Tag Archives: Deutsche Kurzgeschichte

“Musikalisch” oder Mord im Konzertsaal

Musikalisch

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Unsere Familie, so darf ich mit bescheidenem Stolz feststellen, kann auf eine viele Jahrzehnte erfolgreiche Musikerziehung zurückblicken. Doch zuerst möchte ich mich vorstellen. Mein Name ist Ludwig Anobium Punctatum.

Sie dürfen mich, der Einfachheit halber, jedoch Ludwig nennen. Sicher ist ihnen im Zusammenhang mit dem Namen Ludwig und bei meiner Erwähnung der Musikerziehung, der Gedanke gekommen, meine Mutter hätte da an meinen Namensvetter Ludwig van Beethoven gedacht. Fürwahr, er stand Pate für meinen Namen.

Ich sehe es an ihrem fragenden Gesichtsausdruck, sie hätten gerne gewusst, wer sich hinter meinem, so Ehrfurcht gebietendem Namen verbirgt. Nun, ein wenig muss ich sie jetzt enttäuschen. Im allgemeinen Sprachgebrauch zähle ich zur Familie der Holzwürmer. Bitte wenden sie sich nicht entsetzt ab. Hören sie lieber meine Geschichte.

Etliche Generationen vor mir gelang es meiner Urururgroßmutter ihre Nachkommen in einem Konzertflügel unterzubringen. Dieser stand, sie ahnen es bereits, im Hause der Familie Beethoven.

Anfangs erschraken ihre Nachkommen, wenn die ersten Akkorde das Holz zum Vibrieren brachten. Allmählich jedoch fanden sie Gefallen an den Melodien und richteten ihre Mahlzeiten danach. Sobald die ersten Tastentöne erklangen, hörten sie auf zu nagen und lauschten der Musik. Für das Fressen blieb die lange Nacht über Zeit genug. So wuchsen viele Generationen meiner Familie musikalisch gebildet auf.

Hochbeglückt, in dieser Umgebung aufwachsen zu dürfen, vermieden sie es, mehr als unbedingt nötig, den Flügel zu zerfressen. Sobald eine Generation zu zahlreich angewachsen war, musste sie aus diesem Grund, bis auf einen von ihnen,  die Unterkunft verlassen. Der Verbleibende kam nun weiterhin in den Genuss, sich musikalisch weiterzubilden.

Wie schön wäre es gewesen, wäre es so weitergegangen.

Eines Tages jedoch entdeckte die Haushälterin das feine Holzmehl, das meine Vorfahren erzeugt hatten. Sofort wurde der Flügel untersucht, der Befall festgestellt und das Instrument kurzerhand verkauft.

Nach Monaten in einem Lagerhaus, die verbliebenen Verwandten  hatten, bereits entmutigt, überlegt das Instrument zu verlassen, fand sich glücklicherweise ein junger Pianist als Käufer, und der Flügel wurde zu ihrer Überraschung auf die Bühne eines bekannten Konzertsaals transportiert.

Voller Hoffnung warteten meine Vorfahren auf die ersten Töne des Pianisten. Dieser, ein auf sein Talent über Gebühr eingebildeter junger Mann, verursachte bei den ersten Akkorden einen Schauder des Entsetzens bei meinen Familienmitgliedern. Sie waren durch ihre Generationen im Hause Beethoven so musikalisch hochgebildet, dass sie sich am liebsten die Ohren, sofern vorhanden, zugehalten hätten.

Nach ihrer Überzeugung wurde der Genialität des verehrten Komponisten nicht genug Können und Einfühlungsvermögen entgegengebracht.

Diesem Treiben musste Einhalt geboten werden. Da waren sie sich einig.

Tagelang berieten sie, wie es ihnen gelingen könnte, dies zu verwirklichen. Schlussendlich wählten sie eine Methode, die ihnen subtil und trotzdem todsicher erschien. Hierfür begannen sie, einige Vorbereitungen zu treffen.

Sie wählten einen Tag, an dem der mäßig begabte Virtuose sein erstes großes Konzert vor einem ausgesuchten Publikum zu geben gedachte. Der Premierenabend war gekommen und der Saal mit erwartungsvollen Besuchern bis zum letzten Platz besetzt.

Der Künstler, nennen wir ihn der Einfachheit halber beim Vornamen Johann, also Johann schritt zum Flügel, verbeugte sich artig, und begannzu spielen. Zum Erstaunen vernahmen meine Vorfahren in den Pausen leises Räuspern, Hüsteln und auch leichtes Füßescharren.

Sie interpretierten dies mit dem Unwillen des Publikums über die dargebotene Leistung. Das bestätigte sie erneut darin, die richtigen Schritte unternommen zu haben. Johann griff in die Tasten und begann die 5. Sinfonie zu spielen. Der Name Schicksalssymphonie wies bedeutungsschwer auf das Kommende hin.

Zuerst vernahmen die Besucher in der ersten Reihe einen kurzen, dumpfen Laut aus dem Inneren des Flügels. Kurz darauf erstarrte Johann beim Anschlag einer bestimmten Taste. Sie erzeugte keinen Ton. Etwas schien im Inneren des Flügels gerissen zu sein. Er sprang hektisch auf, verbeugte sich, eilte auf die Rückseite des Musikinstruments und wuchtete den schweren Deckel des Flügels hoch und arretierte ihn mit dem dafür vorgesehenen hölzernen Stab.

Tief beugte er seinen Kopf in das Innere, um die Ursache für den Fehler zu finden. Gebannt schauten die Konzertgäste auf das weitere Geschehen. Zuerst jedoch hörten sie, zwar sehr leise, aber dennoch gut vernehmbar, ein Knistern aus der Richtung des Flügels.

Dann gellte ein vielstimmiger Schrei aus dem Publikum. Der hölzerne Stab war eingeknickt und der schwere Deckel des Flügels war herabgefallen. Er hatte den Kopf des Pianisten so heftig getroffen, dass dieser tief ins Innere des Instruments gedrückt wurde. Hierbei kam der Hals des Opfers auf die schmale Kante des Pianokörpers zu liegen. Die Wucht des Deckels zerquetschte augenblicklich den Hals, sodass der Mann leblos wie eine Fliege an der Seite des Flügels hing. Seine Knie befanden sich in der Luft, während seine kurz zuvor noch wild rudernden Arme nun schlaff seitlich herunterbaumelten.

Die tagelangen Nagearbeiten am Arretierungsstab und an der Befestigung der Klaviersaite waren somit erfolgreich gewesen. Die Ehre für die Verunglimpfung der göttlichen Musik Ludwig van Beethovens war damit für sie wieder hergestellt.

Sie hofften, dass man den Flügel als Tatwerkzeug in die Asservatenkammer der Kriminalpolizei brächte und kein stümperhafter Pianist die Möglichkeit mehr bekäme die Meisterwerke zu entweihen.

©Dieter Kermas

Image:  pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories, he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, has published his first novel “Kolja. Liebe im Feindesland” in 2016, available at Amazon. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to californiagermans@gmail.com
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Der Kalte Keller – Eine Gruselgeschichte zu Halloween

DER KALTE KELLER

(Eine Gruselgeschichte von Dieter Kermas)
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Die Frühjahrssonne erhellte mit ihren wärmenden Strahlen unser Montagebüro. Durch das große Südfenster fiel mein Blick auf das emsige Treiben auf der Hardenbergstraße in Berlin – Charlottenburg.

Dienstags bis freitags hätte die Sonne sicher unsere Laune und unseren Arbeitseifer günstig beeinflusst. Doch heute war es Montag. Aus Erfahrung wussten wir, dass heute das Klingeln der Telefone meist unangenehme Nachrichten bedeutete.

Baustellen hatten kein Material bekommen, ein Lastwagen mit dringend benötigten Dämmpaneelen war bei Braunschweig in den Graben gefahren und der technische Leiter einer Filialkette schnaubte erbost, dass sich die Tür zum Tiefkühlraum nicht öffnen ließe und somit keine Ware für den Verkauf zur Verfügung stünde.

Diese Gedanken gingen mir durch den Sinn, als mein Telefon loslärmte.

Mein Gesprächspartner hatte keine Hiobsbotschaft zu verkünden. Er wollte mich noch heute wegen eines Angebotes sprechen. Freudig erregt sagte ich, ich sei bereits auf dem Weg zu ihm. Ich warf mich in meinen Trenchcoat, beeilte mich das Büro zu verlassen und floh so vor den üblichen Montagsüberraschungen.

Der Weg zu dem alten Krankenhaus war nicht weit und so war der Anrufer recht erstaunt, als ich kurz danach in seinem Büro in der technischen Abteilung auftauchte.

Mit kurzen Worten erklärte er mir den Grund seines Anrufs. Die Kosten für auszuführende Reparaturarbeiten sollte ich ihm als Angebot einreichen.

Beim Hinausgehen fragte ich noch, in welchem Gebäude ich mir die auszuführenden Arbeiten ansehen könnte. „Sie kennen sich doch hier gut aus“, rief er mir zu, “die Pathologie finden Sie sicher alleine.“

Aha, die Pathologie, dachte ich und lief etwas langsamer. Ich war früher bereits einmal in diesem uralten, muffigen Kellergewölbe gewesen. Das Gemäuer stammte sicher noch aus der Zeit um 1900.

Ich stieg die ausgetretenen Stufen hinab. Liebe Sonne ade, der Hades wartet auf mich. Ein Lufthauch wehte mir entgegen, als ich die erste Kellertür öffnete. Nun atmete ich dumpfe Kellerluft gemischt mit dem Geruch von Desinfektionsmitteln ein.

Im Halbdunkel tappte ich den Mittelgang in Richtung einer stärkeren Lichtquelle.

Ehe sich meine Augen an das hellere Licht gewöhnt hatten, tauchte eine kleine, gedrungene Gestalt vor mir auf. Dann erkannte ich den Zerberus dieser Gruft.

Ein ehemals weißer Kittel, jetzt mit undefinierbaren Flecken übersät, spannte sich über seinem kleinen Spitzbauch. Trotz des angefressenen Zigarrenstummels in seinem Mund quetschte er eine Begrüßung hervor. „Kommen Sie bitte, ich zeige Ihnen die beschädigten Fliesen und die abgerissenen Türdichtungen, die erneuert werden müssen“, murmelte er etwas undeutlich.

Hier möchte ich kurz den Raum beschreiben, in dem wir uns befanden. Die Wände und der Boden waren gefliest. Eine Wand aus Dämmpaneelen teilte den Raum in seiner Länge. In dieser Wand befand sich eine Tür neben der anderen. Es waren zehn Türen.

Hinter jeder dieser Türen lag eine Leiche auf einer fahrbaren Bahre.

Mit den Worten: „Ich lasse Sie jetzt alleine“, entschwand der Kellergeist.

Also Taschenlampe angeknipst, Notizblock, Zollstock und Stift in die Hände genommen und rein in die erste Tür. Der anfangs beschriebene Geruch schlug mir nun verstärkt entgegen. Ich meinte noch einen weiteren Bestandteil in der Luft zu riechen, doch wollte ich darüber lieber nicht nachdenken. Die Bahre mit der Leiche etwas zur Seite gedrückt, und mich vorbeigequetscht. Beschädigte Wand-und Bodenfliesen notiert und auf der Rückseite des Raumes weitergeschlichen.

Die Kühlanlage sprang plötzlich klappernd an und verwirbelte den durchdringenden Geruch im Raum. Zwischen jeder Bahre zur Tür gedrängelt, um die Dichtungen zu kontrollieren. Mein Gott war das eng hier, dachte ich. Um zu messen, musste ich mein Notizbuch mit dem Kuli auf einer der Bahren ablegen.

Lieber Leser, hier muss ich leider eine Illusion zerstören. Die Leichen liegen nicht, wie oft in den Krimifilmen dargestellt, sauber abgedeckt und ordentlich gekämmt da.

Nein, hier lagen die Körper, so wie sie gestorben waren, nackt und oft noch mit den Spuren der vergeblichen Operationen auf den Unterlagen. Aufgedunsene Bäuche mit gelber Desinfektionsfarbe und grob vernähte Schnitte sind sicher kein schöner Anblick. Ich war heilfroh, kein Kind zu entdecken.

Ich bückte mich, nahm an der Tür Maß von oben nach unten, streckte mich und wollte die Maße in mein Notizbuch eintragen. Da blieb meine ausgestreckte Hand wie erstarrt in der Luft stehen. Etwas hielt mich hinten am Trenchcoat fest. Ich hielt die Luft an und fasste nach hinten. Meine Hand berührte einen kalten Fuß, dessen Zeh sich im Gürtel des Mantels verhakt hatte. Ich zerrte am Gürtel und kam frei.

Durch den Ruck stieß ich gegen die andere Bahre, worauf mein dort abgelegter Kugelschreiber unter den dort liegenden Körper rollte. Mit der Taschenlampe geleuchtet und mit spitzen Fingern den Kuli wieder hervorgeholt.

Die letzten Maße waren eher geschätzt als gemessen. Nur raus hier, war mein Gedanke.

Ich drängelte mich wieder bis zur ersten Tür durch und begab mich zum Herrn der Toten. Ich entdeckte ihn in seinem kleinen Aufenthaltsraum, der von Zigarrenqualm zugenebelt war. Jetzt eine Zigarette dachte ich und kramte die Schachtel aus meinem Mantel. So saßen wir eine Weile schweigend und rauchend, ehe wir auf den Montageablauf zu sprechen kamen.

Er sah auf seine Uhr, meinte es wäre Zeit für sein Frühstück und ging zu einem kleinen Kühlschrank, der vor dem Raum an der gegenüberliegenden Wand stand.

Mehr zufällig als neugierig sah ich, wie er ein in Pergamentpapier eingewickeltes Päckchen zurückbrachte, es öffnete und in eine Stulle biss. Doch was enthielten die Plastikbeutel, die ich neben seinen Stullen im Kühlschrank gesehen hatte?

Ich fragte. Noch kauend verstand ich, dass es entnommene Organe und andere Teile seien, die er für die Studenten, oder auch für ergänzende Untersuchungen aufbewahrte. Es würgte in meiner Kehle.

Ein Geräusch ließ uns in Richtung einer Tür blicken, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Zwei schwarz gekleidete Männer schoben fast würdevoll einen Sarg, der auf einer fahrbaren Unterlage ruhte, in den Keller. Sie nahmen den Sargdeckel ab und legten ihn auf den Boden. Das kauende Unikum rief den beiden Beerdigungskräften zu, dass sie den Gesuchten hinter Tür Nr. 5 fänden.

Wie gebannt verfolgte ich den weiteren Ablauf. Sie zogen die männliche Person, es war die, die sich in meinem Gürtel verfangen hatte, mit der Bahre neben ihren Sarg. Dann packte einer die Füße und der andere fasste unter die Arme der mageren Leiche. Der am Kopfende zählte „eins, zwei und drei“ und mit Schwung flog der alte Mann in den offenen Sarg. Es polterte wie ein Sack Kartoffeln. Der Deckel wurde aufgelegt und sie verschwanden.

Es ist jetzt höchste Zeit ebenfalls zu verschwinden, überlegte ich, verabschiedete mich vom Herrscher der Unterwelt und stürzte ins Freie, in die frische Luft.

Nach diesem Erlebnis empfand ich den Lärm und die Hektik in unserem Büro wie eine Wohltat und langsam entspannten sich meine Nerven.

©Dieter Kermas

Image:  pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories, he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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Der Zauberkasten

Der Zauberkasten

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)

Er war unscheinbar. Weder Farbe noch Form ließen erahnen, welche Werte sich in seinem Inneren verbargen. Das Wohl und Wehe der Familie hing jedoch davon ab, was er von Zeit zu Zeit preisgab.

Nur dem Vater oblag es, den Zauberkasten zu öffnen. Das tat er in aller Stille und sichtlich voller Anspannung. Er allein besaß den Schlüssel, den er stets sorgfältig verwahrte. Der Inhalt wechselte und er konnte nie sicher sein, ob er eine gute oder schlechte Nachricht enthielte.

Mit einer gewissen Unruhe wartete die Familie auf seine Rückkehr und schaute auf sein Gesicht, um bereits daran abzulesen, wie der weitere Tag verliefe. Sahen sie seine Mundwinkel nach unten gebogen, stellten sie lieber keine Fragen. Zeigten die Mundwinkel jedoch nach oben, bestürmten sie den Vater, er möge ihnen die gute Nachricht mitteilen.

Ab und zu geschah es, dass der Vater so früh zur Arbeit ging, dass keine Zeit blieb, sein Schicksal für diesen Tag aus dem Zauberbehälter zu erfahren. Dann bangte die Familie bis in den späten Abend, der Inhalt des Kastens möge ein Erfreulicher sein.

Nicht jeden Tag war der Zauberkasten gewillt, seinen Inhalt preiszugeben und der Vater schaute vergeblich in das tiefe Dunkel. Sollte er eines Tages von dieser Welt abtreten, bekäme sein ältester Sohn Tobias den Schlüssel, so wie sein Vater ihm den Schlüssel übergeben hatte. Selbst Tod und Leben vermochte der Kasten zu verkünden. Das waren die Tage, an denen die Familie die Schicksaltruhe, wie sie ihn heimlich nannten, voller Ehrfurcht betrachtete.

Die Jahre kamen und gingen und der Zauberkasten bestimmte wie eh und je ihr Leben. So war es auch an jenem grauen, nebelverhangenen Novembertag, als der Vater die Nachricht, die der Kasten für ihn bereithielt, zuerst nicht fassen konnte, denn an diesem Tag bedeutete die Nachricht großes Unglück für die Familie.

Mit kraftloser Stimme berichtete der Vater, er hätte heute seine Arbeit verloren und sie müssten nun von den Almosen des Staates leben. Warum nur hatte der Zauberkasten so eine existenzbedrohende Nachricht übermittelt? Tobias meinte, sie hätten vielleicht den Kasten nicht mit gebührender Achtung behandelt, oder ihn nicht genügend gepflegt. Sicher hatte er bereits viele Jahre brav seinen Dienst verrichtet, doch er sah immer noch wie neu aus. Daran konnte es wohl nicht gelegen haben.

Plötzlich stand der Vater auf und lief, nachdem er lautstark den Kasten für sein Unglück verantwortlich gemacht hatte, zum Zauberkasten und riss ihn aus der Verankerung. Mit zornrotem Kopf warf er ihn in hohem Bogen in die Mülltonne.

Am nächsten Morgen klingelte es. Tobias öffnete und ehe er fragen konnte, worum es ginge, sprach der Postzusteller: „Und wo soll ich jetzt die Briefe einwerfen?“

©Dieter Kermas

Image:  pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

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MUT

Mut

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Der Wetterbericht versprach einen sonnigen, warmen Sommertag.
Es war noch recht früh am Morgen. Lange nicht Rad gefahren, dachte ich.
Nach einem kurzen, heftigen Kampf, den inneren Schweinehund besiegt und den Drahtesel aus seinem Tiefschlaf geweckt.
Luftdruck geprüft, nachgepumpt. Bremsen geprüft, nachgestellt.
Hosenklammern angelegt.
Nun konnte es losgehen.

Zuerst fuhr ich in Richtung Teltowkanal. Den Uferweg musste ich mir mit Joggern, Hundebesitzern und Spaziergängern teilen. Nach unfallfreier Umkurvung dieser teils unberechenbaren Hindernisse, bekam ich Lust auf eine Pause.
Zwei Kilometer weiter fand ich eine Uferböschung, die zur Rast einlud.
Rad gesichert und mich auf dem warmen Sonnenplätzchen langgemacht.
Für den ersten Ausflug nach der langen Pause, so dachte ich, wäre es nun Zeit den Heimweg anzutreten.

Um den Weg bis nach Hause möglichst autostraßenfrei zurückzulegen, wählte ich eine Strecke durch den Steglitzer Stadtpark.
Wie am Kanal, so tummelten sich hier wiederum die oben beschriebenen Hindernisse. Kinderscharen erschwerten zusätzlich ein flottes Vorankommen.
Nun, ich hatte ja Zeit und konnte den kurzen Rest des Weges im langsamen Tempo hinter mich bringen.
Ein schwarzes, flatterndes Etwas versuchte von rechts nach links an meinem Rad vorbei zu flüchten. Ich hielt sofort an, stieg ab und sah genauer hin.
Das könnte eine junge Krähe sein, stellte ich fest. Wohl zu früh aus dem Nest gefallen, war mein zweiter Gedanke. Hat die Flugprüfung wohl nicht bestanden, konstatierte ich.
Mach´ s gut, und suche lieber deine Eltern, wollte ich noch rufen, als ein lautes, hechelndes Japsen mein Ohr erreichte.
Ich drehte mich um. Liebe kleine Krähe, jetzt kommen ernste Probleme auf dich zu, dachte ich sofort.

Ein weißer, braun und schwarz gefleckter Terrier rannte bellend hinter einem kleinen Jungen her, der mit seinem Roller, laut „Mama“ rufend, dem jagdeifrigen Hund zu entkommen suchte. Den bittenden Zuruf der besorgten Mutter ignorierte die Hundebesitzerin und ließ ihren Liebling sich ungehindert austoben. Erst nachdem die Mutter des kleinen Jungen dem Hund mit der Handtasche drohte, ließ er ab, um dann nach neuen jagdbaren Lebewesen zu suchen.

Es konnte sich nur um Sekunden handeln, und die junge Krähe wäre sein nächstes Opfer geworden. Der Ausgang dieser Begegnung war mir vollkommen klar. Im Geist sah ich bereits den zerfledderten Körper des jungen Vogels.
Jetzt musste ich schnell handeln und in das Geschehen eingreifen.
Rad hingelegt. Der noch recht flinken Krähe nachgeeilt und nach einigen Fehlversuchen erwischt. Voller Angst schrie die kleine Krähe markerschütternd in meinen Händen.
Wohin mit ihr, dachte ich. Da bot sich eine sehr dicht zugewachsene Eibe als Versteck an.
Ein paar Schritte und ich steckte das unablässig schreiende Bündel zwischen die Zweige, so hoch es ging. Dort krallte sich das Häufchen Unglück sogleich an einem Ast fest.
Anstatt nun dankbar den Schnabel zu halten, lärmte das kleine Biest ohne Pause weiter.
Schrei nur solange du willst, dachte ich und kletterte wieder auf mein Rad.

Dann ging alles sehr schnell. Ein Rauschen über mir und ein wütendes, heiseres Krächzen drang an meine Ohren. Ehe ich wusste, was los war, spürte ich einen heftigen Flügelschlag an meinem Kopf und gleichzeitig fuhren spitze Krallen durch meine Haare, so dass diese nach vorne gekämmt wurden.
Die Elternkrähen hatten mich zum Feind ihres Sprösslings erklärt und attackierten mich mutig und gnadenlos. Während eine Krähe abdrehte und, so vermutete ich, zum Jungvogel flog, setzte die zweite Krähe erneut zum Sturzflug an. Zuerst wollte ich nach dem Vogel schlagen, hätte aber dabei eventuell die Balance verloren. Also duckte ich mich. Nun aber so schnell wie möglich weg von hier, dachte ich und trat heftig in die Pedalen. Nun ist es leider nicht möglich in voller Flucht, beide Hände am Lenker zu halten und auch noch den Angriff des Vogels abzuwehren. So duckte ich mich noch tiefer und floh so schnell ich treten konnte. Als die Entfernung zur jungen Krähe dem Elternvogel groß genug erschien, ließ er von mir ab und verschwand.

Nachdem nun alles vorüber war, hielt ich an und sah zurück. Erleichtert stellte ich fest, dass der Terrier mit seinem Frauchen in einen anderen Weg abgebogen war und keine Gefahr mehr für den Jungvogel darstellte.
Die Krähen umflogen die Eibe und kümmerten sich um ihren Nachwuchs.
Langsam sammelte ich mich wieder und schwor, in meiner anfänglichen Aufregung, den Krähen ewige Fehde.
Doch bald wandelte sich meine Wut in große Achtung vor dem Mut der Vögel, die ohne Rücksicht auf die Folgen angegriffen hatten.

Den Film „Die Vögel“ von Hitchcock, sehe ich seit diesem Tage mit ganz anderen Augen.

©Dieter Kermas

Image:  Wikimedia -Theatrical poster for the film The Birds (1963)

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

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Die Reise

Die Reise

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(* Eine Micro-Fiction Story von Merrill Lyew Emanuel)
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Ich zog die Gardinen des Hotelfensters zurück, das Zimmer hellte sich auf, die warmen Sonnenstrahlen drängten durch die Haut.
Ich holte mir ein buntes Polohemd aus dem Gepäck.
Im kompakten Mietwagen bog ich meine langen Beine zusammen, dann traten wir die ersehnte Tour durch das unbekannte Bergland an. Zügig fuhren wir durch die allzu steilen Straßen. Beim Klettern wurde der Blechkasten merklich langsamer. Dafür raste er mit wahnsinniger Eile bergab. Mein Herz hämmerte hart gegen den Magen. Ich bereute es, überhaupt eingestiegen zu sein. Endlich blieb der Wagen schnaufend stehen.
Ich schwöre, in eine Achterbahn steige ich nie wieder ein.
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©Merrill Lyew 2016
Image: Pixabay.com
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* WHAT IS Micro-Fiction/Flash-Fiction?  -Mikro-Fiction tells a story in 10 to 300 words. Flash-Fiction does this in 300 to 750 or up to 1000 words.
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Merrill Lyew EmanuelAs a recent retiree, Merrill Lyew Emanuel now has time for his old and new hobbies. Within his hobbies are writing fan fiction in German, solving chess puzzles, repairing things at home that are not broken, doing a little bit of social media, reading every and anything that looks like a book, traveling a little, and taking snapshots with his mirrorless camera.

Having lived in Germany, Costa Rica and the USA, he is fluent in the languages of these countries. As a professional geographer he traveled profusely throughout Latin America. He is living in Southern California for over thirty years. Find more of his work at http://www.merrillius.net

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