MUT

Mut

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Der Wetterbericht versprach einen sonnigen, warmen Sommertag.
Es war noch recht früh am Morgen. Lange nicht Rad gefahren, dachte ich.
Nach einem kurzen, heftigen Kampf, den inneren Schweinehund besiegt und den Drahtesel aus seinem Tiefschlaf geweckt.
Luftdruck geprüft, nachgepumpt. Bremsen geprüft, nachgestellt.
Hosenklammern angelegt.
Nun konnte es losgehen.

Zuerst fuhr ich in Richtung Teltowkanal. Den Uferweg musste ich mir mit Joggern, Hundebesitzern und Spaziergängern teilen. Nach unfallfreier Umkurvung dieser teils unberechenbaren Hindernisse, bekam ich Lust auf eine Pause.
Zwei Kilometer weiter fand ich eine Uferböschung, die zur Rast einlud.
Rad gesichert und mich auf dem warmen Sonnenplätzchen langgemacht.
Für den ersten Ausflug nach der langen Pause, so dachte ich, wäre es nun Zeit den Heimweg anzutreten.

Um den Weg bis nach Hause möglichst autostraßenfrei zurückzulegen, wählte ich eine Strecke durch den Steglitzer Stadtpark.
Wie am Kanal, so tummelten sich hier wiederum die oben beschriebenen Hindernisse. Kinderscharen erschwerten zusätzlich ein flottes Vorankommen.
Nun, ich hatte ja Zeit und konnte den kurzen Rest des Weges im langsamen Tempo hinter mich bringen.
Ein schwarzes, flatterndes Etwas versuchte von rechts nach links an meinem Rad vorbei zu flüchten. Ich hielt sofort an, stieg ab und sah genauer hin.
Das könnte eine junge Krähe sein, stellte ich fest. Wohl zu früh aus dem Nest gefallen, war mein zweiter Gedanke. Hat die Flugprüfung wohl nicht bestanden, konstatierte ich.
Mach´ s gut, und suche lieber deine Eltern, wollte ich noch rufen, als ein lautes, hechelndes Japsen mein Ohr erreichte.
Ich drehte mich um. Liebe kleine Krähe, jetzt kommen ernste Probleme auf dich zu, dachte ich sofort.

Ein weißer, braun und schwarz gefleckter Terrier rannte bellend hinter einem kleinen Jungen her, der mit seinem Roller, laut „Mama“ rufend, dem jagdeifrigen Hund zu entkommen suchte. Den bittenden Zuruf der besorgten Mutter ignorierte die Hundebesitzerin und ließ ihren Liebling sich ungehindert austoben. Erst nachdem die Mutter des kleinen Jungen dem Hund mit der Handtasche drohte, ließ er ab, um dann nach neuen jagdbaren Lebewesen zu suchen.

Es konnte sich nur um Sekunden handeln, und die junge Krähe wäre sein nächstes Opfer geworden. Der Ausgang dieser Begegnung war mir vollkommen klar. Im Geist sah ich bereits den zerfledderten Körper des jungen Vogels.
Jetzt musste ich schnell handeln und in das Geschehen eingreifen.
Rad hingelegt. Der noch recht flinken Krähe nachgeeilt und nach einigen Fehlversuchen erwischt. Voller Angst schrie die kleine Krähe markerschütternd in meinen Händen.
Wohin mit ihr, dachte ich. Da bot sich eine sehr dicht zugewachsene Eibe als Versteck an.
Ein paar Schritte und ich steckte das unablässig schreiende Bündel zwischen die Zweige, so hoch es ging. Dort krallte sich das Häufchen Unglück sogleich an einem Ast fest.
Anstatt nun dankbar den Schnabel zu halten, lärmte das kleine Biest ohne Pause weiter.
Schrei nur solange du willst, dachte ich und kletterte wieder auf mein Rad.

Dann ging alles sehr schnell. Ein Rauschen über mir und ein wütendes, heiseres Krächzen drang an meine Ohren. Ehe ich wusste, was los war, spürte ich einen heftigen Flügelschlag an meinem Kopf und gleichzeitig fuhren spitze Krallen durch meine Haare, so dass diese nach vorne gekämmt wurden.
Die Elternkrähen hatten mich zum Feind ihres Sprösslings erklärt und attackierten mich mutig und gnadenlos. Während eine Krähe abdrehte und, so vermutete ich, zum Jungvogel flog, setzte die zweite Krähe erneut zum Sturzflug an. Zuerst wollte ich nach dem Vogel schlagen, hätte aber dabei eventuell die Balance verloren. Also duckte ich mich. Nun aber so schnell wie möglich weg von hier, dachte ich und trat heftig in die Pedalen. Nun ist es leider nicht möglich in voller Flucht, beide Hände am Lenker zu halten und auch noch den Angriff des Vogels abzuwehren. So duckte ich mich noch tiefer und floh so schnell ich treten konnte. Als die Entfernung zur jungen Krähe dem Elternvogel groß genug erschien, ließ er von mir ab und verschwand.

Nachdem nun alles vorüber war, hielt ich an und sah zurück. Erleichtert stellte ich fest, dass der Terrier mit seinem Frauchen in einen anderen Weg abgebogen war und keine Gefahr mehr für den Jungvogel darstellte.
Die Krähen umflogen die Eibe und kümmerten sich um ihren Nachwuchs.
Langsam sammelte ich mich wieder und schwor, in meiner anfänglichen Aufregung, den Krähen ewige Fehde.
Doch bald wandelte sich meine Wut in große Achtung vor dem Mut der Vögel, die ohne Rücksicht auf die Folgen angegriffen hatten.

Den Film „Die Vögel“ von Hitchcock, sehe ich seit diesem Tage mit ganz anderen Augen.

©Dieter Kermas

Image:  Wikimedia -Theatrical poster for the film The Birds (1963)

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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