.
Ich las: Stachelschweine gehören zu den Nagetieren und kommen in Afrika und Asien vor.
Sie ernähren sich von pflanzlicher Nahrung ……
„Also nicht in Nordamerika?“ ging es mir durch den Kopf. Dann war die Beschreibung mit der Stachelschweinverzierung des Indianer-Anzuges reine Fantasie.
Wir beeilten uns den Zoo zu verlassen und unterhielten uns auf dem Rückweg noch aufgeregt über den Erfolg.

Erst viele Jahre später las ich, dass es Baumstachler in Nordamerika und Alaska gibt. Diese haben aber nur dünne kurze Stacheln. Vielleicht hatte man damit die Mokassins der Indianer verziert. Sicher hatte der Autor der Indianergeschichte diese Borsten gemeint und wir hatten ein armes Afrika – Stachelschwein geschändet.
*****

(Fortsetzung folgt nächste Woche – Story continues next week)

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© Dieter Kermas

Image: ‘Lewis and Clark on the Lower Columbia’, Gemälde aus dem Jahr 1905 von Charles Marion Russell

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Mauerspecht - März 1990,©Dieter Kermas

Mauerspecht – März 1990,©Dieter Kermas

Dieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans.

Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com

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