Tag Archives: German stories

Heckenrose

Heckenrose-Kermas

Heckenrose

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Meine Bekannte schwärmte wie herrlich es sei, auf einem Pferd durch die Natur zu reiten. Ihre Begeisterung steckte mich an und kurz darauf bezahlte ich die ersten Reitstunde. Ihr Hinweis, mir doch einen Damenschlüpfer zu kaufen, hielt ich zunächst für einen Scherz. Die Begründung, dass Damenschlüpfer keine dicken Nähte hätten und somit nicht wie Männerunterhose auf dem Sattel drücken würden, überzeugte mich.

Im Trikotagengeschäft. „ Ich hätte gerne einen Schlüpfer.“
Die ältere Verkäuferin darauf:„ Welche Größe hat die Dame?“
„Der Schlüpfer ist für mich!“
„Ach so.“ Die hochgezogene Augenbraue sagte mehr als Worte.

Ausgestattet mit einem Paar gebrauchter Reitstiefel, alten Jeans und Damenunterwäsche, begab ich mich zum Pferdestall.
„Neu?“, kam die kurze Frage von einem jungen Mann.
„Ja!“.
„Ick heiße Hans und du?“
„ Dieter.“
„Noch nie auf ́m Pferd gesessen?“
„Nein.“
„Dann gebe ick dir erst mal Galla!“
„Aha.“
Hans ging voran, blieb bei einer Box stehen, zeigte auf einen Schimmel und erbot sich, ihn für mich zu satteln. Danach führte er die gesattelte Galla vor den Stall und zeigte mir, wie man ein Pferd besteigt. Zeigen und tun sind zwei sehr verschiedene Dinge. Das Tier erschien mir gewaltig hoch zu sein. Ehe ich länger darüber nachdenken konnte, hörte ich Hans: „Nu mach schon, die Nächsten warten!“
Mit seiner Hilfe gelang es mir schließlich, den Pferderücken zu erklimmen. Nachdem die Höhe der Steigbügel korrigiert war, führte mich Hans in eine dämmrigen Reithalle.
Das erwartete erhabene Gefühl, auf einem Pferd zu sitzen, stellte sich nicht ein.
In der Halle saßen, nein hockten bereits zwei Mädchen und eine langhaarige Hippiefigur auf ihren Vierbeinern. Hinter mir kamen noch zwei Anfänger.
Der Reitlehrer erschien, ordnete die Pferde in eine Reihe und los ging der Unterricht.

Zügel richtig halten, aufrecht sitzen, Stiefelspitzen in die Steigbügel und, und, und. Halb bewusstlos versuchte ich den Anweisungen Folge zu leisten. Ab und zu erhielt ich einen recht barschen Zuruf, weil ich einen Fehler machte. Das nervte. Galla erwies sich gottlob als hervorragendes Anfängerpferd. Durch ihre ruhiges ausgeglichenes Gemüt konnte ich mich auf die Anweisungen des Reitlehrers konzentrieren. Selbst wenn ich sie nicht richtig umsetzte, wusste Galla was sie zu tun hatte. Dann war die Stunde endlich um, und ich rutschte mit feuchten Händen und etwas zittrig von meinem Zossen. Die feuchten Hände hatte sicher nicht Galla zu verantworten, vielmehr lag es an der Konzentration, die Anweisungen des Trainers zu verstehen und sie so gut es ging zu befolgen. Meine Galla am Halfter in den Stall führend, überkam mich doch noch so ein wenig Stolz, meine erste Reitstunde überlebt zu haben.

Es folgten einige Monate der Erfolge und auch der Niederlagen. Nach und nach hatte ich auf allen Verleihern gesessen und deren Vorzüge und Nachteile kennengelernt. Meine anfängliche Naivität, ein Pferd mit gutem Zureden, oder mit Zuckerwürfeln, zu den gewünschten Aktivitäten zu überreden, wurde durch die Realität brutal zerstört. Pferden muss man eindringlich, gegebenenfalls mit Sporen und Gerte, klarmachen, was sie machen müssen. Je mehr sich der Gaul vor den Folgen seines Ungehorsams fürchtet, desto williger führt er Befehle aus. Basta! Es kam die Zeit, wo ich mir mein Pferd aussuchen konnte, wobei sich etwas Taschengeld für Hans als hilfreich erwies.

Eines Tages, ich hatte gerade den Kampf mit dem widerspenstigen Kosak für mich entschieden, fragte Hans: „Haste nich Lust für ́n paar Tage mit zu unser ́m Gestüt nach Schleswig‐Holstein zu fahren?“
Oh ja, dachte ich. Endlich nicht immer in einer Halle im Kreis herumtraben.

Den Preis für zehn Tage Reiten einschließlich Unterkunft und Verpflegung fand ich akzeptabel und meldete mich an.
Eine Woche später fuhr ich zum Reiterurlaub zu einem Gestüt, das in der Nähe von Kellinghusen liegt.

Welch ein Unterschied zum Reitstall in Berlin. Großzügige Ställe, behagliche Pension und weitläufige Landschaft. Bereits am nächsten Morgen lernte ich auch die Schattenseiten des Reiterlebens kennen.
Kaum hatte ich den letzten Bissen vom Frühstück gegessen, rief mir Hans zu: „Ick zeije dir jetzt, wat de zu machen hast.“ In kurzer Zeit, gottlob von erholsamen Ausritten unterbrochen, lernte ich Ausmisten, füttern, die Pferde striegeln, Hufe auskratzen und so manches Nützliche rund um den Gaul.

Dann kam der Tag, an dem mich Hans beiseite nahm und mir fast verschwörerisch die große Neuigkeit ins Ohr flüsterte. „Übermorjen machen wir eenen stundenlangen Ausritt zum Tag des Pferdes. Du hast noch nich so lange Reitunterricht, aber vielleicht kann ick den Chef dazu überreden, dat de mitdarfst.“ Das wäre die Krönung meines bisherigen Reiterlebens, ging es mir durch den Kopf.

Nachdem noch ein Schein den Besitzer gewechselt hatte, versprach Hans, sich für meine Teilnahme stark zu machen.
Am Morgen des großen Ausrittes, der Reitstallbesitzer hatte sich beschwatzen lassen, mich mitzunehmen, bekam ich als Ergänzung der Kleidung noch ein schwarzes Jackett und eine helle Krawatte zum Oberhemd geliehen.

Auf dem Hof versammelten sich acht Reiter mit ihren Privatpferden und wir, die Gäste. Wir waren aufgeregt, welches Leihpferd uns zugeteilt würde. Ich hatte mein Auge auf einen riesigen Rappen geworfen, den ich als gutmütig und zuverlässig kannte. Nein, den bekam ich nicht. Nun blieben nur ein älterer Brauner und ein kleiner Fuchs übrig. Hans schob mich bis zum Fuchs und sagte zum Chef:

„Heckenrose ist jenau richtig für Dieter.“ Aha, Heckenrose hieß meine Pferdedame.
Sie war zierlich, lebhaft und hatte eine angeborene Fehlstellung der hinteren Fesseln.
Ob die wohl durchhält? Lange konnte ich nicht darüber nachdenken. Es hieß „Aufsitzen“ und los ging der Tross.
Die frühherbstliche Luft war kühl, wir ritten im Schritt und Heckenrose befolgte brav meine Hilfen.
Über den abgeernteten Feldern schwebten Nebelschwaden und lösten sich mit der höher steigenden Sonne rasch auf. Im nächsten Dorf gesellten sich weitere Reiter zu uns. Ich staunte über prachtvolle Pferde, die, so erzählte mir Hans, von den Söhnen reicher Bauern geritten wurden. Hans ritt an meine Seite und sagte mit gedämpfter Stimme: „Wenn die Bauernlümmel beginnen einen Kreis zu reiten, dann sieh zu, dat de nicht mit in die Spirale jezogen wirst. Det kann janz schön int Ooge jehn.“
Inzwischen waren wir auf eine stattliche Anzahl von etwa fünfzig Reitern angewachsen.

Unvermutet begannen die ersten Reiter das Tempo zu verschärfen.
Ehe ich mich versah, befand ich mich mitten in einer donnernd dahinrasenden Pferdeherde. Plötzlich begannen die an der Spitze reitenden Bauernsöhne in einen Kreis einzubiegen und diesen immer enger zu ziehen. Ehe die Spirale geschlossen war, brachen sie aus. Die nachfolgenden Reiter, ahnten nichts und galoppierten voll in die Falle. Im Inneren des Kreise prallten die ersten Pferdeleiber zusammen. Ich versuchte Heckenrose zurückzunehmen, um etwas langsamer zu werden, keine Chance. Ich dachte an Hans ́ Worte und zerrte mit allen Kräften an einer Seite des Zügels, um zu verhindern, dass mein Pferd ebenfalls in den Hexenkessel hineingezogen wurde. Es gelang. Heckenrose streckte sich und flog, dicht an dem Pferdeknäuel vorbei, über das Gelände. Ich wurde gründlich durchgeschüttelt. Dann stellte ich mich in die Steigbügel und hoffte, dass mein Pferdchen nicht plötzlich anhalten möge. Mit Mühe gelang es mir in einem weiten Bogen zurück zum Pulk zu reiten.
Eine Reiterin war durch den Anprall mit einem anderen Pferd aus dem Sattel geschleudert worden und am Boden liegend, wurde ihr Handgelenk durch einen Pferdehuf gebrochen. Ein Reiter nahm sich der Frau an und begleitete sie zur Behandlung in den nächsten Ort. Dankbar klopfte ich meinem Pferdchen den Hals, dass es nicht stur den anderen Pferden gefolgt war.

Nachdem wir uns vom Schrecken erholt hatten, ging es im Galopp quer über die abgeernteten Felder in Richtung eines Waldsaumes. Die ersten Reiter bogen auf einen Waldweg ein. Zu meinem Schreck sah ich, wie ganz vorne die Pferde begannen über ein Hindernis zu springen. Schlagartig kam mir zum Bewusstsein, dass das für mich übel ausgehen könnte, war ich doch noch nie über ein Hindernis gesprungen.
Hans sah wohl mein erschrockenes Gesicht, ritt neben mich und brüllte mir zu: „Wenn sie springt, nimm den Arsch aus ́m Sattel.“ In der nächste Sekunde sah ich gerade noch die etwa einen Meter hohe Absperrung, als sich unter mir der Pferdekörper mit Urgewalt in die Höhe hob. Dann tauchte der Pferdekopf nach unten, ich warf mich nach hinten, zog die Zügel fester und dann hatten wir das Hindernis überwunden. Meine Reiterkappe war im hohen Bogen davongeflogen. Heckenrose bekam ich nicht zum Stehen, so dass Hans zurückritt und mir die Kappe mit einem anerkennenden Grinsen überreichte.
Erst jetzt kam mir zum Bewusstsein, ich bin gesprungen. Dankbar klopfte ich nun zum zweiten Mal den Hals meiner Heckenrose und versprach ihr eine Handvoll Zuckerstückchen.

Nun ritt die Mannschaft schnurstracks in Richtung Ostseestrand. Mit Juchu und Juchei trabten wir voll in die Fluten. Den Pferden ging das Wasser bis an den Bauch und wir mussten unsere Stiefel aus den Steigbügeln nehmen und in die Höhe halten. Es war eine Mordsgaudi.
Dann ritten wir wieder ein Stück landeinwärts und machten Rast auf einem Gutshof. Erst jetzt bemerkte ich, das der Ritt Heckenrose angestrengt haben musste, nach dem Schaum vor ihrem Maul zu urteilen. Nachdem sich Reiter und Pferde ausgeruht und erfrischt hatten, traten wir in gemäßigtem Tempo den Heimweg an. Nach und nach verließen uns Reiterkollegen, bis nur wir übrig waren. Müde, erschöpft, doch rundherum glücklich, sattelte ich Heckenrose ab, versorgte sie, schob ihr die versprochenen Zuckerstückchen ins Maul, duschte ausgiebig und fiel todmüde ins Bett.
Am nächsten Morgen, den Tag der Abreise, verabschiedete ich mich von meiner Heckenrose und versprach ihr, sie nie zu vergessen.

© Dieter Kermas

Photo:© Dieter Kermas———————————————————————————————————————–

Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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Der Schneemann

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Der Schneemann

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Schreie, Schnaufen und Flüchen begleiteten meine Geburt. Fast jedes Lebewesen kommt leichter auf die Welt als ich. Gestatten, ich bin ein Schneemann und noch namenlos.

Anfangs schweben meine Bestandteile als Schneeflocken vom Himmel. Wenn Sie so wollen war meine Mutter eine dicke, wintergraue Schneewolke.
Die Nacht über hatte uns meine Wolke auf der Erde zu einer dicken, watteweißen Schicht anwachsen lassen.
Meine vielen Tausend Einzelteile verteilten sich auf einer Wiese. Sie lagen auf einem Hang, hinter dem Haus von Familie Berger.
Meine Wolkenheimat am Winterhimmel wurde dünn und dünner, bis sie sich gegen Mitternacht fast aufgelöst hatte. Tschüss Mama!

Gegen Morgen, die Wintersonne hatte sich mühsam gegen einige Wolkenreste durchgekämpft, wurde die tiefe Stille durch das Quietschen einer Tür abrupt gestört.
Zwei Jungen rannten hurraschreiend über uns hinweg.
»Endlich hat es geschneit«, hörte ich einen rufen,» das ist genug für einen dicken Schneemann.«
In meinen Träumen, als ich noch bei Mutter Wolke wohnte, ahnte ich bereits, ich würde ein Schneemann werden.
Und dann begann meine Geburt. Anfangs, als die erste Schneerolle noch klein war, lachten die Jungs und waren guter Dinge. Nachdem der Umfang meines Bauches bereits die Größe einer Biertonne hatte, wurde es merklich leiser. Jetzt rollten sie meinen Leib bereits schnaufend, nur durch leises Fluchen unterbrochen, den Hang hinauf.
»Jochen pass auf!«, er rollt uns wieder runter«, schrie Axel »hilf mir bitte halten.«

Im Stillen grinste ich, war aus meinen vielen, federleichten Schneeflöckchen nun eine gewichtige Rolle geworden.
Mein unterer Teil wurde dem schrägen Hang angepasst und bald darauf hatten die beiden das Oberteil und meinen Kopf zusammengerollt. Zwei kräftige Arme vollendeten meinen Körper.
Abgeschlafft schlichen Axel und Jochen ins Haus.
Ich stand da und fühlte mich unfertig. Ich konnte nicht sehen, nicht riechen, nicht hören und hatte keinen Mund, um zu sprechen.
Meine Sorgen wurden nach einer Stunde behoben. Erholt und voller Elan steckten sie mir eine Möhre als Nase, zwei kleine Kartoffeln als Augen und einige Glasmurmeln als Zähne ins Gesicht. Selbst an die Ohren hatten sie gedacht. Es waren zwei ausgequetschte Zitronenhälften.
Axel betrachtete mich prüfend und meinte: »Er braucht noch einen Hut und am Bauch fehlen ein paar Knöpfe.«
Jochen hatte eine Idee und sprintete los. »Bist Du noch zu retten«, rief Axel bereit von Weiten, als er sah, was für mich als Hut gedacht war. »Das ist der Strohhut von Onkel Peter, den hat er hier im Sommer liegen lassen.«
»Ich glaube nicht, dass er sich daran noch erinnert«, verteidigte sich Axel und stülpte mir den Hut auf den Kopf. »Wenn er ihn suchen sollte, dann sagen wir halt, dass er leider von unserem Hund Hasso zerfleddert wurde«, beruhigte er seinen Bruder.

Die Frage nach den Knöpfen regelte Axel, indem er eine weitere Möhre holte, in Stücke schnitt und mir in den Bauch und die Brust drückte.
»Der sieht richtig klasse aus«, resümierte Axel und betrachtete mich von allen Seiten.
»Finde ich auch, aber«, und dabei stellte sich Jochen vor mich hin, wiegte den Kopf von einer auf die andere Seite »wir sollten ihm einen Namen geben.«
»Was hältst Du von Bonzo?«, schlug Axel vor. »Nee, er sieht viel zu elegant aus, um Bonzo zu heißen«, wehrte Jochen ab.
»Und wenn wir ihn nun `Sir Henry` nennen«, meinte Axel. »Das passt«, stimmte Jochen zu und machte grinsend einen tiefen Diener vor Sir Henry.
Wäre ich ein Luftballon, platze ich in diesem Moment voller Stolz, dachte ich und versuchte noch aufrechter dazustehen.
»Jungs kommt rein, Essen ist fertig«, tönte es vom Haus her.

Jetzt war es wieder still im Garten. Die Kälte reichte aus, sodass ich mir keine Gedanken um meine Feindin, die Sonne, machen musste. Sie lächelte mich freundlich von oben herab an. Davon ließ ich mich jedoch nicht täuschen. Sobald mein Freund, die Kälte, schwächer würde, würde sie mich erbarmungslos zu Wasser schmelzen lassen.
Ich stand da, überlegte, wie lange mein Schneemannleben dauern könnte und hoffte auf viele Tage Frost.
Aus meinen Gedanken riss mich ein fröhliches Gejohle. Die Jungen kamen aus dem Haus gestürmt, rannten dicht an mir vorbei, wobei sie sich beide kichernd mit »Hallo Sir Henry«, vor mir verneigten und schlitterten zu einem tiefer liegenden Teil des Gartens.

Da ich in dieser Richtung stand, konnte ich verfolgen, was sie vorhatten. Zu meinem Erstaunen begannen sie erneut, Schnee zu großen Kugeln zu rollen. Wollten sie etwa noch einen Schneemann bauen?, dachte ich verstört. Das war mir absolut nicht recht, dachte ich doch, als Sir Henry, der Erste und Einzige weit und breit zu sein.
Misstrauisch verfolgte ich das weitere Anwachsen meines Konkurrenten.
Die beiden arbeiteten, was das Zeug hielt. Jetzt wurde mir klar, warum sie weiter unten angefangen hatten zu bauen. Dort war der Boden nicht schräg, und so konnte sie sich die Mühe, die Schneekugeln den Hang hochzurollen, sparen.
Die Figur wurde größer und größer und ich immer unruhiger. Als der Schneemann bereits groß und fast fertig dastand, konnte ich bis zu mir hinauf Axel hören, wie er kichernd zu bedenken gab: »Die sind aber viel zu groß, aber sehen echt cool aus.«

Die Sonne blendete mich derart, dass ich nicht genau sehen konnte, was Axel zu bedenken gab. Die Buben rannten abwechselnd zum Haus und brachten allerlei Gegenstände, um die Figur zu ergänzen. Wollen die etwa den alten großen ausgedienten Lampenschirm der Figur anlegen?, dachte ich. Tatsächlich, sie hatte an einer Seite den Schirm aufgebogen und hatten ihn nun um den unteren Teil des Schneemannes gelegt. Schneemannes? Jetzt, da die Sonne mich nicht mehr blendete, traute ich meinen Augen nicht. Die Bengel hatten eine Schneefrau erschaffen. Eine Wohlproportionierte, wohlgemerkt. Der Lampenschirm machte sich gut als Röckchen und die Kunsthaarperrücke vom Fasching, in leuchtendem Rot, standen meiner Schneefrau Spitze. Sagte ich „meiner Schneefrau“? Ich war überzeugt, dass die Jungs mir eine Partnerin zur Seite stellen wollten, damit ich nicht so einsam sein sollte. Rührend!
Sie hatten die Frau so aufgebaut, dass sie zu mir den Hang hinauf sah.
Dann kam die Abendbrotzeit und Axel und Jochen verschwanden im Haus.

Ich besah mir die Schneefrau nun in Ruhe und stellte fest, dass ihre Nase ebenfalls eine Möhre war. Die Augen jedoch bestanden aus zwei großen, kräftig roten Radieschen und der Mund leuchtete knallrot durch viele kleine Radieschen. Zusammen mit den roten Haaren ergab das eine rassige Schönheit. Ich kann es nicht leugnen, ich war sofort und bedenkenlos in sie verknallt.
Der Abend kam und hüllte uns in tiefe Dunkelheit. »Hallo«, rief ich leise. »Darf ich mich vorstellen, ich bin Sir Henry.« Meine Worte klangen leicht klirrend durch die Glasmurmeln. »Wie heißt Du?«, setzte ich nach. Ganz leise und zart hörte ich sie flüstern: »Der eine Junge hat mich `Lady Pie` getauft. Ich weiß nicht was das bedeutet, aber es hört sich nett an.« Oh, diese Bengel! Torte, Obsttörtchen, haben sie meine Schneefrau genannt, dachte ich und erklärte ihr, dass der Name etwas sehr „Süßes“ bedeutete. Da freute sie sich und war stolz auf ihren Namen Lady Pie.

Sie hatte so leise gesprochen, dass ich die Worte nur mühsam verstehen konnte.
»Kannst Du nicht etwas lauter sprechen?«, bat ich,»ich habe Dich fast nicht verstanden.«
»Ja, ich versuche es jetzt einmal«, rief sie und dann hörte ich einen leisen Schrei.
»Was ist passiert?«, fragte ich besorgt. »Mir sind zwei Radieschen von meinem Mund abgefallen, weil ich ihn so weit aufgemacht habe«, erklärte meine Schneefrau, und fuhr fort: »Wie schön wäre es, wenn Du näher bei mir sein könntest, dann würde ein Flüstern ausreichen.«
»Leider hat man uns keine Füße gegeben«, klagte ich.
Die Nacht über flüsterten wir über unser Schicksal, wenn es wärmer würde . Gottseidank werden wir zu Wasser und sind somit unsterblich, tröstete ich sie. Dann beginnt der Kreislauf von Neuem, und wenn wir großes Glück haben, werden wir in vielen, vielen Jahren wieder zu einem Schneemann und einer Schneefrau.

Der Winter meinte es gut mit uns und es blieb frostig über Nacht. Am Tag begrüßten wir jede Wolke, die unsere Feindin, die Sonne, von uns fernhielt.
Doch Anfang März schlug das Wetter um, der Winter begann seine Kraft zu verlieren und die Sonne sandte erbarmungslos die ersten kräftig warmen Strahlen auf uns herab.
Noch ging es uns gut, wenn ich davon absehe, dass eine vorwitzige Krähe sich auf meine Nase gesetzt hatte und die Hälfte davon in Stücke gepickt hatte.
Lady Pie meinte, ich würde jetzt sogar besser aussehen, da die Möhre vorher viel zu lang war. Darüber war ich froh, hatte ich mich doch bis über beide Zitronenohren in Lady Pie verliebt. Es dauerte nicht lange und Lady Pie gab zu, auch mich ins Herz geschlossen zu haben.
Die Sonne gewann immer mehr die Oberhand, an einigen Stellen lugte bereits das Gras aus dem Schnee und irgendwie, begann auch ich an Gewicht zu verlieren.

Dann kam das Wochenende und Familie Berger machte einen Ausflug zu Verwandten, wie ich aus den Gesprächen der Jungen entnommen hatte.
Die Sonne schien vom frühen Morgen an mit aller Kraft und die Luft war warm, fast wie im Sommer. Mir war klar, das könnte unser Ende bedeuten.
Zuerst traf es meinen Mund. Die Glasmurmeln waren zu warm geworden und lösten sich aus dem Schnee. Ehe ich alle verloren hatte, rief ich noch verzweifelt: »Halte durch, ich komme zu Dir!« Dieses Versprechen durfte ich mit gutem Gewissen geben, weil ich merkte, wie der Schnee an meinem untern Ende zu schmelzen begann und ich sachte, aber unaufhaltsam den Hang hinabrutschte. Immer schneller rutschte ich und ich sah bereits die Katastrophe kommen. In wenigen Minuten würde ich auf meine geliebte Schneefrau prallen und sie umreißen. Auch sie sah, wie ich auf sie zuglitt und rief »Komm, es gibt kein schöneres Ende, als mit Dir vereint zu sein!«

Eine Sekunde lang, bevor sich unser Schicksal erfüllen sollte, konnte ich sie ganz nah sehen und küsste sie mit meinen verbliebenen Murmeln auf ihre Radieschen. Ihr geliebtes Gesicht war das Letzte, was ich sah. Der Anprall war so heftig, dass meine Kartoffelaugen in hohem Bogen davonflogen und unsere Leiber einen wirren Schneehaufen bildeten. Wir waren vereint, so wie wir es uns gewünscht hatten.

Als die Jungen zwei Tage später vom Ausflug zurückkamen, standen sie grübelnd vor einer großen Pfütze, in der ein Strohhut, eine Perrücke und einige Gemüsereste schwammen. Sie konnten nicht ahnen, welch eine große Liebe hier ihr tragisches Ende gefunden hatte.

 

© Dieter Kermas

Image: ©CaliforniaGermans

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Mauerspecht - März 1990,©Dieter Kermas

Mauerspecht – März 1990,©Dieter Kermas

Dieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans.

Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com

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CaliforniaGermans Author Dieter Kermas returns

Dieter KermasWe are so excited! CaliforniaGermans author Dieter Kermas will be back with us to share a few more of his stories.

Have you missed laughing with him or visiting long past days in German history with his engaged, fun, and often thought provoking stories and poems? Well, your wait is over and for the next few weeks check for some new stories and poems by him on the weekends!

Dieter Kermas’ stories and poems are all in German, a great way for German learners to test their language skills or brush up on them. And for us having grown up with German… It’s like a quick, refreshing visit ‘back home’!

Read “Altenmorgen”, a poem by Dieter Kermas tomorrow!

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Image: ©Dieter Kermas

 

Im Botanischen Garten 1947

Botanischer Garten Berlin

Im Botanischen Garten 1947

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
 

„Was machen wir heute?“, fragte mich mein Freund Peter, als wir uns nach der Schule an der Haupt-/ Ecke Hähnelstraße trafen. Wir beiden Bengel, gerade mal acht Jahre alt, überlegten nicht lange. Wir waren zwar am Botanischen Garten oft auf unseren Streifzügen vorbeigekommen, aber waren noch nie im Garten gewesen.
„Wir versuchen in den Botanischen Garten zu kommen“, schlug ich vor. „Einverstanden“, lautete die Antwort, und wir liefen los.
Nach etwa drei Kilometern erreichten wir unser Ziel. Der Garten hatte nach dem Krieg noch nicht wieder eröffnet, und alle Tore waren verschlossen.

So umrundeten wir das Gelände, um ein Stelle zu finden, wo wir hineingelangen konnten. In einer der Seitenstraßen fanden wir ein Loch in der gusseiserenen Umzäunung und schlüpften hindurch. Vorsichtig, wie die Indianer bei Karl May, schlichen wir durch das menschenleere Gelände.
Die Frühlingssonne hatte die Luft erwärmt, und es roch dumpf nach feuchter Erde und altem Laub. Die ersten Tulpen streckten ihre Köpfe dem Licht entgegen, und der Rasen zeigte einen Anflug von Grün.
Vor dem großen Tropenhaus sahen wir große Muschelhalbschalen, die fast einen Meter im Durchmesser maßen. Sie hatte sich mit Regenwasser gefüllt und dienten so den Vögeln als Tränke.

Das Tropenhaus mit seiner imposanten Höhe, zog uns magisch an. Da mussten wir unbedingt rein. Die Tür an der Vorderseite stand offen, und wir betraten zögernd die gläserne Kathedrale. Unter unseren Schritten knirschten die Glasscherben, die überall den Boden bedeckten. Ein großer Teil der Verglasung war durch Kriegseinwirkung zersplittert und herausgefallen. Durch die zerbrochenen Scheiben wehte ein leiser, aber merklicher Frühlingswind.
Keine der Pflanzen hatte die letzten Winter überlebt. Büsche und kleine Bäume standen braun und vertrocknet da, kein Grün war zu sehen. Es herrschte eine gespenstische Stille.

Dann entdeckten wir die Palmen. Genauer gesagt, das, was von den Palmen noch übrig war. Ihre Palmenwedel hingen braun und verdorrt herunter.
Erschreckt fuhr ich zusammen, als mein Freund flüsterte: „Hast du gesehen, die Palmen bewegen sich!“ „Du spinnst“, antwortete ich. Doch kurz darauf musste ich ihm Recht geben. Die Stämme bewegten sich leicht hin und her. Wir traten näher und sahen, dass die Stämme kurz über dem Boden abgefault waren und kurz über dem Boden endeten. Nun schwebten sie, nur von Seilen an der Dachkonstruktion gehalten, frei in der Luft.                                                         Sofort hatten wir dieselbe Idee. Erst langsam, vorsichtig, und dann immer stärker, begannen wir die Palmenstämme zum Pendeln zu bringen. Jeder hatte sich einen Stamm ausgesucht. Wenn die Pendelbewegung groß genug erschien, sprangen wir an den Stamm, umklammerten ihn, und ließen uns hin und her schwingen. Das machte uns so großen Spaß, dass wir vor Freude einen Heidenlärm vollführten.

Plötzlich riss uns eine barsche Stimme aus unserem Freudentaumel: „Was macht ihr Lausebengel da. Seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen. Was ist, wenn die Seile reißen? Kommt sofort hierher!“, rief der mit einer Uniformmütze als Wächter gekennzeichnete alte Mann.
Nee, das wäre wohl das Letzte was wir machen würden. Wir sprangen von unseren Palmenpendeln und rasten quer durch die Halle auf die andere Seite.
Der Mann folgte uns sofort. Zu unserer Erleichterung sahen wir, dass er am Stock ging und mühselig hinkend, keine Gefahr für uns darstellte.
Doch er war zäh und diensteifrig. Laut schimpfend verfolgte er uns weiter durch die Halle. Als wir einen Ausgang auf der anderen Hallenseite suchten, stellten wir fest, dass wir in der Falle saßen. Alle Türen waren abgeschlossen. Was nun?
Ehe er uns erreichte, entdeckten wir eine kleine schmale Tür, die nicht verschlossen war. Sie führte leider nicht nach draußen, aber wir huschten hindurch, jede Chance ergreifend, die sich uns bot.

Hinter der Tür führte eine sehr schmale Eisentreppe in die Höhe. Wir stiegen höher und höher. Dann standen wir oben in schwindelerregender Höhe und wagten kaum einen Blick nach unten zu werfen. Wir standen auf einer Art Galerie, die sich innen um das Gebäude herumzog.                                           Längst hatte unser Verfolger aufgegeben. Nun stand er unten in der Halle und schimpfte nicht mehr. Vielmehr bat er uns fast flehentlich, doch bitte herunterzukommen, ehe noch ein Unglück geschähe.  Wir waren über diese Wendung erleichtert und kletterten vorsichtig, einige Stufen fehlten auf der Treppe, nach unten.

Doch als wir dann endlich in der Halle angelangt waren, und der Wächter auf uns zu kam, pesten wir rechts und links an ihm vorbei und zur Tür hinaus. Er rief uns noch etwas nach, aber seine Worte erreichten nicht mehr unsere Ohren.
Ohne Verzögerung, die kleinen Gewächshäuser als Deckung nutzend, eilten wir zu unserem Loch im Zaun, kletterten hindurch und fühlten uns einfach großartig.

Einige Jahre später sahen Peter und ich den Film „Tarzan“ mit Jonny Weissmüller im Roxy-Palast. Hätte uns dieses Filmteam damals an den Palmenstämmen hängen gesehen, darin waren wir uns einig, dann hätten wir ganz sicher eine Rolle als Schimpansen im Film erhalten.

© Dieter Kermas

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Photo © Berlins Grüne Seiten “Botanischer Garten Berlin-Mittelmeerhaus”

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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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Fuchs und Krähe

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Fuchs und Krähe

(Eine Fabel von Dieter Kermas)
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„Piffpaff“, hallten die Schüsse über das Feld und der Fuchs rannte um sein Leben. Eine Krähe, die sich auf einer alten Eiche ihr Gefieder in der Morgensonne wärmte, sah den Rotrock auf den Baum zulaufen. „Was rennst Du so? Der Jäger ist noch so weit entfernt. Spare deine Luft, für den Moment, wenn es erst eng wird“, spottete der Vogel von oben.

„Wie kannst Du nur so gemein sein“, hechelte der Fuchs und schaute hinauf. „Du siehst doch von da oben, wo sich der Jäger befindet. Sag es mir bitte, damit ich in eine andere Richtung flüchten kann.“ Da lachte ihn die Krähe aus und verschwieg, dass der Jäger bereits recht nahe war. Bald würde er den Fuchs entdecken und munter auf ihn schießen.

Die ersten Schüsse prasselten bereits in die nahen Büsche und die Krähe amüsierte sich über das verzweifelte Gesicht Reinekes. „Nun ist es bald aus mit Dir“, höhnte der Galgenvogel und hüpfte vor Freude von einem Bein auf das andere. In diesem Moment traf ihn ein verirrtes Schrotkorn und er stürzte verletzt genau vor die Schnauze des Fuchses. „So ein Pech auch“, war es jetzt am Fuchs zu sagen. „Hilfe, Hilfe“, lass mich leben“, kreischte der Vogel entsetzt.

Obwohl der Jäger ihn nun entdeckt hatte und in wenigen Sekunden sein Lebenslicht auslöschen würde, packte der Fuchs die Krähe und biss ihr den Kopf ab. Als der Jäger sich den erschossenen Rotrock näher ansah, war ihm, als lächle der Fuchs.

© Dieter Kermas

Photo:  Wikimedia Commons: illustration by Ibn al-Muqaffa

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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Guest Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.
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