Tag Archives: Deutsche Zeitgeschichte

Das Erste Mal Durch Die Mauer

Teltowkanal

Teltowkanal. Die Grenze verlief in der Mitte des Gewässers. (Photo: ©Dieter Kermas)

Das erste Mal durch die Mauer

(Ein Erlebnisbericht von Dieter Kermas)
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Es war Mai 1990 und der DDR-Staat begann, sich merkbar zu wandeln. Zur Einreise genügte für uns Westberliner jetzt nur der normale Personalausweis.
Am 11. Mai fuhren wir, Helga und ich, zum nächstgelegenen Grenzübergang am Ostpreußendamm. Der Grenzpolizist auf der Ostseite warf nur einen kurzen Blick auf unsere Ausweise und gab sie mit einem Lächeln und einem „Gute Fahrt“ zurück. Wir waren über diesen, in den vergangenen Jahrzehnten noch nie gesehenen Gesichtsausdruck bei einem „Grenzorgan“ richtig verblüfft.
Die Möglichkeit, ohne die oft erduldeten Schikanen, die nächste Umgebung hinter der Mauer zu erkunden, war für uns nach fast vierzig Jahren natürlich sehr verlockend.

Aus meiner Kindheit waren Ortsnamen wie Köpenick, Erkner und Müggelsee, in mir noch recht lebendig. Am heutigen Tag wollten wir nun mit der Erkundung dieser Umgebung beginnen.
Bei strahlendem Sonnenschein ging die Fahrt über Teltow, Mahlow, Waßmannsdorf, am Flughafen Schönefeld vorbei, nach Köpenick.

Dem Tipp eines Kollegen folgend, besichtigten wir die Ausstellung im Schloss Köpenick. Wir hatten den Rundgang recht zügig hinter uns gebracht, obwohl die Exponate mehr Zeit verdient hätten, und standen so gegen elf Uhr wieder auf dem Schlosshof.  Nachdem uns eine Tasse Kaffee in der Schlossgaststätte wieder fit gemacht hatte, entschlossen wir uns, die Fahrt in Richtung Müggelsee fortzusetzen.

Während der Fahrt, die Sonne brannte uns schon recht heiß durch das offene Schiebedach auf die Köpfe, hatte ich urplötzlich die Idee bis nach Gosen weiterzufahren. Meine Frau stimmte sofort zu. Die Straßenbeschilderung war ausreichend gut, und so trafen wir gegen zwölf Uhr in Gosen ein.
Kurz vor Gosen überquerten wir zwei Brücken und ich erinnerte mich in diesem Moment an eine Fahrt mit Tante Klara. Als sie uns 1948 mit dem Pferdewagen vom Bahnhof Erkner abgeholt hatte, und wir durch das Wasser fahren mussten, weil die Brücke zerstört war.

Aus der Erinnerung heraus versuchte ich den Weg zu unseren Verwandten zu finden, doch vergebens. In den Jahren hatte sich doch mehr verändert, als ich angenommen hatte. Um nicht länger umherzuirren, erkundigte ich mich bei einem älteren Mann, der gerade mit einem kleinen Jungen den Weg entlang kam, nach der Familie Krauel.

Er fragte zögernd zurück, ob ich Alfred Krauel suchen würde, und ich bejahte dies. Mit bekümmerter Miene teilte er uns mit, dass gerade heute, am 11. Mai, Alfred Krauel Senior zu Grabe getragen würde.

Das konnte doch nicht wahr sein, dachte ich. Nach fast vierzig Jahren der Trennung wurde mein Onkel Alfred gerade an diesem Tag beerdigt. Zufall oder ein Wink des Schicksals?
Der alte Herr beschrieb uns noch die Richtung zum Hause Krauel und ging seines Weges.

Noch etwas erschrocken und verwirrt überlegten wir, ob gerade heute der richtige Tag für ein Wiedersehen sei. Wer und was erwartete uns?
Wir entschlossen uns, das Wagnis einzugehen und fuhren zur Seestraße 24. Als wir vor dem niedrigen Bauernhaus standen, es war früher mit Reet gedeckt, erkannte ich es sofort wieder.

Ich ging bis zum Gartentor und rief, niemand meldete sich. Nach kurzem Überlegen, entschlossen wir uns erst einmal etwas essen zu gehen.
Im Gasthof nahmen wir dann unsere Mahlzeit ein. Im Hinausgehen entdeckte ich zufällig in einem Nebenraum eine gedeckte Tafel. Die Bedienung erzählte uns, dass der Raum von der Familie Krauel für eine Feier bestellt wäre.

Wir hatten uns vorgenommen, nach dem Essen, ein zweites Mal zur Seestraße zu fahren. Ich stieg aus, ging durch das offene, erste Gartentor bis zum zweiten Tor. Hinter dem Haus hörte ich Stimmen und so rief ich: „Hallo!“ Zuerst kam ein Hund um die Ecke gesaust und blieb bellend hinter dem Tor stehen. Kurz darauf bog ein Mann um die Hausecke, blieb stehen, kam langsam näher und fragte, wen ich sprechen möchte.

Vom Alter her, so ging es durch meinen Kopf, könnte das wohl mein Cousin Alfred sein. Spontan und nichts Besseres auf der Zunge, rief ich: „Ich bin Dieter Kermas aus Berlin, bist Du Alfred?“ Die Verblüffung auf der anderen Seite dauerte nur eine Sekunde, dann wurde das Tor aufgeschlossen, aufgerissen und Alfred packte mich bei den Schultern und fast schleppte er mich bis zur Hausecke. Auf dem kurzen Weg dorthin deutete er mir an, nicht zu sagen, wer ich sei.

Hinter dem Haus saßen unter dem Nussbaum einige Personen, die mich etwas verwundert und neugierig musterten. Zu einer älteren Frau gewandt, fragte Alfred: „ Na, wer ist das wohl, den ich hier bringe? Erkennst Du ihn?“ Natürlich war das nach den vergangenen Jahrzehnten fast ausgeschlossen. Ich stellte mich dann vor und auch alle Anwesenden nannten ihre Namen.

Die Begrüßung war recht stürmisch und ganz besonders herzlich wurde ich von Tante Else willkommen geheißen. Erst nach einigen Minuten konnte ich erklären, dass meine Frau noch im Wagen säße.
Sofort lief Alfred mit mir auf die Straße und Helga wurde ebenfalls zum Platz unter dem Nussbaum gezogen und dort herzlich begrüßt.

In die Freude des Wiedersehens mischte sich der Schatten des Trauertages, und so war ich fast geneigt, wieder zurückzufahren. Schließlich entschieden wir uns doch dazubleiben, und Onkel Alfred auf seinem letzten Weg zu begleiten.
Alfred lieh mir noch ein dunkles Hemd, und wir gaben seinem Vater die letzte Ehre.

Im Gasthof versammelten wir uns dann bei Kaffee und Kuchen. Ein ums andere Mal erzählte Alfred den Gästen die erstaunliche Tatsache, gerade an diesem Tag, den Cousin aus Berlin nach vierzig Jahren wiedergefunden zu haben.

Die Stunden vergingen, und wir hätten noch lange dort sitzen können, doch den Weg nach Hause hatten wir noch vor uns. So verabschiedeten wir uns und fuhren heimwärts, nicht ohne vorher Alfred versprochen zu haben, bald wiederzukommen.

Die Gedanken kreisten in unseren Köpfen, und zu Hause angekommen, diskutierten wir noch bis Mitternacht das Erlebte, während der Maiglöckchenstrauß von Tante Else das Zimmer mit seinem Duft erfüllte.

Berlin, September 1990

© Dieter Kermas

Photo: ©Dieter Kermas———————————————————————————————————————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.)  Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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Das Erste Mal Durch Die Mauer

Teltowkanal

Teltowkanal. Die Grenze verlief in der Mitte des Gewässers. (Photo: ©Dieter Kermas)

Das erste Mal durch die Mauer

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
 

Es war Mai 1990 und der DDR-Staat begann, sich merkbar zu wandeln. Zur Einreise genügte für uns Westberliner jetzt nur der normale Personalausweis.
Am 11. Mai fuhren wir, Helga und ich, zum nächstgelegenen Grenzübergang am Ostpreußendamm. Der Grenzpolizist auf der Ostseite warf nur einen kurzen Blick auf unsere Ausweise und gab sie mit einem Lächeln und einem „Gute Fahrt“ zurück. Wir waren über diesen, in den vergangenen Jahrzehnten noch nie gesehenen Gesichtsausdruck bei einem „Grenzorgan“ richtig verblüfft.
Die Möglichkeit, ohne die oft erduldeten Schikanen, die nächste Umgebung hinter der Mauer zu erkunden, war für uns nach fast vierzig Jahren natürlich sehr verlockend.

Aus meiner Kindheit waren Ortsnamen wie Köpenick, Erkner und Müggelsee, in mir noch recht lebendig. Am heutigen Tag wollten wir nun mit der Erkundung dieser Umgebung beginnen.
Bei strahlendem Sonnenschein ging die Fahrt über Teltow, Mahlow, Waßmannsdorf, am Flughafen Schönefeld vorbei, nach Köpenick.
Dem Tipp eines Kollegen folgend, besichtigten wir die Ausstellung im Schloss Köpenick. Wir hatten den Rundgang recht zügig hinter uns gebracht, ob wohl die Exponate mehr Zeit verdient hätten, und standen so gegen elf Uhr wieder auf dem Schlosshof.  Nachdem uns eine Tasse Kaffee in der Schlossgaststätte wieder fit gemacht hatte, entschlossen wir uns, die Fahrt in Richtung Müggelsee fortzusetzen.

Während der Fahrt, die Sonne brannte uns schon recht heiß durch das offene Schiebedach auf die Köpfe, hatte ich urplötzlich die Idee bis nach Gosen weiterzufahren. Meine Frau stimmte sofort zu. Die Straßenbeschilderung war ausreichend gut, und so trafen wir gegen zwölf Uhr in Gosen ein.
Kurz vor Gosen überquerten wir zwei Brücken und ich erinnerte mich in diesem Moment an eine Fahrt mit Tante Klara. Als sie uns 1948 mit dem Pferdewagen vom Bahnhof Erkner abgeholt hatte, und wir durch das Wasser fahren mussten, weil die Brücke zerstört war.

Aus der Erinnerung heraus versuchte ich den Weg zu unseren Verwandten zu finden, doch vergebens. In den Jahren hatte sich doch mehr verändert, als ich angenommen hatte. Um nicht länger umherzuirren, erkundigte ich mich bei einem älteren Mann, der gerade mit einem kleinen Jungen den Weg entlang kam, nach der Familie Krauel.
Er fragte zögernd zurück, ob ich Alfred Krauel suchen würde, und ich bejahte dies. Mit bekümmerter Miene teilte er uns mit, dass gerade heute, am 11. Mai, Alfred Krauel Senior zu Grabe getragen würde.
Das konnte doch nicht wahr sein, dachte ich. Nach fast vierzig Jahren der Trennung wurde mein Onkel Alfred gerade an diesem Tag beerdigt. Zufall oder ein Wink des Schicksals?
Der alte Herr beschrieb uns noch die Richtung zum Hause Krauel und ging seines Weges.

Noch etwas erschrocken und verwirrt überlegten wir, ob gerade heute der richtige Tag für ein Wiedersehen sei. Wer und was erwartete uns?
Wir entschlossen uns, das Wagnis einzugehen und fuhren zur Seestraße 24. Als wir vor dem niedrigen Bauernhaus standen, es war früher mit Reet gedeckt, erkannte ich es sofort wieder.
Ich ging bis zum Gartentor und rief, niemand meldete sich. Nach kurzem Überlegen, entschlossen wir uns erst einmal etwas essen zu gehen.
Im Gasthof nahmen wir dann unsere Mahlzeit ein. Im Hinausgehen entdeckte ich zufällig in einem Nebenraum eine gedeckte Tafel. Die Bedienung erzählte uns, dass der Raum von der Familie Krauel für eine Feier bestellt wäre.

Wir hatten uns vorgenommen, nach dem Essen, ein zweites Mal zur Seestraße zu fahren. Ich stieg aus, ging durch das offene, erste Gartentor bis zum zweiten Tor. Hinter dem Haus hörte ich Stimmen und so rief ich: „Hallo!“ Zuerst kam ein Hund um die Ecke gesaust und blieb bellend hinter dem Tor stehen. Kurz darauf bog ein Mann um die Hausecke, blieb stehen, kam langsam näher und fragte, wen ich sprechen möchte.
Vom Alter her, so ging es durch meinen Kopf, könnte das wohl mein Cousin Alfred sein. Spontan und nichts Besseres auf der Zunge, rief ich: „Ich bin Dieter Kermas aus Berlin, bist Du Alfred?“ Die Verblüffung auf der anderen Seite dauerte nur eine Sekunde, dann wurde das Tor aufgeschlossen, aufgerissen und Alfred packte mich bei den Schultern und fast schleppte er mich bis zur Hausecke. Auf dem kurzen Weg dorthin deutete er mir an, nicht zu sagen, wer ich sei.

Hinter dem Haus saßen unter dem Nussbaum einige Personen, die mich etwas verwundert und neugierig musterten. Zu einer älteren Frau gewandt, fragte Alfred: „ Na, wer ist das wohl, den ich hier bringe? Erkennst Du ihn?“ Natürlich war das nach den vergangenen Jahrzehnten fast ausgeschlossen. Ich stellte mich dann vor und auch alle Anwesenden nannten ihre Namen.
Die Begrüßung war recht stürmisch und ganz besonders herzlich wurde ich von Tante Else willkommen geheißen. Erst nach einigen Minuten konnte ich erklären, dass meine Frau noch im Wagen säße.
Sofort lief Alfred mit mir auf die Straße und Helga wurde ebenfalls zum Platz unter dem Nussbaum gezogen und dort herzlich begrüßt.

In die Freude des Wiedersehens mischte sich der Schatten des Trauertages, und so war ich fast geneigt, wieder zurückzufahren. Schließlich entschieden wir uns doch dazubleiben, und Onkel Alfred auf seinem letzten Weg zu begleiten.
Alfred lieh mir noch ein dunkles Hemd, und wir gaben seinem Vater die letzte Ehre. Im Gasthof versammelten wir uns dann bei Kaffee und Kuchen. Ein ums andere Mal erzählte Alfred den Gästen die erstaunliche Tatsache, gerade an diesem Tag, den Cousin aus Berlin nach vierzig Jahren wiedergefunden zu haben.
Die Stunden vergingen, und wir hätten noch lange dort sitzen können, doch den Weg nach Hause hatten wir noch vor uns. So verabschiedeten wir uns und fuhren heimwärts, nicht ohne vorher Alfred versprochen zu haben, bald wiederzukommen.

Die Gedanken kreisten in unseren Köpfen, und zu Hause angekommen, diskutierten wir noch bis Mitternacht das Erlebte, während der Maiglöckchenstrauß von Tante Else das Zimmer mit seinem Duft erfüllte.

Berlin, September 1990

© Dieter Kermas

Photo: ©Dieter Kermas———————————————————————————————————————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.)  Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

Toget in touchwith Dieter Kermas, please send an emailwithsubjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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Letzte Erinnerungen aus der Berliner Nachkriegszeit – (Dt. Zeitgeschichte)

Indianer-Dieter Kermas

Essays by Dieter Kermas  –  (Part 22)
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Eine kleine Auswahl an Erlebnissen , die in Erinnerung blieben
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Seeräubersäbel

Ach ja, da gab es noch die Geschichte mit dem Säbel, der in der Stierstraße in einer Ruine frei und einsam an der Wand im dritten Stock hing. Die Zwischen-decken vom vierten bis zum ersten Stock waren heruntergebrochen, sodass es an ein Wunder grenzte, dass der Säbel noch dort hing. Wie oft versuchten wir, diesen Säbel zu ergattern. Wir warfen Steine, hofften mit hakenbeschwerten Strippen endlich ans Ziel zu kommen, alles vergeblich. Einen Versuch vom Dach des Nachbarhause wagten wir  nicht, war die Höhe doch zu beängstigend.

Langsam begannen wir, die Geschichte des Säbels zu erfinden. Zeitweilig waren wir sicher, dass er Eigentum eines Seeräubers gewesen war, doch auch die Idee, der Besitzer könnte ein alter General gewesen sein, klang gut. Unsere Fantasien wurden jäh zerstört, als wir nach dem Ende eines Schultages bereits von Weitem das Horn des Sprengmeister hörten. Es kam aus Richtung Stierstraße. Ehe wir jedoch die Straße erreichten, erschütterte ein dumpfer Knall die Luft. Wir bogen um die Ecke und konnte gerade noch sehen wie sich langsam die Staubwolke über » unsere Säbelruine « legte. Aus und vorbei. Nur die Erinnerung blieb erhalten.

Ein diplomierte Strassenfeger – Die Amis – Schlittschuhfahren auf dem Löschteich und mehr

Von kleinen Begebenheiten, die mir selbst nach so vielen Jahren im Gedächtnis haften geblieben sind, möchte ich noch berichten.

Eine davon betraf meinen Vater, der mit unserem Spitz Peggy  Gassi ging. Als er nach einiger Zeit wieder nach oben kam, erzählte er uns Folgendes: Er hatte ab und zu beim Gassigehen einen Straßenfeger bemerkt, dessen Aussehen nicht recht zu der Tätigkeit passte, die er gerade verrichtete.

Er war nach seinen schlohweißen Haaren zu urteilen viel zu alt, um diese Arbeit zu erledigen. Seine goldgefasste Brille verstärke den Eindruck, dass er bessere Tage gesehen haben musste. An diesem Tage nahm sich Vater ein Herz und sprach den Mann an. Soweit ich mich erinnere, stellte sich heraus, dass dieser Straßenfeger ein Prof. Dr. Dr. Ing. war und für das » Dritte Reich « in einem chemischen Betrieb, der für die Wehrmacht arbeitete, eine führende Stelle als Wissenschaftler eingenommen hatte. Nachdem seine Entnazifizierung nicht zu seiner Entlastung geführt hatte, musste er auf diese Weise sein tägliches Brot verdienen.

Eine Geschichte ganz anderer Art war diese: Uns Gören war bekannt, dass am Grazer Damm viele Wohnungen von Amerikanern bewohnt waren. Bald hatten wir auch eine Art Gemeinschaftsverpflegungsstelle entdeckt, wo für die Amis gekocht wurde. In der Nähe der Küche war in einer Häuserecke eine Grube ausgehoben, in der die Köche die Küchenabfälle hineinwarfen.

Es dauerte nicht lange, da stellten wir fest, dass oft Büchsen mit Marmelade, Corned Beef, Fett und halbe Weißbrote auf dem Haufen zu finden waren. Da wir immer Hunger hatten, schlichen wir hin und wieder zu unserem Zusatz-versorgungsdepot um etwas Essbares zu ergattern. Das ging einige Zeit gut.  Dann, eines Tages, stürzte ein weißbemützter Koch aus dem Kücheneingang und scheuchte uns, lauthals schimpfend, in die Flucht. Er tat das so nachhaltig, dass wir diesen Ort von da an mieden.

Viel lustiger fanden wir den Tag, als sich ein großer Reifen eines amerikanischen Lastwagens vom Fahrzeug löste, den frischangepflanzten Straßenbaum ab-rasierte, durch das kleine Fenster vom Friseurladen Lindner krachte, und erst nachdem er noch den ersten Friseurstuhl umgeworfen hatte, liegen blieb. Da das vor Geschäftsbeginn geschah, wurde zum Glück niemand verletzt. Sehr bedauerte ich unseren Friseur nicht, denn jedes Mal, wenn Mutter mich zum Haarschneiden scheuchte, litt ich unter der handbetriebenen Haarschneidemaschine, die sich ziepend und zerrend durch meine Haare fraß.

Kam der Winter, so konnte es geschehen, dass wir am Tor unserer Schule einen Zettel vorfanden, auf dem zu lesen war, dass die Schule wegen Kohlenmangels geschlossen sei. Dass wir nicht in Freudentänze ausbrachen, lag an dem Nachsatz, der uns befahl, umgehend zum Unterricht in die in der Nähe liegende beheizte Schule zu gehen. Dort drängte sich dann oft die doppelte Anzahl von Schülern im Klassenraum. Der Unterricht war dementsprechend erfolgreich, kann ich mir denken.

Auf dem Weg zu einer dieser Ersatzschulen kam ich am Friedrich-Wilhelm-Platz immer an einem Löschteich vorbei. Diese Löschteiche hatte man in den letzten Kriegsjahren angelegt, um für die durch die Bombardierung brennenden Häuser stets Löschwasser zur Verfügung zu haben. Diese aus Beton bestehenden Teiche hatten die Abmessungen eines mittleren Schwimmbeckens. Wenn das Wasser gefroren war, so machte es uns Spaß auf dem Eis zu schlittern. Das ging solange gut, solange das Eis auch tragfähig war. Doch ab und zu trog der Schein, und der erste Mutige brach durch die Eisdecke. Nun war das Wasser nicht sehr tief, aber bis zu den Knien stehend, musste er den Spott der Zaghaften über sich ergehen lassen. Erschwerend kam hinzu, dass der nasse Kamerad die Wände, die recht schräg nach oben führten, mühsam hochkriechen musste.

Mir ging es einmal ähnlich, als ich mit meinem Schlitten im besonders kalten Winter des Jahres 1947 auf das Eis des Teiches im Schöneberger Stadtpark fuhr und prompt einbrach. Nachdem ich mich ans Ufer gearbeitet hatte, lief ich pitschnass den recht langen Weg bis nach Hause. Dort angekommen war so gut wie alles an mir gefroren. Ich erinnere mich noch genau daran, dass es Mutter nicht gelang, mir die hohen Schnürschuhe auszuziehen, weil sie völlig vereist waren. Kurz entschlossen nahm sie eine große Schere, schnitt die Schnürung durch und zog mir die Schuhe aus. Eingewickelt in warme Decken, mit heißem Tee von innen aufgetaut, musste ich am heißen Kachelofen sitzen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich damals noch nicht einmal einen Schnupfen bekommen habe.

Dieses Nachkriegskapitel möchte ich nun schließen. Beim Durchlesen meines Manuskriptes stellte ich fest, dass sich alles recht locker und lustig anhört. Sicher geht es mir wie den Soldaten, die nach ihren Erlebnissen im Krieg gefragt, meist nur positive und fröhliche Geschichten zu erzählen wissen.

Fotos von Berlin um 1954

Unfall1.1954

 
 
 
 
 
 
 
Berlin Unfall1a.1954
 
 
 
 
 
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(Letze Folge der Deutschen Zeitgeschichte Serie von Dieter Kermas)
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© Dieter Kermas
 
Photo Credit© Dieter Kermas – “Indianer” , 2 photos “Berlin-Unfall 1954” 
 
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Dieter KermasDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany as well as after. This made for a collection of various essays that stir up a potpourri of emotions. These are stories which won’t leave the reader untouched, they speak of the innocence of a child’s perception of a life during terrible war times, and they shed light on war crimes that were beyond the understanding of a then young child.  Dieter Kermas is writing poems, short stories and is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
 
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas”  to: californiagermans@gmail.com
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Der Chemieversuch und ein Selbstgebasteltes Radio – (Dt. Zeitgeschichte)

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Essays by Dieter Kermas – Part 21
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Peter’s gelungener Chemieversuch

Diese Geschichte mit den Ratten wollte ich sofort Peter mitteilen. Ehe ich jedoch den Hörer des Telefons abnehmen konnte, klingelte es bereits. Ich nahm ab, es war tatsächlich Peter. Anfangs verstand ich kein Wort von dem, was er sagte. Ich musste den Hörer weit weg vom Ohr halten, so brüllte er auf der anderen Seite.

In einer kurzen Pause fragte ich zurück, was denn los sei. Es brüllte wieder von der anderen Seite, und ich verstand, dass er mich nicht hören konnte. Aus den Wortfetzen entnahm ich, dass Peter einen Versuch mit Chemikalien unter-nommen hatte, der, wie es sich anhörte, wohl mehr als gelungen schien.

Da das Telefonieren keinen Zweck hatte, eilte ich in die Hähnelstraße, um mehr über diese Großtat zu erfahren. Nun stellte sich heraus, dass er ein exzellentes Gemisch aus Kaliumpermanganat, Zucker etc. in einen Mörser geschüttet hatte, und mit dem Stößel erfolgreich versucht hatte, dies zum Knallen zu bringen. Die Mischung war perfekt, der Mörser gut gewählt, nur die Menge war so reichlich bemessen, dass die Folgen noch weit schlimmer hätten sein können. Es stank wie in der Hölle, und weißliches Pulver bedeckte den Tatort. Die großen Mengen an Chemikalien zu bekommen, war kein Problem, wozu gab es denn die Körner Apotheke!

Peters Oma stand noch im Flur und schimpfte etwas wie: » Was habt Ihr nur wieder angerichtet, Ihr Lorbasse! « Peter bekam davon nichts mit, denn seine Taubheit dauerte fast zwei Tage. Gerade jetzt, wo ich Peter meine neue Errungenschaft vorführen wollte, musste ich abwarten, bis wir uns wieder normal unterhalten konnten.

Rundfunk hören via Detektorempfänger

Bei Hermann Vreden, der im Nebenhaus Reparaturen an elektrischen Geräten in seinem Laden ausführte, hatte ich nämlich einen gut erhaltenen Detektor-empfänger gesehen. Die Detektorempfänger waren unter uns Jungen sehr begehrt, konnte man trotz Stromsperre doch noch die Rundfunksender empfangen. Dazu reichte ein langer Draht als Antenne, den man am besten aus dem Fenster hängen ließ, und Geduld, um auf dem Empfangskristall (Silizium oder Bleiglanz) mit einer federnden Spitze eine Stelle zu finden, wo der Kontakt plötzlich Musik oder Sprache hervorbrachte. Nun drehte man vorsichtig die Lautstärke auf und konnte im Kopfhörer Rundfunk hören. Das Gerät funktionierte ohne Strom und ohne Batterie. Diese Wundergerät hatte ich dem alten Vreden vor ein paar Tagen gegen eine große Büchse Lötfett abgerungen.

Das Lötfett hatte ich in einem Fass in einer verlassenen Instandsetzungsbaracke der Wehrmacht an der Hauptstraße gefunden. Aus dem Gelände wurde später ein Rummelplatz, und noch später baute das Möbelhaus Neue Wohnkultur ihren Neubau darauf.

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(Letzter Teil der Serie am nächsten Sonntag)
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© Dieter Kermas
 
Photo Credit: © dpa picture alliance–  – “Allesamt versammelt um den Detektorempfänger: In den Anfangsjahren musste jeder Hörer einen Kopfhörer tragen. ” www.ndr.de
 
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Dieter KermasDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany as well as after. This made for a collection of various essays that stir up a potpourri of emotions. These are stories which won’t leave the reader untouched, they speak of the innocence of a child’s perception of a life during terrible war times, and they shed light on war crimes that were beyond the understanding of a then young child.  Dieter Kermas is writing poems, short stories and is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
 
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Rattenplage im Nachkriegsberlin – (Dt. Zeitgeschichte)

Unsere Wohnung 1953 - Dieter Kermas

Essays by Dieter Kermas  –  (Part 20)
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RATTENPLAGE

Die Vormittagsprechstunde war vorüber, und Vater saß bereits wieder im Labor, um eilige Reparaturen für den gleichen, oder spätestens für den nächsten Tag zu erledigen. Ich spielte mit unserem Zwergspitz Peggy im Wohnzimmer, als Mutter ins Zimmer kam und sagte: » Ich finde das Eichhörnchen, dass Du wieder ange-schleppt hast ja ganz niedlich, aber was soll das arme Tier im Topflappenkasten über dem Herd?« In diesem Fall war ich ausnahmsweise unschuldig und konnte mit ruhigem Gewissen in die Küche gehen, um nachzusehen. Tatsächlich, da saß ein kleines pelziges Wesen im Topflappenkasten und sah uns mit seinen dunklen Knopfaugen an. » Mutti, das ist kein Eichhörnchen «, berichtigte ich,» das ist eine Ratte!« » Dann kümmert Euch darum,« sprach sie, und schlug die Küchentür zu.

Ich lief ins Labor und teilte Vater die Neuigkeit mit. » Du siehst doch, im Augenblick kann ich nicht aus dem Labor weglaufen, sonst wird mir der Kunststoff hart « sagte er, und das sah ich wohl ein. Das Problem musste schnell gelöst werden, denn sonst sah es mit dem Mittagessen nicht gut aus. So schnappte ich mir einen kleinen Hammer, der zum Öffnen der Gipsküvetten diente, und eilte in die Küche. Brav saß die Ratte noch im warmen Kasten und sah mich an. Wohl denn dachte ich, Du oder ich! Nach dem ersten Schlag sprang das Tier im hohen Bogen aus dem Kasten und flüchtete sich in eine Nische zwischen Herd und Küchenschrank. Das war sein Verderben. Mit mehreren Schlägen, die Ratte quietschte erbärmlich in ihrer Todesangst, beendete ich das Drama. » Die Jagd ist vorbei «, rief ich Mutter zu, und sie ordnete an, den Rattenrest sofort in die Mülltonne auf den Hof zu bringen.

Ein paar Tage später löste sich das Rätsel, woher die Ratte gekommen war. Es gab wieder Rattenalarm in der Küche. Mutter zeigte nur stumm auf die Lüftungsklappe über dem Herd. Dort spielten ungeniert zwei noch nicht ganz ausgewachsene Ratten zwischen den Klappenlamellen. Dieses Mal hatte Vater Zeit, sich der Sache selbst anzunehmen. Er tat dies in einer Art und Weise, die seinen friedliebenden Charakter wieder einmal zeigte. Zuerst holte er aus dem Sprechzimmer eine Glasflasche. Dann zog er vorsichtig am Hebel der der Lüftungsklappe, und das genau in dem Moment, in dem beide Ratten zu uns hinuntersahen. Jetzt waren sie festgeklemmt. Nun halfen wir Vater auf den Herd zu klettern. Er entnahm seiner Kitteltasche die Glasflasche, sie enthielt Chloräthyläther, sprühte beiden Kandidaten etwas auf die Nasen, worauf sie sofort betäubt einschliefen. Danach öffnete er die Lamellen, sodass die Ratten betäubt, aber lebend wieder im Keller landeten. In der Hoffnung, dass dies erzieherisch auf die Tiere gewirkt haben müsste, verließ Vater die Küche.

Es muss sich wohl unter den Nagern herumgesprochen haben, aber seit diesem Tag hatten wir nie wieder Besuch von ihnen.

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(Fortsetzung der Serie am nächsten Sonntag)
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© Dieter Kermas
 
Photo Credit:  Dieter Kermas – Berlin 1953 “Blick aus unserer Wohnung”  – 
 
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Dieter KermasDieter  Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany as well as after. This made for a collection of various essays that stir up a potpourri of emotions. These are stories which won’t leave the reader untouched, they speak of the innocence of a child’s perception of a life during terrible war times, and they shed light on war crimes that were beyond the understanding of a then young child.  Dieter Kermas is writing poems, short stories and is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
 
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas”  to: californiagermans@gmail.com
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