Ein Mord(s)igel

Ein Mord(s)igel

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Die Dämmerung senkte sich über die Landschaft. Die Vögel suchten sich einen Rastplatz für die Nacht, Insekten verkrochen sich, um nicht auszukühlen und die Blüten schlossen die Kelche.
Es war Wachablösung in der Natur.
Katzen verließen ihren warmen Schlafplatz und schlichen aus dem Haus, Mäuse begannen ihre nächtlichen Wanderungen und die Fledermäuse schwangen sich in den Abendhimmel, um Nachtinsekten zu jagen.

Versteckt unter einem Brombeerstrauch streckte und reckte sich Alois der Igel. Sein Blick ruhte kurz auf der Igelin und den vier winzigen Kindern, die zusammengekuschelt noch schliefen. Seine Nachkommenschaft hatte er zufällig auf seinen nächtlichen Wanderungen entdeckt. Die Natur hat es so eingerichtet, dass Igel, kaum dass sie eine Partnerin gefunden haben, kurz darauf als Einzelgänger ihres Weges gehen müssen.
Heute werde ich einen anderen Weg als sonst einschlagen, beschloss er und trippelte in Richtung Landstraße, die ihn von den Wiesen trennte.
Sssit, sssit, sssit, so rauschte der Feierabendverkehr an ihm vorbei. Und Alois wartete.
Erst spät, als die Chance größer war, den Fahrdamm lebend zu überqueren, stand er auf und schaute nach den Lichtern, die den Tod brachten. Viele seiner Artgenossen hatten es nicht geschafft, die andere Straßenseite zu erreichen.
Er hatte gelernt, wann er es wagen konnte loszulaufen, um auf der andere Seite heil anzukommen..

So auch heute. Von beiden Seiten näherten sich keine Lichter und so rannte er los. Mit klopfendem Herzen schaffte er es. Sein Schwung war so groß, dass er in den Straßengraben kullerte und atemlos liegen blieb.
Diesen gefahrvollen Weg nahm er auf sich, weil er hier auf der Wiese die fettesten Regenwürmer und die knackigsten Käfer erbeuten konnte.
Er wuselte bedächtig durch das hohe Gras, ließ sich einen eingeschlafenen Heuhüpfer, eine fette Raupe und einen mindestens fünfzehn Zentimeter langen Regenwurm schmecken.

Er trippelte den Fußweg entlang, der zum Dorf führte und auf dem er sicher sein konnte, einige Schnecken als Nachtisch zu finden.
Ein wenig vorsichtig musste er schon sein, hier ohne Deckung durch das Gras. Katzen brauchte er nicht zu fürchten und auch Meister Reinecke hatte sich eine blutige Nase an seinen Stacheln geholt. Sollte er jedoch einem Dachs begegnen, so standen seine Chancen schlecht, denn dieser hatte eine Jagdmethode, gegen die er sich nicht wehren konnte. Auch einen gefährlichen Uhu gab es in dieser Gegend nicht und so marschierte er, satt und zufrieden, zurück zur Straße.

Am Straßenrand sah er hinüber zur gegenüberliegenden Seite, weil sich dort etwas bewegte. Ja tatsächlich, er erkannte die Igelin mit den Kindern, die sich anschickten, die Straße zu überqueren.
Sie hatten fast die Mitte der Fahrbahn erreicht, als sich ein Motorrad mit zwei johlenden jungen Männern näherte.
»Das schaffst Du nie, den Igel zu erwischen«, hörte Alois den Burschen auf dem Rücksitz rufen.
»Wenn´s weiter nichts ist, pass auf, so geht´s«, schrie dieser zurück und lenkte geradewegs auf das Tier zu. Es gab nur ein leises, schmatzendes Geräusch, als das Vorderrad die Igelin überfuhr.
»Jetzt wird es schwieriger«, grölte der Fahrer, »die anderen sind ganz schön klein.« Er wendete und setzte erneut zur Jagd an.

Die vier Igelchen saßen wie erstarrt mitten auf der Fahrbahn, sodass es kein Kunststück war, in aller Ruhe die Tiere anzuvisieren. Drei erwischte der Fahrer beim ersten Anlauf. Das vierte Igelkind erhielt nur einen Schubs, wobei es sich die Hinterbeine brach, in den Graben geschleudert wurde und einige Zeit darauf verendete.
Voll zufrieden mit ihrer Heldentat, brauste der Motorradfahrer mit seinem Kumpan laut lachend zurück ins Dorf.
Alois saß wie erstarrt am Straßenrand.
Nach und nach wich die Starre und er rannte, so schnell ihn seine kurzen Beinchen trugen, hinüber zum Waldrand. Diesen Anblick würde er seinen Lebtag nicht vergessen.

Ein paar Tage später traf er auf einen Igel, der unvermutet in seinem Revier auftauchte.
Sie liefen kurz nebeneinander her, wobei Alois erst ein Fauchen und dann ein knurrendes Geräusch von sich gab, um den Eindringling zu vertreiben. Das wirkte und der Gegner lief auf die Straße.
In diesem Augenblick hörte Alois ein Motorrad kommen. Es waren wieder die beiden Burschen, denen es sichtlich eine Mordsgaudi war, Igel zu überfahren. Im nächsten Moment war es auch schon geschehen. Der fremde Igel lag flach gefahren am Straßenrand.
Alois wünschte, es gäbe eine gerechte Strafe für diese Freveltat und verzweifelte bei dem Gedanken, nichts tun zu können.

Eines Abends, er war am Wiesenrand unterwegs, fand Alois ein Nest mit sechs kleinen, nackten Mäuslein. Da hab ich aber heute Glück, dachte er und wollte gerade das erste Mäuslein packen, um es zu verspeisen. Plötzlich blendete ein helles Licht seine Augen. War das etwa ein Auto, das hier entlangfuhr, ging es ihm durch den Sinn. Doch er konnte kein Motorgeräusch vernehmen. Vielmehr hörte er eine helle, sanfte Stimme, die zu ihm sprach: »Wenn Du die Mäuslein verschonst, dann hast Du drei Wünsche frei.«
Er kniff die Augen zusammen, um deutlicher zu sehen, wer oder was das war, das da sprach.
Verwirrt sah er eine lichtumflutete Gestalt, die wie eine Maus aussah. Bei näherem Hinsehen entdeckte er, dass sie zwei Flügel hatte und so einer leuchtenden Fledermaus ähnelte.
»Äh, wie, ich, was soll ich mir denn wünschen?«, fragte er, wobei seine Gedanken wirr im Kopf herumsausten.
»Überlege nicht zu lange«, mahnte die Elfenmaus, wobei ihr Leuchten bereits etwas schwächer wurde.
Plötzlich fielen ihm die Burschen auf dem Motorrad ein, die soviel Leid über die Igel gebracht hatten.
Er dachte an seine Rachegefühle und sprach mit fester Stimme: »So wünsche ich mir einen Panzer so fest wie von einer Schildkröte, Beine so flink wie von einem Hasen und meine Stacheln sollen lang, spitz und eisenhart sein.«
»So sei es denn«, hörte er noch, bevor ihm die Sinne schwanden.

Lange lag er regungslos und wie tot am Boden. Zuerst zuckte es in seinen Gliedern und kurz darauf gelang es ihm seine Augen zu öffnen. Was habe ich nur für einen Unsinn geträumt, dachte er und schüttelte sich. Er drehte seinen Kopf nach allen Seiten, um sich zu vergewissern, wo er war. Da erschrak er. Sein Blick war auf die Stacheln an seiner Schulter gefallen. Die sahen viel länger und viel spitzer aus. Im selben Moment hatte er das Gefühl, sein Rücken würde ihn zu Boden drücken. Sollte der Traum Wirklichkeit geworden sein, ging es ihm durch den Kopf? Vorsichtig reckte er sich, streckte seine Beinchen und war im Begriff, den nahen Abhang hinaufzuklettern, als ihn der vorbeistreichende Fuchs entdeckte. Warte, sagte sich der Fuchs, ich kann dich zwar nicht fressen, aber etwas ärgern möchte ich dich schon. Mit diesem Vorsatz sprang er auf Alois los und versuchte ihn mit der Pfote umzudrehen. »Au, au, wie spitz sind heute deine Stacheln«, japste er und leckte sich die Pfote. Alois schüttelte sich, schnaufte ärgerlich über die Belästigung und rannte los. So schnell und so unerwartet, dass der Fuchs an seinem Sehvermögen zweifelte. Was mag die stachlige Bürste nur gefressen haben, dass sie so flink rennen kann, grübelte Reinecke und setzte kopfschüttelnd seinen Weg fort.

Igel Alois war selber über seine Rennfähigkeit überrascht. Dann habe ich wohl doch nicht geträumt, überlegte er. Meine Stacheln sind spitzer und länger, ich kann rennen wie ein Hase, und so wird mein Rücken sicher so hart wie der von einer Schildkröte sein, da war er sich sicher.

Es vergingen mehr als zwei Wochen. Alois hatte sich an seinen neuen Körper gewöhnt, wobei es ihm große Freude bereitete drohenden Gefahren einfach davonzurennen.
Eines Abends, er war auf dem Rückweg von der Wiese, hörte er beim Überqueren der Straße das ihm vertraute Geräusch eines Motorrads.
Sollten das die beiden aus dem Dorf sein, die Jagd auf Igel machten?
Dann ist heute der Tag, an dem ich sie zur Rechenschaft ziehen werde, beschloss Alois und legte sich am Straßenrand auf die Lauer.

Das Geräusch kam näher und Alois erkannte im Mondlicht die zwei Übeltäter.
Flink huschte er auf die Fahrbahn, sodass er im Scheinwerferkegel gut zu sehen war.
Sofort hatten sie ihn entdeckt, freuten sich lautstark über ihr nächstes Opfer und fuhren sofort auf den Igel zu. Alois rannte los.
»Was ist denn mit dem los? Das gibt es doch nicht, wie schnell der ist«, wunderte sich der Motorradfahrer.
»Pass auf, lass ihn nicht entwischen«, stachelte ihn sein Freund lautstark an.
Mit aufheulendem Motor versuchten sie, den Igel einzuholen. Die Hatz wurde schneller und schneller.

In dem Moment, als sich das Motorrad dem dahinrasendem Igel bis auf ein paar Meter genähert hatte und die Jäger in der Vorfreude auf ihren Erfolg johlten, blieb Alois plötzlich wie festgenagelt stehen.
»Jetzt bist du dran«, brüllte der Sozius . Dann traf das Vorderrad auf den Igel, verlor schlagartig die Luft, der Lenker wurde dem Vordermann aus der Hand gerissen und das Motorrad flog in einem hohen Bogen von der Straße. Unglücklicherweise stand dort ein Alleebaum. Mit einem kaum hörbaren Knacken brach sich der Fahrer das Genick. Sein Mitfahrer prallte mit dem Kopf heftig gegen einen Stein und wurde bewusstlos in das Krankenhaus eingeliefert. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, behauptete er unbeirrt, ein Igel wäre mindestens fünfzig Kilometer schnell vor ihnen hergelaufen, wäre dann stehen geblieben und seine Stacheln hätten ihren Reifen zerstochen.
Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Bewusstseinstörung und empfahlen dringend eine Psychotherapie.

Was aus Alois geworden ist?
In jener Nacht sah er die leuchtende Elfenmaus wieder im Traum und sie sprach zu ihm:
»Du hast deine drei Wünsche nun aufgebraucht, und wenn du aufwachst, dann wirst du dich an nichts mehr erinnern.«
So geschah es und Alois lebte noch viele Jahre glücklich in seinem Revier.
Nur wenn er an dem bewussten Alleebaum vorbeikam, war es ihm, als wäre hier etwas vorgefallen.
Doch es fiel ihm nicht ein und er setze ein wenig nachdenklich seinen Weg fort.

© Dieter Kermas

Image: Pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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