Tag Archives: Deutsche Kurzgeschichte

MUT

Mut

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
.

Der Wetterbericht versprach einen sonnigen, warmen Sommertag.
Es war noch recht früh am Morgen. Lange nicht Rad gefahren, dachte ich.
Nach einem kurzen, heftigen Kampf, den inneren Schweinehund besiegt und den Drahtesel aus seinem Tiefschlaf geweckt.
Luftdruck geprüft, nachgepumpt. Bremsen geprüft, nachgestellt.
Hosenklammern angelegt.
Nun konnte es losgehen.

Zuerst fuhr ich in Richtung Teltowkanal. Den Uferweg musste ich mir mit Joggern, Hundebesitzern und Spaziergängern teilen. Nach unfallfreier Umkurvung dieser teils unberechenbaren Hindernisse, bekam ich Lust auf eine Pause.
Zwei Kilometer weiter fand ich eine Uferböschung, die zur Rast einlud.
Rad gesichert und mich auf dem warmen Sonnenplätzchen langgemacht.
Für den ersten Ausflug nach der langen Pause, so dachte ich, wäre es nun Zeit den Heimweg anzutreten.

Um den Weg bis nach Hause möglichst autostraßenfrei zurückzulegen, wählte ich eine Strecke durch den Steglitzer Stadtpark.
Wie am Kanal, so tummelten sich hier wiederum die oben beschriebenen Hindernisse. Kinderscharen erschwerten zusätzlich ein flottes Vorankommen.
Nun, ich hatte ja Zeit und konnte den kurzen Rest des Weges im langsamen Tempo hinter mich bringen.
Ein schwarzes, flatterndes Etwas versuchte von rechts nach links an meinem Rad vorbei zu flüchten. Ich hielt sofort an, stieg ab und sah genauer hin.
Das könnte eine junge Krähe sein, stellte ich fest. Wohl zu früh aus dem Nest gefallen, war mein zweiter Gedanke. Hat die Flugprüfung wohl nicht bestanden, konstatierte ich.
Mach´ s gut, und suche lieber deine Eltern, wollte ich noch rufen, als ein lautes, hechelndes Japsen mein Ohr erreichte.
Ich drehte mich um. Liebe kleine Krähe, jetzt kommen ernste Probleme auf dich zu, dachte ich sofort.

Ein weißer, braun und schwarz gefleckter Terrier rannte bellend hinter einem kleinen Jungen her, der mit seinem Roller, laut „Mama“ rufend, dem jagdeifrigen Hund zu entkommen suchte. Den bittenden Zuruf der besorgten Mutter ignorierte die Hundebesitzerin und ließ ihren Liebling sich ungehindert austoben. Erst nachdem die Mutter des kleinen Jungen dem Hund mit der Handtasche drohte, ließ er ab, um dann nach neuen jagdbaren Lebewesen zu suchen.

Es konnte sich nur um Sekunden handeln, und die junge Krähe wäre sein nächstes Opfer geworden. Der Ausgang dieser Begegnung war mir vollkommen klar. Im Geist sah ich bereits den zerfledderten Körper des jungen Vogels.
Jetzt musste ich schnell handeln und in das Geschehen eingreifen.
Rad hingelegt. Der noch recht flinken Krähe nachgeeilt und nach einigen Fehlversuchen erwischt. Voller Angst schrie die kleine Krähe markerschütternd in meinen Händen.
Wohin mit ihr, dachte ich. Da bot sich eine sehr dicht zugewachsene Eibe als Versteck an.
Ein paar Schritte und ich steckte das unablässig schreiende Bündel zwischen die Zweige, so hoch es ging. Dort krallte sich das Häufchen Unglück sogleich an einem Ast fest.
Anstatt nun dankbar den Schnabel zu halten, lärmte das kleine Biest ohne Pause weiter.
Schrei nur solange du willst, dachte ich und kletterte wieder auf mein Rad.

Dann ging alles sehr schnell. Ein Rauschen über mir und ein wütendes, heiseres Krächzen drang an meine Ohren. Ehe ich wusste, was los war, spürte ich einen heftigen Flügelschlag an meinem Kopf und gleichzeitig fuhren spitze Krallen durch meine Haare, so dass diese nach vorne gekämmt wurden.
Die Elternkrähen hatten mich zum Feind ihres Sprösslings erklärt und attackierten mich mutig und gnadenlos. Während eine Krähe abdrehte und, so vermutete ich, zum Jungvogel flog, setzte die zweite Krähe erneut zum Sturzflug an. Zuerst wollte ich nach dem Vogel schlagen, hätte aber dabei eventuell die Balance verloren. Also duckte ich mich. Nun aber so schnell wie möglich weg von hier, dachte ich und trat heftig in die Pedalen. Nun ist es leider nicht möglich in voller Flucht, beide Hände am Lenker zu halten und auch noch den Angriff des Vogels abzuwehren. So duckte ich mich noch tiefer und floh so schnell ich treten konnte. Als die Entfernung zur jungen Krähe dem Elternvogel groß genug erschien, ließ er von mir ab und verschwand.

Nachdem nun alles vorüber war, hielt ich an und sah zurück. Erleichtert stellte ich fest, dass der Terrier mit seinem Frauchen in einen anderen Weg abgebogen war und keine Gefahr mehr für den Jungvogel darstellte.
Die Krähen umflogen die Eibe und kümmerten sich um ihren Nachwuchs.
Langsam sammelte ich mich wieder und schwor, in meiner anfänglichen Aufregung, den Krähen ewige Fehde.
Doch bald wandelte sich meine Wut in große Achtung vor dem Mut der Vögel, die ohne Rücksicht auf die Folgen angegriffen hatten.

Den Film „Die Vögel“ von Hitchcock, sehe ich seit diesem Tage mit ganz anderen Augen.

©Dieter Kermas

Image:  Wikimedia -Theatrical poster for the film The Birds (1963)

———————————————————————————————–——————–——

Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
——————————————————————————————————————

.

 

Advertisements

Die Reise

Die Reise

.
(* Eine Micro-Fiction Story von Merrill Lyew Emanuel)
.
Ich zog die Gardinen des Hotelfensters zurück, das Zimmer hellte sich auf, die warmen Sonnenstrahlen drängten durch die Haut.
Ich holte mir ein buntes Polohemd aus dem Gepäck.
Im kompakten Mietwagen bog ich meine langen Beine zusammen, dann traten wir die ersehnte Tour durch das unbekannte Bergland an. Zügig fuhren wir durch die allzu steilen Straßen. Beim Klettern wurde der Blechkasten merklich langsamer. Dafür raste er mit wahnsinniger Eile bergab. Mein Herz hämmerte hart gegen den Magen. Ich bereute es, überhaupt eingestiegen zu sein. Endlich blieb der Wagen schnaufend stehen.
Ich schwöre, in eine Achterbahn steige ich nie wieder ein.
.
©Merrill Lyew 2016
Image: Pixabay.com
 .
* WHAT IS Micro-Fiction/Flash-Fiction?  -Mikro-Fiction tells a story in 10 to 300 words. Flash-Fiction does this in 300 to 750 or up to 1000 words.
 .
———————————————————————————————–——————–

Merrill Lyew EmanuelAs a recent retiree, Merrill Lyew Emanuel now has time for his old and new hobbies. Within his hobbies are writing fan fiction in German, solving chess puzzles, repairing things at home that are not broken, doing a little bit of social media, reading every and anything that looks like a book, traveling a little, and taking snapshots with his mirrorless camera.

Having lived in Germany, Costa Rica and the USA, he is fluent in the languages of these countries. As a professional geographer he traveled profusely throughout Latin America. He is living in Southern California for over thirty years. Find more of his work at http://www.merrillius.net

——————————————————————————————————————

.

SPARMASSNAHMEN

 Sparmaßnahmen

(Ein Drabble* von Merrill Lyew Emanuel)
.

Beim kalifornischen DMV windet sich die Kundenreihe um das Gebäude herum, wie eine dahinkriechende Schlange. Die Beamtin Mary müht sich lustlos hinter dem Tresen ab. Bei jedem Klienten überprüft sie, ob das richtige Formular vorliegt, ob es vollständig ausgefüllt ist, ob der Antrag auf Führerschein rechtens ist. Sie heftet Akten ab, lichtet Passbilder ab, nimmt Fingerdrucke ab.

Apathisch quält sie sich durch die Minuten des Tages, dabei macht sie einen Patzer nach dem anderen. Aufgrund der Sparmassnahmen im Staatshaushalt sind die Planstellen halbiert worden, leere Stellen verbleiben leer. Die Gescheiten finden anderswo leicht einen Job, nur Mary bleibt beim DMV.

 .
©Merrill Lyew 2016
Image: Pixabay.com
 .
* WHAT IS a Drabble?  – A drabble is a short work of fiction of around one hundred words.
 .
———————————————————————————————–——————–

Merrill Lyew EmanuelAs a recent retiree, Merrill Lyew Emanuel now has time for his old and new hobbies. Within his hobbies are writing fan fiction in German, solving chess puzzles, repairing things at home that are not broken, doing a little bit of social media, reading every and anything that looks like a book, traveling a little, and taking snapshots with his mirrorless camera.

Having lived in Germany, Costa Rica and the USA, he is fluent in the languages of these countries. As a professional geographer he traveled profusely throughout Latin America. He is living in Southern California for over thirty years. Find more of his work at http://www.merrillius.net

——————————————————————————————————————

Discover the World with Adolesco.org

.

Ein Mord(s)igel

Ein Mord(s)igel

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
.

Die Dämmerung senkte sich über die Landschaft. Die Vögel suchten sich einen Rastplatz für die Nacht, Insekten verkrochen sich, um nicht auszukühlen und die Blüten schlossen die Kelche.
Es war Wachablösung in der Natur.
Katzen verließen ihren warmen Schlafplatz und schlichen aus dem Haus, Mäuse begannen ihre nächtlichen Wanderungen und die Fledermäuse schwangen sich in den Abendhimmel, um Nachtinsekten zu jagen.

Versteckt unter einem Brombeerstrauch streckte und reckte sich Alois der Igel. Sein Blick ruhte kurz auf der Igelin und den vier winzigen Kindern, die zusammengekuschelt noch schliefen. Seine Nachkommenschaft hatte er zufällig auf seinen nächtlichen Wanderungen entdeckt. Die Natur hat es so eingerichtet, dass Igel, kaum dass sie eine Partnerin gefunden haben, kurz darauf als Einzelgänger ihres Weges gehen müssen.
Heute werde ich einen anderen Weg als sonst einschlagen, beschloss er und trippelte in Richtung Landstraße, die ihn von den Wiesen trennte.
Sssit, sssit, sssit, so rauschte der Feierabendverkehr an ihm vorbei. Und Alois wartete.
Erst spät, als die Chance größer war, den Fahrdamm lebend zu überqueren, stand er auf und schaute nach den Lichtern, die den Tod brachten. Viele seiner Artgenossen hatten es nicht geschafft, die andere Straßenseite zu erreichen.
Er hatte gelernt, wann er es wagen konnte loszulaufen, um auf der andere Seite heil anzukommen..

So auch heute. Von beiden Seiten näherten sich keine Lichter und so rannte er los. Mit klopfendem Herzen schaffte er es. Sein Schwung war so groß, dass er in den Straßengraben kullerte und atemlos liegen blieb.
Diesen gefahrvollen Weg nahm er auf sich, weil er hier auf der Wiese die fettesten Regenwürmer und die knackigsten Käfer erbeuten konnte.
Er wuselte bedächtig durch das hohe Gras, ließ sich einen eingeschlafenen Heuhüpfer, eine fette Raupe und einen mindestens fünfzehn Zentimeter langen Regenwurm schmecken.

Er trippelte den Fußweg entlang, der zum Dorf führte und auf dem er sicher sein konnte, einige Schnecken als Nachtisch zu finden.
Ein wenig vorsichtig musste er schon sein, hier ohne Deckung durch das Gras. Katzen brauchte er nicht zu fürchten und auch Meister Reinecke hatte sich eine blutige Nase an seinen Stacheln geholt. Sollte er jedoch einem Dachs begegnen, so standen seine Chancen schlecht, denn dieser hatte eine Jagdmethode, gegen die er sich nicht wehren konnte. Auch einen gefährlichen Uhu gab es in dieser Gegend nicht und so marschierte er, satt und zufrieden, zurück zur Straße.

Am Straßenrand sah er hinüber zur gegenüberliegenden Seite, weil sich dort etwas bewegte. Ja tatsächlich, er erkannte die Igelin mit den Kindern, die sich anschickten, die Straße zu überqueren.
Sie hatten fast die Mitte der Fahrbahn erreicht, als sich ein Motorrad mit zwei johlenden jungen Männern näherte.
»Das schaffst Du nie, den Igel zu erwischen«, hörte Alois den Burschen auf dem Rücksitz rufen.
»Wenn´s weiter nichts ist, pass auf, so geht´s«, schrie dieser zurück und lenkte geradewegs auf das Tier zu. Es gab nur ein leises, schmatzendes Geräusch, als das Vorderrad die Igelin überfuhr.
»Jetzt wird es schwieriger«, grölte der Fahrer, »die anderen sind ganz schön klein.« Er wendete und setzte erneut zur Jagd an.

Die vier Igelchen saßen wie erstarrt mitten auf der Fahrbahn, sodass es kein Kunststück war, in aller Ruhe die Tiere anzuvisieren. Drei erwischte der Fahrer beim ersten Anlauf. Das vierte Igelkind erhielt nur einen Schubs, wobei es sich die Hinterbeine brach, in den Graben geschleudert wurde und einige Zeit darauf verendete.
Voll zufrieden mit ihrer Heldentat, brauste der Motorradfahrer mit seinem Kumpan laut lachend zurück ins Dorf.
Alois saß wie erstarrt am Straßenrand.
Nach und nach wich die Starre und er rannte, so schnell ihn seine kurzen Beinchen trugen, hinüber zum Waldrand. Diesen Anblick würde er seinen Lebtag nicht vergessen.

Ein paar Tage später traf er auf einen Igel, der unvermutet in seinem Revier auftauchte.
Sie liefen kurz nebeneinander her, wobei Alois erst ein Fauchen und dann ein knurrendes Geräusch von sich gab, um den Eindringling zu vertreiben. Das wirkte und der Gegner lief auf die Straße.
In diesem Augenblick hörte Alois ein Motorrad kommen. Es waren wieder die beiden Burschen, denen es sichtlich eine Mordsgaudi war, Igel zu überfahren. Im nächsten Moment war es auch schon geschehen. Der fremde Igel lag flach gefahren am Straßenrand.
Alois wünschte, es gäbe eine gerechte Strafe für diese Freveltat und verzweifelte bei dem Gedanken, nichts tun zu können.

Eines Abends, er war am Wiesenrand unterwegs, fand Alois ein Nest mit sechs kleinen, nackten Mäuslein. Da hab ich aber heute Glück, dachte er und wollte gerade das erste Mäuslein packen, um es zu verspeisen. Plötzlich blendete ein helles Licht seine Augen. War das etwa ein Auto, das hier entlangfuhr, ging es ihm durch den Sinn. Doch er konnte kein Motorgeräusch vernehmen. Vielmehr hörte er eine helle, sanfte Stimme, die zu ihm sprach: »Wenn Du die Mäuslein verschonst, dann hast Du drei Wünsche frei.«
Er kniff die Augen zusammen, um deutlicher zu sehen, wer oder was das war, das da sprach.
Verwirrt sah er eine lichtumflutete Gestalt, die wie eine Maus aussah. Bei näherem Hinsehen entdeckte er, dass sie zwei Flügel hatte und so einer leuchtenden Fledermaus ähnelte.
»Äh, wie, ich, was soll ich mir denn wünschen?«, fragte er, wobei seine Gedanken wirr im Kopf herumsausten.
»Überlege nicht zu lange«, mahnte die Elfenmaus, wobei ihr Leuchten bereits etwas schwächer wurde.
Plötzlich fielen ihm die Burschen auf dem Motorrad ein, die soviel Leid über die Igel gebracht hatten.
Er dachte an seine Rachegefühle und sprach mit fester Stimme: »So wünsche ich mir einen Panzer so fest wie von einer Schildkröte, Beine so flink wie von einem Hasen und meine Stacheln sollen lang, spitz und eisenhart sein.«
»So sei es denn«, hörte er noch, bevor ihm die Sinne schwanden.

Lange lag er regungslos und wie tot am Boden. Zuerst zuckte es in seinen Gliedern und kurz darauf gelang es ihm seine Augen zu öffnen. Was habe ich nur für einen Unsinn geträumt, dachte er und schüttelte sich. Er drehte seinen Kopf nach allen Seiten, um sich zu vergewissern, wo er war. Da erschrak er. Sein Blick war auf die Stacheln an seiner Schulter gefallen. Die sahen viel länger und viel spitzer aus. Im selben Moment hatte er das Gefühl, sein Rücken würde ihn zu Boden drücken. Sollte der Traum Wirklichkeit geworden sein, ging es ihm durch den Kopf? Vorsichtig reckte er sich, streckte seine Beinchen und war im Begriff, den nahen Abhang hinaufzuklettern, als ihn der vorbeistreichende Fuchs entdeckte. Warte, sagte sich der Fuchs, ich kann dich zwar nicht fressen, aber etwas ärgern möchte ich dich schon. Mit diesem Vorsatz sprang er auf Alois los und versuchte ihn mit der Pfote umzudrehen. »Au, au, wie spitz sind heute deine Stacheln«, japste er und leckte sich die Pfote. Alois schüttelte sich, schnaufte ärgerlich über die Belästigung und rannte los. So schnell und so unerwartet, dass der Fuchs an seinem Sehvermögen zweifelte. Was mag die stachlige Bürste nur gefressen haben, dass sie so flink rennen kann, grübelte Reinecke und setzte kopfschüttelnd seinen Weg fort.

Igel Alois war selber über seine Rennfähigkeit überrascht. Dann habe ich wohl doch nicht geträumt, überlegte er. Meine Stacheln sind spitzer und länger, ich kann rennen wie ein Hase, und so wird mein Rücken sicher so hart wie der von einer Schildkröte sein, da war er sich sicher.

Es vergingen mehr als zwei Wochen. Alois hatte sich an seinen neuen Körper gewöhnt, wobei es ihm große Freude bereitete drohenden Gefahren einfach davonzurennen.
Eines Abends, er war auf dem Rückweg von der Wiese, hörte er beim Überqueren der Straße das ihm vertraute Geräusch eines Motorrads.
Sollten das die beiden aus dem Dorf sein, die Jagd auf Igel machten?
Dann ist heute der Tag, an dem ich sie zur Rechenschaft ziehen werde, beschloss Alois und legte sich am Straßenrand auf die Lauer.

Das Geräusch kam näher und Alois erkannte im Mondlicht die zwei Übeltäter.
Flink huschte er auf die Fahrbahn, sodass er im Scheinwerferkegel gut zu sehen war.
Sofort hatten sie ihn entdeckt, freuten sich lautstark über ihr nächstes Opfer und fuhren sofort auf den Igel zu. Alois rannte los.
»Was ist denn mit dem los? Das gibt es doch nicht, wie schnell der ist«, wunderte sich der Motorradfahrer.
»Pass auf, lass ihn nicht entwischen«, stachelte ihn sein Freund lautstark an.
Mit aufheulendem Motor versuchten sie, den Igel einzuholen. Die Hatz wurde schneller und schneller.

In dem Moment, als sich das Motorrad dem dahinrasendem Igel bis auf ein paar Meter genähert hatte und die Jäger in der Vorfreude auf ihren Erfolg johlten, blieb Alois plötzlich wie festgenagelt stehen.
»Jetzt bist du dran«, brüllte der Sozius . Dann traf das Vorderrad auf den Igel, verlor schlagartig die Luft, der Lenker wurde dem Vordermann aus der Hand gerissen und das Motorrad flog in einem hohen Bogen von der Straße. Unglücklicherweise stand dort ein Alleebaum. Mit einem kaum hörbaren Knacken brach sich der Fahrer das Genick. Sein Mitfahrer prallte mit dem Kopf heftig gegen einen Stein und wurde bewusstlos in das Krankenhaus eingeliefert. Nachdem er wieder zu sich gekommen war, behauptete er unbeirrt, ein Igel wäre mindestens fünfzig Kilometer schnell vor ihnen hergelaufen, wäre dann stehen geblieben und seine Stacheln hätten ihren Reifen zerstochen.
Die Ärzte diagnostizierten eine schwere Bewusstseinstörung und empfahlen dringend eine Psychotherapie.

Was aus Alois geworden ist?
In jener Nacht sah er die leuchtende Elfenmaus wieder im Traum und sie sprach zu ihm:
»Du hast deine drei Wünsche nun aufgebraucht, und wenn du aufwachst, dann wirst du dich an nichts mehr erinnern.«
So geschah es und Alois lebte noch viele Jahre glücklich in seinem Revier.
Nur wenn er an dem bewussten Alleebaum vorbeikam, war es ihm, als wäre hier etwas vorgefallen.
Doch es fiel ihm nicht ein und er setze ein wenig nachdenklich seinen Weg fort.

© Dieter Kermas

Image: Pixabay.com

———————————————————————————————–——————–

Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
——————————————————————————————————————

.

Das Nagetier

Troll - Das Nagetier

Das Nagetier

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
.

Sitzen zwei Trolle auf einem bemoosten Felsen und betrachten das festliche Treiben unten im Tal. „Sie feiern das Mittsommerfest“, murmelt einer. „Das verstehe ich nicht“, sinniert der Zweite. „Sie wissen doch, dass die Tage jetzt kürzer werden und bald Schnee und Eis unser Land zudecken. Da lob ich mir die Wintersonnenwende. Da werden die Tage länger und die Sonne scheint bald wärmer.“

Ersterer schaut seinen Nachbarn an und bemerkt mit einem Grinsen: „Da sagst du nur, weil du seit zweihundert Jahren an Rheumatismus leidest.“
„Du kannst ruhig lästern,“ wehrt sich der Verspottete, „wenn ich dich so betrachte, hat der Zahn der Zeit auch an dir genagt. Schau dir deinen Bart an. Da ist mehr Moos drin als unsere Moosunterlage, ganz zu schweigen von deinen Augen, die man durch die Falten kaum erkennen kann.“

Der so Zurechtgewiesene schweigt eine Weile und meint dann bedächtig: „Du hast vom Zahn der Zeit gesprochen. Wenn ich es mir so überlege, gibt es kaum einen Zahn auf der Welt, der schärfer ist. Ich würde sogar behaupten, es ist der schärfste Zahn auf dieser Welt. Es gibt kein Lebewesen und kein Ding, an dem er nicht nagt. Denk mal an unseren großen Felsen, wo wir seit Jahrhunderten unsere Versammlungen haben. Der Felsen schien für die Ewigkeit gemacht. Er war so hart und glatt, dass es selbst uns nicht gelang ihn zu ritzen. Doch just vor zwei Jahren mussten wir sehen, wie sich ein Riss mitten durch unseren Stein zog. Ich bin mir sicher, dass er eines Tages in zwei Teile zerfallen wird. Es bedarf nur etwas Zeit.Diesem Nagetier entgeht niemand und nichts auf der Welt. Bedrückend, oder?“

Sein Nebenmann legt das Gesicht in noch mehr Falten und gibt zu bedenken: „Wenn das so ist, dann wäre es doch durchaus möglich, dass der Zahn der Zeit selbst unsere Erde zernagt?!“
„Wenn wir den Gedanken bis zum Ende verfolgen, dann wird es wohl so sein,“ stimmt der Angesprochene zu.
„Hast du nicht ein Beispiel, wo das Zeitnagetier mal was Gutes vollbracht hat?“, versucht dieser diesem Gedanken eine positive Wendung zu geben.
„Doch, habe ich,“ versichert der Moosbärtige verschmitzt lächelnd. „Vor ein paar Tagen traf ich einen Fuchs. Dieser berichtete mir freudestrahlend, dass er heute großes Glück gehabt hätte. Er wäre durch sein Revier geschnürt, als sein Bein plötzlich auf etwas Spitzes getreten sei. Als er nachgeschaut habe, sei ihm der Schreck in alle Glieder gefahren. Sein Fuß stand mitten in einer von den Menschen versteckten Schlagfalle.“
„Und wo ist da das große Glück?“, kam die Frage des Zuhörers.
„Das ist schnell erzählt“, fuhr ersterer fort. Der Zahn der Zeit hatte so lange an dem Eisen genagt, bis der Rost die ganze Falle überzogen und sie somit unbrauchbar gemacht hatte.“

Der zweite Troll rieb sich die Kartoffelnase, stand auf und schlug vor: „ auf das gute Ende der Geschichte sollten wir einen trinken. Wenn es dunkel wird und die Menschen müde vom Feiern schlafen, schleichen wir zu den Hütten und finden sicher etwas, womit wir anstoßen können.“

© Dieter Kermas

Image: Pixabay.com

———————————————————————————————–——————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
——————————————————————————————————————