Ein Geschenk des Himmels

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Ein Geschenk des Himmels

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Der glühend heiße Wind wirbelte Sandwolken um die Hütten und erschwerte das Atmen. Isatou deutete auf zwei magere Ziegen, die an den Dornsträuchern herumknabberten. »Schau Mamudu, lange werden sie es nicht mehr machen. Sie sind so mager, dass es fast nicht lohnt, sie zu schlachten.«

»Was kümmern mich die Ziegen. Sieh uns an. Seit Monaten kein Regen. Der Brunnen ist ausgetrocknet und die Hirse verdorrt. Allah möge uns bald Regen schicken, sonst werde wir nicht überleben.«

Die letzte Kuh hatten sie vor mehreren Wochen schlachten müssen, weil das magere Gras verdorrt war. Der Weg bis zu nächsten Wasserstelle war erstens zu weit und zweitens war es nicht sicher, dass sie Wasser enthielt. Die Alten lagen geschwächt und apathisch in den Hütten und warteten auf ihr Ende. Der Sohn des Dorfältesten war bereits an Unterernährung und Wassermangel gestorben.

»Legen wir uns in die Hütte und auf die Kühle der Nacht warten«, schlug Isatou vor.

»Und hoffen, dass sich am Morgen die ersten Regenwolken zeigen«, ergänzte Mamudou.

Gegen Morgen, die Sonne schob sich rot glühend und unbarmherzige Hitze verheißend, am Horizont empor, schreckten die Schläfer durch eine starke Erschütterung aus dem Schlaf.  Mamudou trat als Erster aus der Hütte. Suchend schaute er sich um. Dort, hinter den Akazien, dort lag etwas. Groß, weiß und unbekannt. Isatou war neben Mamudou getreten und sie starrten auf den Gegenstand, der sie aus dem Schlaf gerissen hatte.

»Was ist das?«, flüsterte Isatou. »Es muss vom Himmel gefallen sein«, überlegte Mamudou. »Vielleicht aus einem der Flugzeuge, die ab und zu über unsere Köpfe hinwegfliegen«, mutmaßte er.

»Ehe wir uns das Ding näher ansehen, fragen wir lieber Abdou, was es sein könnte. Er war lange Zeit in Timbuktu und ging dort in die Schule. Er müsste es wissen.«

Abdou, der Dorfälteste, war aus der Hütte gekrochen und hatte sich neben die Männer gestellt. Gemeinsam näherten sie sich vorsichtig dem unbekannten Objekt. Sie sahen einen weißen Behälter, der aufgeplatzt war. Eine der dicken Seitenwände hatte sich gelöst und lag daneben. Von dieser Seite aus konnten sie den Inhalt sehen. Der Deckel lag einige Meter entfernt im Sand.

Blendend weiß, stellenweise rot und goldgelb die Sonnenstrahlen blendend zurückwerfend, lag ein Eisblock vor ihnen. »Was ist das?«, fragte Isatou. »Allah sei Dank«, rief Abdou aus. »Es ist Eis, gefrorenes Wasser. Allah hat unsere Gebete erhört. Wir sind gerettet.«

Mamudou hatte recht mit seiner Vermutung, dass das Eis aus einem Flugzeug gefallen war. Eine unerwartete Turbulenz hatte die Maschine durchsacken lassen. Der schwere Eisbehälter hatte sich losgelöst, hatte die Ladeluke aufgedrückt und war in die Tiefe gestürzt. Der Eisblock war aus dem ewigen Grönlandeis herausgeschnitten worden und war für einen Eisskulpturen-Wettbewerb in Kapstadt vorgesehen. Die Sonne stand nun bereits höher und ihre Strahlen begannen, das Eis zu schmelzen.

»Wir müssen das Eis vor der Hitze schützen, sonst schmilzt es zu schnell«, rief Abdou.

Sie wuchteten die abgefallene, stark beschädigte Seite mühsam wieder hoch, legten den Deckel wieder auf den Behälter und begaben sich zurück zu den Hütten. Die Männer hockten sich in der Hütte von Abdou auf den Boden und begannen zu überlegen, wie das Wasser verteilt werden sollte.

»Wo ist Lamin?«, fragte Isatou. »Er wollte noch Zweige zum Schutz gegen die Sonne über die Kiste legen«, antwortete Abdou. Sie diskutierten bereits eine Weile, doch Lamin kam nicht.

»Ich sehe mal nach, wo er bleibt«, erbot sich Isatou und verließ die Runde.

Plötzlich wurde die Stille durch lautes Geschrei unterbrochen. Die Männer sprangen auf und stürzten aus der Hütte. Isatou zerrte den sich sträubenden Lamin hinter sich her in die Dorfmitte.

»Seht her«, rief Isatou aufgebracht,» er hat sich heimlich einen Krug mit dem Wasser gefüllt.« Dabei zeigte er auf Lamin, der den Krug hinter seinen Rücken zu verstecken suchte. Mamudou drohte ihm darauf sogar Schläge an.

»Das Wasser ist für uns alle. Jeder soll davon erhalten, ohne Ausnahme«, herrschte Abdou den Wasserdieb an.

»Es ist für meinen Großvater, er ist bereits so schwach, dass ich um sein Leben fürchte«, verteidigte sich der Zurechtgewiesene. Als er den Transportbehälter mit Zweigen abgedeckt hatte, sah er, dass sich in der tiefer liegenden Ecke des Behälters bereits Wasser gesammelt hatte. Diese Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen.

»Wir werden jetzt festlegen, wann und wie viel Wasser jeder bekommt«, ordnete Abdou an. »Ich denke, es ist am Gerechtesten, wenn wir darüber diskutieren und dann demokratisch abstimmen. So habe ich es in Timbuktu auf der Schule gelernt«, ergänzte er.

»Wenn das der richtige Weg ist, dann bin ich einverstanden«, meinte Isatou und alle nickten zustimmend.

»Wir müssen sehr sparsam damit umgehen. Wer weiß, wann der Regen kommt«, pflichtete Isatou dem Dorfältesten bei. »Zuerst sollten die Alten etwas Wasser bekommen«, sonst überleben sie keine Woche mehr«, schlug Mamudou vor.

»Nein, damit bin ich nicht einverstanden«, widersprach Abdou. »Zuerst sollten wir an die Kinder von Amie denken. Sie hat sich alles abgespart, damit nur ihre zwei Mädchen überleben.«

„Ah, pah, Mädchen«, schnaubte Mamudou, »Sie werden kaum zu unserem Überleben beitragen.«

»Dann bist du wohl auch dagegen, dass Amie und Fatou Wasser bekommen?«, fragte Lamin. »Die beiden Frauen sind noch jung, kräftig und zäh. Sie halten sicher länger durch als wir«, behauptete Mamudou.

»Ich schlage vor, dass zuerst Abdou Wasser erhält«, riet Lamin und hoffte damit seine Lage als Wasserdieb zu verbessern. »Auch wenn Abdou unser Dorfältester ist, glaube ich nicht, dass er bevorzugt werden sollte«, murrte Mamudou.

Sie diskutierten und diskutierten und das Eis begann, unter der sengenden Sonne zu schmelzen. Fatou trat in die Hütte und berichtete, dass schon Wasser aus dem Behälter in den Sand fließe.

»Was hattest du dort zu suchen«, erkundigte sich Abdou misstrauisch. »Hast du dir etwa von dem Wasser genommen?«, bohrte er nach. »Nein, bestimmt nicht. Ich wollte es euch nur sagen«, behauptete die Frau und beeilte sich aus der Hütte zu verschwinden.

»Da seht ihr, wie es geht. Wir müssen schnell eine Entscheidung treffen«, erinnerte Abdou an den Zweck ihrer Zusammenkunft.

Als sie sich mit der Reihenfolge der Wasserempfänger nicht einigen konnten, versuchten sie nun die Mengen für jeden festzulegen. Das stellte sich als noch schwieriger heraus.

»Wir, die Männer, müssen die größeren Mengen erhalten. Wir müssen bei Kräften bleiben, um zu überleben und das Weiterbestehen unseres Clans zu garantieren«, argumentierte Abdou. »Ohne Frauen wird das wohl nicht gehen«, wandte Lamin ein und lächelte vielsagend. So beratschlagten sie, bis die Nacht hereinbrach.

Bereits früh am Morgen begaben sich Abdou und Mamudou zu dem Eisblock. Sie erschraken. Der Block war sichtlich kleiner und der Sand um die Kiste war nass. »Das schöne Wasser. Es ist versickert. Wir hätten uns damit alle für einen Tag satt trinken können«, bedauerte Abdou den Verlust. Als Mamudou eine Tasse aus seinem Gewand zog und Wasser aus der Kistenecke schöpfen wollte, schlug ihn Abdou die Tasse aus der Hand. »Das darfst du nicht. Wenn uns jemand beobachtet, muss er glauben, dass wir uns heimlich am Wasser bereichern«, ermahnte ihn Abdou.

Sie fanden sich alle alsbald wieder in der Hütte ein und palaverten über das weitere Vorgehen. »Wir könnten doch schon jetzt jedem etwas Wasser geben«, schlug Lamin vor. »Solange wir nicht festgelegt haben, wer wie viel erhält, gäbe das nur Unfrieden«, behauptete Mamudou.

Und sie diskutierten bis in die folgende Nacht hinein und waren überzeugt, dass ihre Vorgehensweise demokratisch und richtig wäre.

Am nächsten Morgen sahen die Männer voll entsetzen, dass von ihrem kostbaren Wasserschatz nur noch ein kläglicher Rest im Behälter vorhanden war. Es war Lamin, der ein Messer aus der Tasche zog und blitzschnell ein Stück Eis abschlug. Ehe die anderen die Situation erfasst hatten, steckte er sich das Stück in den Mund.

»Du Sohn einer räudigen Hündin, dir werde ich helfen sich an unserem Wasser zu bedienen«, brüllte Mamudou und stürzte sich auf Lamin.

Lamin wehrte sich und verletzte dabei Isatou, der neben ihm stand. Isatou und Mamudou drangen nun beide auf Lamin ein. Abdou trat schlichtend dazwischen und erhielt einen Messerstich in die Seite. Es entbrannte eine wüste Keilerei, die damit endete, dass bei Abdou und Isatou Messerstiche behandelt werden mussten.

Dieser Gewaltausbruch machte sie nachdenklich und sie beschlossen, das restliche Eis klein zu hacken, in Behälter zu füllen und zu verteilen. Da sie jedoch recht erschöpft von der Rauferei und den Verletzungen waren, vertagten sie die Ausführung auf den nächsten Tag. Wie groß war die Enttäuschung, als sie am nächsten Tag nur noch eine kleine Wasserlache in einer Ecke des Behälters vorfanden.

»Das haben wir nun von deiner Demokratie«, maulte Lamin und blickte Abdou vorwurfsvoll an. »Jetzt können wir die Stunden zählen, bis uns die Sonne das Gehirn verdorrt hat und wir sterben werden«, fügte er entmutigt hinzu.

Ehe sich Abdou verteidigen konnte, rief Fatou am Eingang ihrer Hütte stehend:

»Hat jemand Durst?«

Die Männer näherten sich, um herauszufinden, warum Fatou diese Frage stellte. Sie bat die Männer in die Hütte. Klatschend schlug sich Abdou vor die Stirn und brach in ein nicht endenwollendes Gelächter aus. »Du Weib eines Shaitans, du hast uns alle an der Nase herumgeführt«, japste er voller Anerkennung und hielt sich den Bauch vor Lachen. Wobei er das mit dem Weib eines Teufels als Lob meinte.

Nebeneinander aufgereiht standen Krüge, Töpfe und Kessel nebeneinander. Alle randvoll mit Wasser gefüllt. Fatou und Amie hatten sich die ergebnislosen Diskussionen der Männer nicht lange mit angehört. Kaum waren die Männer in der Hütte verschwunden, hatten sie mit Hacken und Messern Stück für Stück das Eis kleingeschlagen und in die Behälter gefüllt.

»Wir haben uns gedacht, dass Demokratie sinnvoll sein kann, aber in besonderen Situationen kann sie lebensbedrohlich werden«, begründete Fatou ihre Entscheidung, das lebenserhaltende Wasser so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen.

Lamin stieß Mamudou von der Seite her an und fragte halblaut »Wie war das noch mit den Frauen, die kein Wasser brauchen, weil sie so jung und zäh sind?«

Was bleibt noch zu erzählen?

Das Wasser reichte, bis die ersten Wolkenbrüche hernieder rauschten und alle erleichtert Allah priesen.

© Dieter Kermas

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Photo: Pixabay.com———————————————————————————————————————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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