Tag Archives: Deutsche Geschichten

Fuchs und Krähe

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Fuchs und Krähe

(Eine Fabel von Dieter Kermas)
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„Piffpaff“, hallten die Schüsse über das Feld und der Fuchs rannte um sein Leben. Eine Krähe, die sich auf einer alten Eiche ihr Gefieder in der Morgensonne wärmte, sah den Rotrock auf den Baum zulaufen. „Was rennst Du so? Der Jäger ist noch so weit entfernt. Spare deine Luft, für den Moment, wenn es erst eng wird“, spottete der Vogel von oben.

„Wie kannst Du nur so gemein sein“, hechelte der Fuchs und schaute hinauf. „Du siehst doch von da oben, wo sich der Jäger befindet. Sag es mir bitte, damit ich in eine andere Richtung flüchten kann.“ Da lachte ihn die Krähe aus und verschwieg, dass der Jäger bereits recht nahe war. Bald würde er den Fuchs entdecken und munter auf ihn schießen.

Die ersten Schüsse prasselten bereits in die nahen Büsche und die Krähe amüsierte sich über das verzweifelte Gesicht Reinekes. „Nun ist es bald aus mit Dir“, höhnte der Galgenvogel und hüpfte vor Freude von einem Bein auf das andere. In diesem Moment traf ihn ein verirrtes Schrotkorn und er stürzte verletzt genau vor die Schnauze des Fuchses. „So ein Pech auch“, war es jetzt am Fuchs zu sagen. „Hilfe, Hilfe“, lass mich leben“, kreischte der Vogel entsetzt.

Obwohl der Jäger ihn nun entdeckt hatte und in wenigen Sekunden sein Lebenslicht auslöschen würde, packte der Fuchs die Krähe und biss ihr den Kopf ab. Als der Jäger sich den erschossenen Rotrock näher ansah, war ihm, als lächle der Fuchs.

© Dieter Kermas

Photo:  Wikimedia Commons: illustration by Ibn al-Muqaffa

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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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Mordlust

Mordlust Kermas

Mordlust

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
 

Kaum hatte ich sie erblickt, fühlte ich wieder das zwanghafte, nicht zu kontrollierende Gefühl in mir. Ich musste töten, ich musste sie töten! Ich empfand sie alle, wie sie da herumliefen oder saßen, aufreizend und frech. Sie provozierten mich, sie mussten weg, und in mir stieg ein unbeschreibliches Hassgefühl hoch.

Die Gelegenheit war günstig. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.
Vorsichtig, darauf bedacht kein Geräusch, oder eine unbedachte Bewegung zu machen, schlich ich in das Zimmer. Zu meinem Glück war die Tür nur halb geschlossen. Mein Herz schlug schneller und langsam begannen meine Hände feucht zu werden.

Da saß sie nun, unbekümmert auf dem Sessel, die Beine auf der Lehne.
Bei meinen ersten Opfern war ich oft viel zu leichtsinnig und hektisch vorgegangen. Sicher war ich auch früher darauf bedacht, lautlos und schnell zu handeln. Kein Revolver oder gar ein Gewehr kam für mich infrage. Es musste lautlos und perfekt vollendet werden. Meine erste Tatwaffe hatte ich spontan gewählt. Fast wäre mir diese, nicht sorgfältig bedachte Auswahl, zum Verhängnis geworden. Der Schreck sitzt mir heute noch in den Gliedern, als sie sich für einen Moment meinem Angriff entzog und flüchten konnte. So musste ich blitzschnell nachsetzen, um mein Vorhaben zu Ende zu bringen.

Wie kribbelten jedes Mal meine Nerven beim Anschleichen. Mein Angriff kam dann stets so überraschend, dass sie keine Chance hatte, mir zu entkommen.
Für mein heutiges Opfer hatte ich mir eine besonders effektive und todsichere Waffe besorgt. Jetzt stand ich dicht hinter dem Sessel. Sie hatte mich immer noch nicht bemerkt. Jetzt kam es darauf an, jetzt musste ich schnell und mitleidslos zuschlagen, um meinen inneren Zwang zu befriedigen.

Der Schlag kam für sie unerwartet wie aus heiterem Himmel. Aus, vorbei, ich hatte sie ohne das geringste Gefühl von Schuld oder gar des Mitleids getötet. Ich war erleichtert. Ihre zarte Leiche trug ich in den Garten und warf sie in den Brunnenschacht. Nie wieder würde sie mir über mein Butterbrot laufen, und dort ihre Fußabdrücke hinterlassen. Nie wieder würde sie mit ihrem Rüssel am Würfelzucker lutschen, und nie wieder mich beim Lesen meiner Lektüre summend nerven.

Erleichtert, und sehr zufrieden mit meinem Erfolg, legte ich die Fliegenklatsche für den nächsten Einsatz griffbereit neben mich.

© Dieter Kermas

Photo: CaliforniaGermans
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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

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Auf dem Flohmarkt

Flohmarkt1

Auf dem Flohmarkt

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Nein, Pilze zu suchen, danach stand mir heute nicht der Sinn. Mein Freund wünschte mir noch ein erholsames Wochenende und legte enttäuscht den Hörer auf. Bei diesem schönen Herbstwetter daheim zu versauern wollte ich jedoch auch nicht. Lange nicht über den Flohmarkt gelaufen, dachte ich, und zog mir im nächsten Moment meine warme Outdoorjacke an.

Es war bereits nach sieben Uhr und die Parkplätze in der Nähe des Marktes, an der Straße des 17. Juni, waren besetzt. Unter einer Brücke quetschte ich mich zwischen zwei Lieferwagen, die sicher den Händlern des Marktes gehörten.

Die Frühaufsteher und auch einige Händler bummelten an den Ständen vorbei. Selbst wenn sie etwas Kaufenswertes in der Hand hielten, versuchten sie gelangweilt und desinteressiert auszusehen. Ich schloss mich dem langsam treibenden Menschenstrom an, blieb ab und zu stehen, betrachtete hier einen alten Fotoapparat, dort eine Jugendstilvase und hatte nicht die Absicht etwas zu kaufen.

Ballten sich die Menschen an einem Stand, musste etwas Besonderes feilgeboten werden. Die angestammten Händler waren die Ersten, die die Waren von neuen Verkäufern durchwühlten, um eventuell etwas für den eigenen Verkaufstisch zu finden.

Ich stellte mich auf Zehenspitzen und schaute über die Menschenmauer auf die ausgelegten Waren. Als ich einen recht alten, zerzausten Teddy erblickte, überlegte ich, ob er von Firma Steiff sein könnte. Das Bärchen wurde sicher einst heiß geliebt, doch jetzt lag es zum Verramschen auf dem Tisch. Ehe ich mich näher herangearbeitet hatte, langten zwei Hände von verschiedenen Seiten nach dem Stofftier. Eine Hand erwischte ihn am Bein, die andere am Kopf. Ein kurzes Gezerre und der Sieger hatte den Teddy, aber einen Teddy, an dem nun das Bein fehlte. Der Verlierer, es war eine Verliererin, legte rasch das abgerissene Bein auf den Tisch und verdrückte sich in der Menschenmenge. Die Händlerin hatte diese Schandtat sofort erkannt und forderte den Mann, der den einbeinigen Teddys in der Hand hielt, nun auf, ihn zu kaufen. Er argumentierte, dass er den Teddy vielleicht gekauft hätte, aber nur wenn er zwei Beinen gehabt hätte. Sie keifte, er verteidigte sich und ich verzog mich belustigt rückwärts aus der Menge.

Einige Händler, die später gekommen waren, hatten inzwischen die Waren ausgebreitet und ich gedachte, mir die Stände auf meiner nächsten Runde anzusehen.

Gleich am Anfang der zweiten Standreihe hatte ein Mann einen ausgedehnten Stand mit Hausrat und Kleinmöbeln aufgebaut. Nur wenige Flohmarktbesucher blieben stehen, um die Ware zu betrachten. Ich warf einen kurzen Blick auf die, teilweise noch in Kartons verstauten, Sachen. Gerade war ich im Begriff weiterzugehen, als mein Blick auf eine rosa Kaffeekanne fiel, die sich unter einem Warmhalteschutz aus silberglänzendem Metall befand. So eine Kanne hatte auch meine Mutter besessen. Der Händler sah meinen Blick auf die Kanne, nahm sie und streckte sie mir entgegen. Aus reiner Neugier nahm ich sie, betrachtete sie von allen Seiten und ließ sie fast fallen, ehe ich sie hart auf den Tisch zurückstellte. Das konnte nur die Kanne sein, die meiner Mutter gehört hatte, schoss es mir durch den Kopf. Es war sicher kein Zufall, dass die Delle im Blech des Schutzmantels genau so aussah wie die an Mutters Kanne. Ich selbst hatte sie bei einer unvorsichtigen Bewegung eingedellt. Mein nächster Blick wanderte zögernd über die anderen Sachen und erblickte im Karton zu meinen Füßen sofort weitere, mir vertraute, Gegenstände aus Mutters Haushalt. In meinem Magen verspürte ich ein flaues Ziehen und schlagartig fühlte ich, wie es in meinen Ohren zu rauschen begann. Nur nicht umfallen ging es mir durch den Sinn.

Gedämpft hörte ich den Händler etwas sagen, konnte es aber im Moment nicht verstehen. Vielleicht hatte er gesehen, dass ich blass geworden war. Ich hielt mich an der Tischkante fest und versuchte tief atmend wieder klar zu denken.

Als eine Frau in diesem Moment die Kanne in die Hand nahm, war ich kurz davor, sie ihr aus der Hand zu reißen. Ich nahm mich zusammen und besah mir den Verkäufer genauer. Nein, er war es nicht, der vor einigen Wochen den Hausrat meiner Mutter aufgekauft hatte.  Solange sie lebte, hatte sie all ihre Sachen sehr sorgfältig behandelt. Jetzt lagen sie hier dem Feilschen und den neugierigen Blicken der Käufer ausgesetzt.

Ehe ich mich wieder völlig erholt hatte, beugte sich bereits ein anderer Käufer über den Karton, nahm Mutters kleine Messinggießkanne heraus, betrachtete sie kurz, und als er den verlangten Preis zu hoch empfand, warf er sie achtlos zurück.

Jetzt war es für mich höchste Zeit diesen Ort zu verlassen. Meine Gedanken schwirrten ungeordnet durch den Kopf und ohne auf den Weg zu achten, fand ich zurück zu meinem Wagen. Ich saß da, hatte keine Kraft loszufahren und mir ging durch den Kopf, wie es wohl meinen Sachen eines Tages erginge. Würden sie auch auf einem Flohmarkt landen?

Diese Vorstellung reichte aus, um das Wochenende recht nachdenklich zu verbringen.

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© Dieter Kermas

 
Photo: © Lausitzhalle Hoyerswerda GmbH
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Dieter KermasDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans.  Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
 
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Seltsame Tomaten

Bananenpflanze

Seltsame Tomaten

Das Frühstück am Sonntag auf dem Balkon, das gehörte zum Abschluss der Woche.

So war es auch an diesem Sonntag. Mutter hatte mich nicht geweckt und so beeilte ich mich, auf den Balkon zu kommen. Der Tisch war gedeckt und ich quetschte mich in meinen Stuhl, der etwas zu dicht an der Wand stand. Ich schnappte mir ein Brötchen und begann es aufzuschneiden.

Da hörte ich Vater fragen: „Unsere Tomatenpflanzen sind in diesem Jahr aber besonders groß, oder?“ Ich schaute von meinem Brötchen hoch und warf einen Seitenblick auf unsere Tomaten. Was sollte da nun besonders sein, sie waren doch seit gestern nicht höher gewachsen. Mein Brötchen war mir im Moment wichtiger als unsere Tomaten. Mit den Worten: „Die Tomaten sehen aber in diesem Jahr gar nicht gut aus“, wandte sich meine Mutter an mich und fuhr fort, „was meinst Du dazu?“ Was interessieren mich die blöden Tomaten, dachte ich. In der Hoffnung, dass ich nach einem weiteren Blick auf die Pflanzen, mein Brötchen dann endlich genießen zu können, sah ich nochmals auf unsere Balkonkästen.

Zwischen den Blättern sah ich etwas Gelbes hängen. Ach, das hatte Vater gemeint. Aber was war das, was dort hing? Kurz entschlossen und ehe meine Eltern reagieren konnten, griff ich nach dem Gegenstand und zerrte daran. Leider war das gelbe Ding, das ich nun in der Hand hielt, so fest an der Pflanze befestigt, dass ich fast die Pflanze samt der Erde herausriss.„Langsam, langsam“, bremste mich Vater, „warte, ich helfe Dir.“ Mit einem Schnitt hatte er den hinderlichen Bindfaden durchtrennt und nun konnte ich meine Beute in Ruhe betrachten.

Ja, das war also eine Banane, dachte ich. Abbildungen von Bananen hatte ich in meinen Büchern und auch in Filmen gesehen. So schön gleichmäßig gelb wie auf den Bildern war sie ja nicht, mit den vielen braunen Flecken, aber das hinderte mich nicht, sofort herzhaft hineinzubeißen. Bäh, war das widerlich. Meine Zähne fühlten sich sofort stumpf an und der Geschmack enttäuschte mich zutiefst. Was sollte daran lecker sein?

Meine Eltern konnten sich vor Lachen nicht halten. Was ist denn nun wieder los?Unter Prusten sagte Vater: „Du musst zuerst die Schale abmachen, dann schmeckt sie auch besser!“ Ach so, nun war alles klar. Ich pellte die Frucht und biss zögernd ein Stück ab.  Ja, das war doch etwas ganz anderes. Süß und aromatisch, so wie ich mir immer eine Banane vorgestellt hatte. Wo hatten meine Eltern diese Rarität im Jahr 1951 nur herbekommen?

Zwei, drei Happs und die Banane war verputzt. Oh, nun hatten meine Eltern nichts abbekommen. Schnell sah ich noch einmal auf unsere Tomatenpflanzung. Ein Glück, ich entdeckte noch zwei im Blattwerk versteckte Bananen. Vater reichte mir ein Messer und ich durfte zur Bananenernte schreiten. Als ich dann die Bananen für uns in kleine Stücke schneiden wollte, hörte ich Vater „aber vorher schälen bitte!“

© Dieter Kermas

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Photo: ©  Bambuswald.de
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Dieter KermasDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans.  Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
 
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German Stories & Poems on CaliforniaGermans

Brille auf Zeitung

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More German Stories by Dieter Kermas

If you have enjoyed reading our German history series “Deutsche Zeitgeschichte” by CaliforniaGermans’ Author Dieter Kermas last year, then check out our Category  “Deutsche Lese-Ecke”. Here you’ll find not only a collection of his German short stories and poems, but among them also his essays from the above mentioned series.

Next weekend we will start with regularly publishing some of his short stories again. But you will get a little taste of it already tomorrow  (!) when we start the “Faschingswoche” and Rosenmontag (Rose Monday aka Shrove Monday) with a short story shedding light on how the “Berliner” see this ‘crazy’ time:

Enjoy “Fasching in Berlin” by Dieter Kermas tomorrow.

Author Dieter Kermas

Dieter KermasDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans.  Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

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