Author Archives: Dieter Kermas

LUCAS – Eine Geschichte aus der Ritterzeit 

LUCAS – Eine Geschichte aus der Ritterzeit 

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Der herbstliche Frühnebel hatte sich noch nicht aus den engen Gassen des Dorfes verzogen, als Lucas, ein Bündel Schuhe über der Schulter, eilig um die Ecke des väterlichen Hauses bog.

Der Anprall, der folgte, war so heftig, dass die Schuhe zu Boden fielen.

»He Lorentz, bist wohl noch nicht ganz wach«, fuhr er sein Gegenüber an, als er ihn erkannte.

Dieser murmelte etwas Unverständliches und bückte sich, um eine Papprolle aufzuheben, die ihm aus dem Wams gerutscht war.

»Ach ich sehe schon, du bist wieder als Büttel unterwegs und hast es eilig, die Schreiben abzuliefern«, bemerkte Lucas. Sein Freund, Lorentz Friedlein verdiente sich als Briefbote ab und zu damit ein Zubrot.

»Womit du recht hast«, bestätigte Lorentz und wollte, unwirsch über die Verzögerung, eilig seinen Weg fortsetzen. Lucas hielt ihn am Ärmel fest und raunte ihm ins Ohr: »Komm heute Abend zu uns, es ist wichtig«, wobei er eine verschwörerische Miene aufsetzte.

»Ja,ja, wird wohl nicht so brandheiß sein«, murrte Lorentz noch, ehe er davoneilte.

Lucas warf sich die Schuhe wieder über die Schulter und strebte dem nächsten Kunden zu.

Lucas war sich nicht sicher, ob Lorentz käme. Zu seiner Erleichterung klopfte es gegen acht Uhr an der Tür und Lorentz trat ein und begann sofort:

»So, nun erzähle mir bitte, was es so Wichtiges gibt. Meine Frau war schon recht misstrauisch und argwöhnte ich würde dich nur als Ausrede benutzen, um heimlich ins Wirtshaus zu gehen.«

»Kannst du dich an Ostern des letzten Jahr erinnern?«, erkundigte sich Lucas.

»Kann ich«, bestätigte Lorentz.

»Kannst du dich auch noch an das Edelfräulein Karolina von Bodenfeldt erinnern, die mit ihrem Gefolge von ihrer Burg in Ganslingen hier am Umzug teilnahm? Ihr Anblick hat mich von da an nicht mehr losgelassen. Die goldenen Haare die flachsblumenblauen Augen, die …«

Hier unterbrach sein Gegenüber kurz die Schwärmerei und meinte mit leichtem Grinsen »Du meinst ihre strohgelben Haare und die Augen, die so blau wie von unserem Kalb sind?! Ja, ich kann mich erinnern und was willst du mir nun endlich mitteilen?«

Lucas druckste noch einen Moment herum, um dann zu gestehen: »Ich habe mich in sie verliebt und würde ihr gerne schreiben.«

Das urgewaltig ausbrechende Gelächter von Lorentz dröhnte durch das Haus, dass im nächsten Augenblick Lorentz Vater, der Schuhmacher, in der Tür der Wohnstube stand und ratlos die beiden ansah.

»Vater, es ist alles in Ordnung. Wir sind nur guter Dinge.«

Kopfschüttelnd und vor sich hin murmelnd drehte sich sein Vater um und ging zurück in die Werkstatt.

Nachdem  Lorentz wieder zu Atem gekommen war, warnte er Lucas:

»Weißt du denn nicht, dass der Ritter Ott vom Katzenstein seit eh und je das Fräulein Karolina begehrt und ich viele seiner Liebesbriefe an sie überbringen musste? Wie kannst du es überhaupt wagen, als Schustersohn nach dem Edelfräulein zu schielen? Wenn Ritter Ott etwas von deinen Gefühlen ihr gegenüber erführe, dann gnade dir Gott.«

Lucas sah sichtlich betreten ob dieser Warnung zu Boden und sagte dann mit leiser Stimme:

»Warum kann ich nicht lesen und schreiben lernen, wie die vom hohen Adel und wie die Pfaffen? Sind wir nicht genauso viel wert wie sie, um damit unser Leben zu verbessern?

Lange schon nagt diese Ungerechtigkeit an mir. Weißt du Lorentz, mir ist nicht bange vor Ott und aus diesem Grund habe ich eine große Bitte. Du musst mich mit einem der Schreibkundigen vom Gericht oder auch von der Kirche zusammenbringen. Ich denke, ich bin anstellig genug, um das alles zu lernen. Dann kann ich der Dame meines Herzens selber schreiben und, wenn es das Schicksal so will, auch lesen, was sie antwortet.«

Lorentz hatte aufmerksam zugehört. Legte seine Stirn in Falten, sog hörbar die Luft ein und sagte dann: »Ich bin mir fast sicher, dass dich der Teufel reitet. Doch ich will dir die Bitte nicht abschlagen. Mein Schwager, der Johannes, ist Schreiber beim Gericht. Er hat das Lesen und Schreiben bei den Mönchen gelernt. Vielleicht kann ich ihn überreden, es dir beizubringen.«

Lucas atmete sichtlich auf und versprach Lorentz zum Dank seine Schuhe umsonst zu reparieren.

Nach einigem Widerstreben willigte Johannes ein, Lucas zu unterrichten. Sein Lohn hierfür sollten Schuhe, aus feinstem Leder, für sich und seine Frau sein.

Schnell wurde klar, wie gelehrig sich Lucas anstellte. Nach erstaunlich kurzer Zeit konnte er langsam, aber fast fehlerfrei lesen. Das Schreiben hingegen fiel im sichtlich schwerer. Es waren nicht die Buchstaben an sich, die er schreiben sollte, es war vielmehr seine, durch die harte Arbeit ungelenke Hand, die die Buchstaben anfangs leicht krakelig erscheinen ließen. Besonders ärgerlich für seinen Lehrer war es, wenn sich unter der schweren Hand die Feder spreizte und sich ein Tintenklecks auf dem so wertvollem Papier ausbreitete.

Eines Tages war es dann endlich so weit. Johannes erklärte Lucas, seine Ausbildung wäre nun zu Ende und entließ ihn mit allen guten Wünschen.

Anfangs standen seine Eltern seinem Wunsch skeptisch gegenüber, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wofür das alles taugen sollte. Eines Tages jedoch brachte ein Bote ein Schreiben vom Gericht, indem es um versäumte Steuern ging. Lucas las das Schreiben, setzte sich hin und schrieb einen Antwortbrief, worin er die Sachlage klarstellte. Das Gericht war zufrieden mit der Erklärung und die Angelegenheit war damit erledigt. Das war der Moment, wo die Eltern erkannten, wie hilfreich seine Ausbildung war.

Am Tag, als Lucas den Brief für seine angebetete Karolina Lorentz zum Überbringen übergab, fühlte er sich einerseits erleichtert, andererseits jedoch recht angespannt und unruhig. Wie würde sie reagieren? Schriebe sie zurück, oder lachte sich das gesamte Hofgesinde schier schief über diesen Tölpel namens Lucas?

Die Tage gingen ins Land und nichts geschah. Mehrfach hatte er Lorentz gefragt, ob er den Brief tatsächlich abgegeben habe. Worauf dieser zum wiederholten Male bestätigte, er habe es einem der Bediensteten mit der dringenden Bitte, es persönlich dem Fräulein Karolina zu übergeben, getan.

Eines Nachts klopfte es heftig an der Tür des Schuhmachers. Lucas tappte schlaftrunken zur Tür und Lorentz stürzte wortlos an ihm vorbei in die Wohnstube.

»Jetzt haben wir die Katastrophe«, begann er atemlos.

»Was für eine Katastrophe?«, fragte Lucas verwirrt.

»Dein geliebtes Burgfräulein hatte nichts Eiligeres zu tun, als deinen Brief ihrem Verehrer, dem Ritter Ott vom Katzenstein zu übersenden. Dieser hat die Zeilen nicht lustig gefunden, ganz im Gegenteil, er hat wütend gebrüllt, welcher Hundsfott sich erfrechte, seine Angebetete so zu beleidigen. Zum Schluss gab er den Befehl, dich gefangen zu nehmen und zur Burg zu bringen. Man würde dich nicht ungestraft davonkommen lassen.

So, nun pack ein paar Sachen ein, verabschiede dich von den Eltern und sieh zu, dass du umgehend über die Grenze kommst.«

Lucas war bleich geworden. Diese Niedertracht hatte er Karolina nicht zugetraut. Er dankte seinem Freund für die Warnung, informierte seine entsetzten Eltern und verließ noch in dieser Nacht das Haus.

Die Häscher, die in aller Frühe am nächsten Tag erschienen, musste unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Er lief die ganze Nacht hindurch, ließ zwei Dörfer hinter sich, ehe er erschöpft zu früher Stunde in Ganslingen anlangte. Er war sich bewusst, dass er sich nun unweit der Burg von Karolina von Bodenfeldt befand, vertraute aber auf sein Glück, unentdeckt zu bleiben. Er bewarb sich unter einem falschen Namen in einer Schreibstube und bekam eine kleine Dachkammer im Haus des Bäckers zugewiesen. Er verhielt sich still und unauffällig, nahm  keinen Kontakt zu den Eltern auf, und hoffte, eines Tages zurückkehren zu können.

Hin und wieder saß er abends im Wirtshaus bei einem Bier und hörte den Gästen zu. So auch an diesem Abend, als sich zwei Galgenvögel am Nebentisch breitmachten. Großspurig bestellten sie einen Krug Wein und etwas zu essen. Als der Wirt vorsichtshalber fragte, ob sie auch zahlen könnten, warfen sie eine Handvoll Silbermünzen auf dem Tisch und lachten über das erstaunte Gesicht des Wirtes.

Sie aßen und tranken und nach einer gewissen Zeit tat der Wein seine Wirkung. Ihre erst so leise geführte Unterhaltung wurde lauter, sodass Lucas leicht ihrem Gespräch folgen konnte.

»Bist du auch sicher, dass wir den Brief dem schwarzen Niklas übergeben sollen? Mir graut bereits schon jetzt davor, diesem Galgenschwengel und Mordbrenner zu begegnen.«

Sein Kumpan tat noch einen tiefen Schluck aus dem Becher, rülpste und lallte: »Seit sich die Herren von Katzenstein und von Bodenfeldt nun seit geraumer Zeit in den Haaren liegen, verwundert es mich nicht, dass der Ritter von Bodenfeldt zu solchen Mitteln greift. Es wird gemunkelt, dass ein Spitzel dem Vater von Karolina hintertragen hat, dass Ott vom Katzenstein nur um seinen Machtbereich zu vergrößern, hinter seiner Tochter her wäre. Das hat Ferdinand von Bodenfeldt gar gewaltig ergrimmt und er hat sich bereits nach einem neuen Verehrer für seine Tochter umgesehen. Die ständigen Überfälle auf seine Kaufleute gingen sicher auch auf Otts Kappe. Er würde sich nun den Widersacher kurzerhand vom Halse schaffen.«

Er erhielt keine Antwort mehr von seinem Tischnachbarn, der derweil mit dem Kopf auf der Tischplatte, mit dem Gesicht in einer Weinlache, friedlich schnarchte.

Lucas hatte mit wachsendem Erstaunen dem Gespräch gelauscht. Welchen Brief sollten sie überbringen? Hatten sie ihn bei sich? Wenn durch den Brief Gefahr für Ritter Ott vom Katzenstein bestünde, und ich ihn warnte, dann könnte ich vielleicht der Strafe entgehen, überlegte Lucas.

Der Wein tat nun seine Wirkung bei dem anderen Galgenstrick. Sein Kopf sank ebenfalls auf die Tischplatte und ein Grunzen verriet, dass er zu schlafen begann.

Lucas musterte die Kleidung der beiden. Ja, bei dem Ersten entdeckte er, halb aus dem Wams ragend, eine kleine Papprolle. Sollte darin der Brief sein? Wie zufällig näherte sich Lucas dem Nachbartisch, bückte sich etwas und zog mit äußerster Vorsicht die Rolle ganz heraus, sah sich um und öffnete sie. Schnell überflog er die Zeilen. Tatsächlich der Brief an den schwarzen Niklas war der Auftrag, den Ritter Ott vom Katzenstein zu ermorden. Inzwischen war der Wirt auf die Schläfer aufmerksam geworden und wollte geradewegs zu deren Tisch kommen, als er von einem anderen Gast davon abgehalten wurde. Flink steckte Lucas den Brief in seine Tasche und die leere Rolle  vorsichtig wieder unter das Wams des Schläfers. Zahlte und begab sich in seine Dachkammer.

Am nächsten Morgen machte er sich sofort auf den Weg zur Burg Katzenstein. Obgleich er guten Mutes war, die Strafe erlassen zu bekommen, beschlichen ihn zwischendurch Zweifel.

Vor dem Tor angekommen, wurde er erkannt, ergriffen und vor den Ritter Ott geschleppt.

»Kerl, was erdreistet er sich meiner Angebeteten unsittliche Briefe zu schreiben. Dafür lasse ich ihn in den Turm werfen«, wetterte Ott.

»Bitte auf ein Wort, Euer Hochwohlgeboren«, bat Lucas.

»Es sei, aber erwarte keine Milde«, erlaubte der Ritter gnädig.

Lucas erzählte in kurzen Worten, was er erlauscht hatte und zog zum Beweis das Schreiben mit dem Mordauftrag unter seinem Kittel hervor.

Ott las und seine Miene verfinsterte sich zusehends. Er unterbrach das Lesen und wandte sich an Lucas »Hat er denn den Brief lesen können?«

»Ja, ich bin des Lesens und Schreiben kundig«, erwiderte Lucas bescheiden. Ott las bis zum Ende und grollte:

»Dafür soll Ferdinands Burg brennen«. Dann wandte er sich Lucas zu, musterte ihn streng und verkündete »Er hat mir einen großen Dienst erwiesen. Seine Strafe sei hiermit hinfällig. Hat er noch etwas zu sagen?«

Lucas sah in diesem Moment die Chance, seinem Leben eine andere, bessere Wendung zu geben und begann:

»Hätte ich nicht aus eigenem Antrieb heraus das Lesen und Schreiben gelernt, so hätte ich diesen Brief weder lesen, noch seine Tragweite erkennen können. So bitte ich, mir zu gestatten, eine Schreibstube zu eröffnen, um Leuten meines Strandes das Privileg, lesen und schreiben zu können, beizubringen.«

Darauf setzte unter den Höflingen und den Pfaffen ein Raunen ein.

Als Ott hörte, wie ein Höfling sich darüber mokierte, dass nunmehr Leute des niederen Standes schreiben und lesen lernen sollen und klagte, damit stünde die gottgegebene Ordnung auf dem Kopf, rief er ihn zu sich und befahl:

»Er selbst wird dafür Sorge tragen, dass dem Mann ein ausreichend Zimmer nebst Material zur Verfügung gestellt werde. Zudem sei er verpflichtet, Leuten des niederen Standes, so sie lernen wollen, den Zutritt zur Burg zu gewähren.«

Lucas bedankte sich und versprach sich mit aller Kraft dieser Aufgabe zu widmen.

Daraufhin eilte er zu seinen Eltern, die diese glückliche Wendung kaum glauben konnten.

Sein Vater war so stolz auf seinen Sohn, dass er einen Umtrunk für Lucas Freunde im Wirtshaus ausrichten ließ.

Es sei hier vermerkt, dass die Schreibstube anfangs recht zögerlich von den Leuten angenommen wurde, aber je mehr sie erkannten, welche Vorteile mit dem Lesen und Schreiben verbunden waren, mehrten sich die Anmeldungen. Die so Ausgebildeten fanden nun gut bezahlte Arbeit bei Kaufleuten und größeren Handwerksbetrieben.

Der Erfolg der Schreibschule verbreitete sich rasch, auch über die Grenzen hinaus, und fand Nachahmer im ganzen Land.

©Dieter Kermas

Image:Pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories, he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, has published his first novel “Kolja. Liebe im Feindesland” in 2016, available on Amazon.com . Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to californiagermans@gmail.com
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‘Winterende’ – Ein Gedicht

Winterende

(Ein Gedicht von Dieter Kermas)
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Neulich hat mich das erschreckt,
was Winterkleidung sonst verdeckt.
Körper, die weißen Maden gleichen,
liegen als blasse Winterleichen
in Bädern und an vielen Teichen.
Der Winterspeck ist gut geraten.
Hier liegt man, um ihn auszubraten.
´Ne Wabbelwampe schwappt vorbei.
Drin sind Bierchen, mehr als drei.
Die Milch wird wieder luftgekühlt,
was nett aussieht und gut anfühlt.
Ist der Mensch dann durchgestylt
wird er vom Winter rasch ereilt.
Und was er mühsam hat erreicht,
der dicken Winterkleidung weicht.
Der Körper wird nun eingesackt
und im Frühling ausgepackt.

©Dieter Kermas

Image: Pixabay.com

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Fliehe!

Fliehe !

(Ein Gedicht von Dieter Kermas)
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Flattern Fahnen dort im Wind,
flieh´ sofort mit Frau und Kind,
denn seit vielen hundert Jahren
mussten wir voll Leid erfahren,
dass die Fahne als Symbol
weht nicht zu des Menschen Wohl.

Löwen, Bären, Adler, Drachen
soll´n des Herrschers Heer bewachen.
Grimmig schau´n sie von den Fahnen,
böses lässt der Anblick ahnen.
Werden Dörfer abgebrannt
und herrscht blanke Furcht im Land,
werden wie in alten Tagen,
Fahnen stets vorangetragen.

Wiens Erfahrung mit Osmanen
unterm Halbmond soll uns mahnen
und zur Vorsicht sei geraten
beim Totenkopf der Seepiraten.
Russlands Hammer samt der Sichel
und das Hakenkreuz vom Michel,
mit den Fahnen über Nacht,
haben sie nur Tod gebracht.

Christuskreuz auf einer Fahne,
dich sofort zur Flucht ermahne.
Links das Kreuz und rechts das Schwert,
ja, so wird der Heid´ bekehrt.
Den rechten Glauben musst du haben,
sonst fressen dich am End die Raben.
Scheiterhaufen sah man brennen,
Menschen um ihr Leben rennen.

Barmherzigkeit ward da gepredigt,
wer anders denkt, der wird erledigt.
So war´ s wahrlich nicht gedacht,
doch die Kirche liebt die Macht.
Noch einmal warn´ ich vor Symbolen,
sie sollte doch der Teufel holen.

©Dieter Kermas

Image: Pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories, he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, has published his first novel “Kolja. Liebe im Feindesland” in 2016, available on Amazon. Some of his work has been included in anthologies.

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“Musikalisch” oder Mord im Konzertsaal

Musikalisch

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Unsere Familie, so darf ich mit bescheidenem Stolz feststellen, kann auf eine viele Jahrzehnte erfolgreiche Musikerziehung zurückblicken. Doch zuerst möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Ludwig Anobium Punctatum.

Sie dürfen mich, der Einfachheit halber, jedoch Ludwig nennen. Sicher ist ihnen im Zusammenhang mit dem Namen Ludwig und bei meiner Erwähnung der Musikerziehung, der Gedanke gekommen, meine Mutter hätte da an meinen Namensvetter Ludwig van Beethoven gedacht. Fürwahr, er stand Pate für meinen Namen.

Ich sehe es an ihrem fragenden Gesichtsausdruck, sie hätten gerne gewusst, wer sich hinter meinem, so Ehrfurcht gebietendem Namen verbirgt. Nun, ein wenig muss ich sie jetzt enttäuschen. Im allgemeinen Sprachgebrauch zähle ich zur Familie der Holzwürmer. Bitte wenden sie sich nicht entsetzt ab. Hören sie lieber meine Geschichte.

Etliche Generationen vor mir gelang es meiner Urururgroßmutter ihre Nachkommen in einem Konzertflügel unterzubringen. Dieser stand, sie ahnen es bereits, im Hause der Familie Beethoven.

Anfangs erschraken ihre Nachkommen, wenn die ersten Akkorde das Holz zum Vibrieren brachten. Allmählich jedoch fanden sie Gefallen an den Melodien und richteten ihre Mahlzeiten danach. Sobald die ersten Tastentöne erklangen, hörten sie auf zu nagen und lauschten der Musik. Für das Fressen blieb die lange Nacht über Zeit genug. So wuchsen viele Generationen meiner Familie musikalisch gebildet auf.

Hochbeglückt, in dieser Umgebung aufwachsen zu dürfen, vermieden sie es, mehr als unbedingt nötig, den Flügel zu zerfressen. Sobald eine Generation zu zahlreich angewachsen war, musste sie aus diesem Grund, bis auf einen von ihnen,  die Unterkunft verlassen. Der Verbleibende kam nun weiterhin in den Genuss, sich musikalisch weiterzubilden.

Wie schön wäre es gewesen, wäre es so weitergegangen.

Eines Tages jedoch entdeckte die Haushälterin das feine Holzmehl, das meine Vorfahren erzeugt hatten. Sofort wurde der Flügel untersucht, der Befall festgestellt und das Instrument kurzerhand verkauft.

Nach Monaten in einem Lagerhaus, die verbliebenen Verwandten  hatten, bereits entmutigt, überlegt das Instrument zu verlassen, fand sich glücklicherweise ein junger Pianist als Käufer, und der Flügel wurde zu ihrer Überraschung auf die Bühne eines bekannten Konzertsaals transportiert.

Voller Hoffnung warteten meine Vorfahren auf die ersten Töne des Pianisten. Dieser, ein auf sein Talent über Gebühr eingebildeter junger Mann, verursachte bei den ersten Akkorden einen Schauder des Entsetzens bei meinen Familienmitgliedern. Sie waren durch ihre Generationen im Hause Beethoven so musikalisch hochgebildet, dass sie sich am liebsten die Ohren, sofern vorhanden, zugehalten hätten.

Nach ihrer Überzeugung wurde der Genialität des verehrten Komponisten nicht genug Können und Einfühlungsvermögen entgegengebracht.

Diesem Treiben musste Einhalt geboten werden. Da waren sie sich einig.

Tagelang berieten sie, wie es ihnen gelingen könnte, dies zu verwirklichen. Schlussendlich wählten sie eine Methode, die ihnen subtil und trotzdem todsicher erschien. Hierfür begannen sie, einige Vorbereitungen zu treffen.

Sie wählten einen Tag, an dem der mäßig begabte Virtuose sein erstes großes Konzert vor einem ausgesuchten Publikum zu geben gedachte. Der Premierenabend war gekommen und der Saal mit erwartungsvollen Besuchern bis zum letzten Platz besetzt.

Der Künstler, nennen wir ihn der Einfachheit halber beim Vornamen Johann, also Johann schritt zum Flügel, verbeugte sich artig, und begannzu spielen. Zum Erstaunen vernahmen meine Vorfahren in den Pausen leises Räuspern, Hüsteln und auch leichtes Füßescharren.

Sie interpretierten dies mit dem Unwillen des Publikums über die dargebotene Leistung. Das bestätigte sie erneut darin, die richtigen Schritte unternommen zu haben. Johann griff in die Tasten und begann die 5. Sinfonie zu spielen. Der Name Schicksalssymphonie wies bedeutungsschwer auf das Kommende hin.

Zuerst vernahmen die Besucher in der ersten Reihe einen kurzen, dumpfen Laut aus dem Inneren des Flügels. Kurz darauf erstarrte Johann beim Anschlag einer bestimmten Taste. Sie erzeugte keinen Ton. Etwas schien im Inneren des Flügels gerissen zu sein. Er sprang hektisch auf, verbeugte sich, eilte auf die Rückseite des Musikinstruments und wuchtete den schweren Deckel des Flügels hoch und arretierte ihn mit dem dafür vorgesehenen hölzernen Stab.

Tief beugte er seinen Kopf in das Innere, um die Ursache für den Fehler zu finden. Gebannt schauten die Konzertgäste auf das weitere Geschehen. Zuerst jedoch hörten sie, zwar sehr leise, aber dennoch gut vernehmbar, ein Knistern aus der Richtung des Flügels.

Dann gellte ein vielstimmiger Schrei aus dem Publikum. Der hölzerne Stab war eingeknickt und der schwere Deckel des Flügels war herabgefallen. Er hatte den Kopf des Pianisten so heftig getroffen, dass dieser tief ins Innere des Instruments gedrückt wurde. Hierbei kam der Hals des Opfers auf die schmale Kante des Pianokörpers zu liegen. Die Wucht des Deckels zerquetschte augenblicklich den Hals, sodass der Mann leblos wie eine Fliege an der Seite des Flügels hing. Seine Knie befanden sich in der Luft, während seine kurz zuvor noch wild rudernden Arme nun schlaff seitlich herunterbaumelten.

Die tagelangen Nagearbeiten am Arretierungsstab und an der Befestigung der Klaviersaite waren somit erfolgreich gewesen. Die Ehre für die Verunglimpfung der göttlichen Musik Ludwig van Beethovens war damit für sie wieder hergestellt.

Sie hofften, dass man den Flügel als Tatwerkzeug in die Asservatenkammer der Kriminalpolizei brächte und kein stümperhafter Pianist die Möglichkeit mehr bekäme die Meisterwerke zu entweihen.

©Dieter Kermas

Image:  pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories, he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, has published his first novel “Kolja. Liebe im Feindesland” in 2016, available at Amazon. Some of his work has been included in anthologies.

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Gunter (Ein Gedicht)

Gunter

(Ein Gedicht von Dieter Kermas)
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Ein kleiner Hering namens Gunter,
war wissbegierig und recht munter.
So fand er auf dem Meeresgrund,
´ne schöne Dose, blank und rund.
Das Bett ist nur für mich allein,
so dachte er, und legt sich rein.
Und Gunter lag, ganz ohne Arg,
in einem leeren Heringssarg.
Auf der Dose, es war ´ne große,
stand „Hering in Tomatensoße.“
Man fingt ihn ein, den Gunter,
nun war er nicht mehr munter.
Auf der Dose, es war ´ne große,
stand „Gunter in Tomatensoße.“

©Dieter Kermas

Image:  pixabay.com

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