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LUCAS – Eine Geschichte aus der Ritterzeit 

LUCAS – Eine Geschichte aus der Ritterzeit 

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Der herbstliche Frühnebel hatte sich noch nicht aus den engen Gassen des Dorfes verzogen, als Lucas, ein Bündel Schuhe über der Schulter, eilig um die Ecke des väterlichen Hauses bog.

Der Anprall, der folgte, war so heftig, dass die Schuhe zu Boden fielen.

»He Lorentz, bist wohl noch nicht ganz wach«, fuhr er sein Gegenüber an, als er ihn erkannte.

Dieser murmelte etwas Unverständliches und bückte sich, um eine Papprolle aufzuheben, die ihm aus dem Wams gerutscht war.

»Ach ich sehe schon, du bist wieder als Büttel unterwegs und hast es eilig, die Schreiben abzuliefern«, bemerkte Lucas. Sein Freund, Lorentz Friedlein verdiente sich als Briefbote ab und zu damit ein Zubrot.

»Womit du recht hast«, bestätigte Lorentz und wollte, unwirsch über die Verzögerung, eilig seinen Weg fortsetzen. Lucas hielt ihn am Ärmel fest und raunte ihm ins Ohr: »Komm heute Abend zu uns, es ist wichtig«, wobei er eine verschwörerische Miene aufsetzte.

»Ja,ja, wird wohl nicht so brandheiß sein«, murrte Lorentz noch, ehe er davoneilte.

Lucas warf sich die Schuhe wieder über die Schulter und strebte dem nächsten Kunden zu.

Lucas war sich nicht sicher, ob Lorentz käme. Zu seiner Erleichterung klopfte es gegen acht Uhr an der Tür und Lorentz trat ein und begann sofort:

»So, nun erzähle mir bitte, was es so Wichtiges gibt. Meine Frau war schon recht misstrauisch und argwöhnte ich würde dich nur als Ausrede benutzen, um heimlich ins Wirtshaus zu gehen.«

»Kannst du dich an Ostern des letzten Jahr erinnern?«, erkundigte sich Lucas.

»Kann ich«, bestätigte Lorentz.

»Kannst du dich auch noch an das Edelfräulein Karolina von Bodenfeldt erinnern, die mit ihrem Gefolge von ihrer Burg in Ganslingen hier am Umzug teilnahm? Ihr Anblick hat mich von da an nicht mehr losgelassen. Die goldenen Haare die flachsblumenblauen Augen, die …«

Hier unterbrach sein Gegenüber kurz die Schwärmerei und meinte mit leichtem Grinsen »Du meinst ihre strohgelben Haare und die Augen, die so blau wie von unserem Kalb sind?! Ja, ich kann mich erinnern und was willst du mir nun endlich mitteilen?«

Lucas druckste noch einen Moment herum, um dann zu gestehen: »Ich habe mich in sie verliebt und würde ihr gerne schreiben.«

Das urgewaltig ausbrechende Gelächter von Lorentz dröhnte durch das Haus, dass im nächsten Augenblick Lorentz Vater, der Schuhmacher, in der Tür der Wohnstube stand und ratlos die beiden ansah.

»Vater, es ist alles in Ordnung. Wir sind nur guter Dinge.«

Kopfschüttelnd und vor sich hin murmelnd drehte sich sein Vater um und ging zurück in die Werkstatt.

Nachdem  Lorentz wieder zu Atem gekommen war, warnte er Lucas:

»Weißt du denn nicht, dass der Ritter Ott vom Katzenstein seit eh und je das Fräulein Karolina begehrt und ich viele seiner Liebesbriefe an sie überbringen musste? Wie kannst du es überhaupt wagen, als Schustersohn nach dem Edelfräulein zu schielen? Wenn Ritter Ott etwas von deinen Gefühlen ihr gegenüber erführe, dann gnade dir Gott.«

Lucas sah sichtlich betreten ob dieser Warnung zu Boden und sagte dann mit leiser Stimme:

»Warum kann ich nicht lesen und schreiben lernen, wie die vom hohen Adel und wie die Pfaffen? Sind wir nicht genauso viel wert wie sie, um damit unser Leben zu verbessern?

Lange schon nagt diese Ungerechtigkeit an mir. Weißt du Lorentz, mir ist nicht bange vor Ott und aus diesem Grund habe ich eine große Bitte. Du musst mich mit einem der Schreibkundigen vom Gericht oder auch von der Kirche zusammenbringen. Ich denke, ich bin anstellig genug, um das alles zu lernen. Dann kann ich der Dame meines Herzens selber schreiben und, wenn es das Schicksal so will, auch lesen, was sie antwortet.«

Lorentz hatte aufmerksam zugehört. Legte seine Stirn in Falten, sog hörbar die Luft ein und sagte dann: »Ich bin mir fast sicher, dass dich der Teufel reitet. Doch ich will dir die Bitte nicht abschlagen. Mein Schwager, der Johannes, ist Schreiber beim Gericht. Er hat das Lesen und Schreiben bei den Mönchen gelernt. Vielleicht kann ich ihn überreden, es dir beizubringen.«

Lucas atmete sichtlich auf und versprach Lorentz zum Dank seine Schuhe umsonst zu reparieren.

Nach einigem Widerstreben willigte Johannes ein, Lucas zu unterrichten. Sein Lohn hierfür sollten Schuhe, aus feinstem Leder, für sich und seine Frau sein.

Schnell wurde klar, wie gelehrig sich Lucas anstellte. Nach erstaunlich kurzer Zeit konnte er langsam, aber fast fehlerfrei lesen. Das Schreiben hingegen fiel im sichtlich schwerer. Es waren nicht die Buchstaben an sich, die er schreiben sollte, es war vielmehr seine, durch die harte Arbeit ungelenke Hand, die die Buchstaben anfangs leicht krakelig erscheinen ließen. Besonders ärgerlich für seinen Lehrer war es, wenn sich unter der schweren Hand die Feder spreizte und sich ein Tintenklecks auf dem so wertvollem Papier ausbreitete.

Eines Tages war es dann endlich so weit. Johannes erklärte Lucas, seine Ausbildung wäre nun zu Ende und entließ ihn mit allen guten Wünschen.

Anfangs standen seine Eltern seinem Wunsch skeptisch gegenüber, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wofür das alles taugen sollte. Eines Tages jedoch brachte ein Bote ein Schreiben vom Gericht, indem es um versäumte Steuern ging. Lucas las das Schreiben, setzte sich hin und schrieb einen Antwortbrief, worin er die Sachlage klarstellte. Das Gericht war zufrieden mit der Erklärung und die Angelegenheit war damit erledigt. Das war der Moment, wo die Eltern erkannten, wie hilfreich seine Ausbildung war.

Am Tag, als Lucas den Brief für seine angebetete Karolina Lorentz zum Überbringen übergab, fühlte er sich einerseits erleichtert, andererseits jedoch recht angespannt und unruhig. Wie würde sie reagieren? Schriebe sie zurück, oder lachte sich das gesamte Hofgesinde schier schief über diesen Tölpel namens Lucas?

Die Tage gingen ins Land und nichts geschah. Mehrfach hatte er Lorentz gefragt, ob er den Brief tatsächlich abgegeben habe. Worauf dieser zum wiederholten Male bestätigte, er habe es einem der Bediensteten mit der dringenden Bitte, es persönlich dem Fräulein Karolina zu übergeben, getan.

Eines Nachts klopfte es heftig an der Tür des Schuhmachers. Lucas tappte schlaftrunken zur Tür und Lorentz stürzte wortlos an ihm vorbei in die Wohnstube.

»Jetzt haben wir die Katastrophe«, begann er atemlos.

»Was für eine Katastrophe?«, fragte Lucas verwirrt.

»Dein geliebtes Burgfräulein hatte nichts Eiligeres zu tun, als deinen Brief ihrem Verehrer, dem Ritter Ott vom Katzenstein zu übersenden. Dieser hat die Zeilen nicht lustig gefunden, ganz im Gegenteil, er hat wütend gebrüllt, welcher Hundsfott sich erfrechte, seine Angebetete so zu beleidigen. Zum Schluss gab er den Befehl, dich gefangen zu nehmen und zur Burg zu bringen. Man würde dich nicht ungestraft davonkommen lassen.

So, nun pack ein paar Sachen ein, verabschiede dich von den Eltern und sieh zu, dass du umgehend über die Grenze kommst.«

Lucas war bleich geworden. Diese Niedertracht hatte er Karolina nicht zugetraut. Er dankte seinem Freund für die Warnung, informierte seine entsetzten Eltern und verließ noch in dieser Nacht das Haus.

Die Häscher, die in aller Frühe am nächsten Tag erschienen, musste unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Er lief die ganze Nacht hindurch, ließ zwei Dörfer hinter sich, ehe er erschöpft zu früher Stunde in Ganslingen anlangte. Er war sich bewusst, dass er sich nun unweit der Burg von Karolina von Bodenfeldt befand, vertraute aber auf sein Glück, unentdeckt zu bleiben. Er bewarb sich unter einem falschen Namen in einer Schreibstube und bekam eine kleine Dachkammer im Haus des Bäckers zugewiesen. Er verhielt sich still und unauffällig, nahm  keinen Kontakt zu den Eltern auf, und hoffte, eines Tages zurückkehren zu können.

Hin und wieder saß er abends im Wirtshaus bei einem Bier und hörte den Gästen zu. So auch an diesem Abend, als sich zwei Galgenvögel am Nebentisch breitmachten. Großspurig bestellten sie einen Krug Wein und etwas zu essen. Als der Wirt vorsichtshalber fragte, ob sie auch zahlen könnten, warfen sie eine Handvoll Silbermünzen auf dem Tisch und lachten über das erstaunte Gesicht des Wirtes.

Sie aßen und tranken und nach einer gewissen Zeit tat der Wein seine Wirkung. Ihre erst so leise geführte Unterhaltung wurde lauter, sodass Lucas leicht ihrem Gespräch folgen konnte.

»Bist du auch sicher, dass wir den Brief dem schwarzen Niklas übergeben sollen? Mir graut bereits schon jetzt davor, diesem Galgenschwengel und Mordbrenner zu begegnen.«

Sein Kumpan tat noch einen tiefen Schluck aus dem Becher, rülpste und lallte: »Seit sich die Herren von Katzenstein und von Bodenfeldt nun seit geraumer Zeit in den Haaren liegen, verwundert es mich nicht, dass der Ritter von Bodenfeldt zu solchen Mitteln greift. Es wird gemunkelt, dass ein Spitzel dem Vater von Karolina hintertragen hat, dass Ott vom Katzenstein nur um seinen Machtbereich zu vergrößern, hinter seiner Tochter her wäre. Das hat Ferdinand von Bodenfeldt gar gewaltig ergrimmt und er hat sich bereits nach einem neuen Verehrer für seine Tochter umgesehen. Die ständigen Überfälle auf seine Kaufleute gingen sicher auch auf Otts Kappe. Er würde sich nun den Widersacher kurzerhand vom Halse schaffen.«

Er erhielt keine Antwort mehr von seinem Tischnachbarn, der derweil mit dem Kopf auf der Tischplatte, mit dem Gesicht in einer Weinlache, friedlich schnarchte.

Lucas hatte mit wachsendem Erstaunen dem Gespräch gelauscht. Welchen Brief sollten sie überbringen? Hatten sie ihn bei sich? Wenn durch den Brief Gefahr für Ritter Ott vom Katzenstein bestünde, und ich ihn warnte, dann könnte ich vielleicht der Strafe entgehen, überlegte Lucas.

Der Wein tat nun seine Wirkung bei dem anderen Galgenstrick. Sein Kopf sank ebenfalls auf die Tischplatte und ein Grunzen verriet, dass er zu schlafen begann.

Lucas musterte die Kleidung der beiden. Ja, bei dem Ersten entdeckte er, halb aus dem Wams ragend, eine kleine Papprolle. Sollte darin der Brief sein? Wie zufällig näherte sich Lucas dem Nachbartisch, bückte sich etwas und zog mit äußerster Vorsicht die Rolle ganz heraus, sah sich um und öffnete sie. Schnell überflog er die Zeilen. Tatsächlich der Brief an den schwarzen Niklas war der Auftrag, den Ritter Ott vom Katzenstein zu ermorden. Inzwischen war der Wirt auf die Schläfer aufmerksam geworden und wollte geradewegs zu deren Tisch kommen, als er von einem anderen Gast davon abgehalten wurde. Flink steckte Lucas den Brief in seine Tasche und die leere Rolle  vorsichtig wieder unter das Wams des Schläfers. Zahlte und begab sich in seine Dachkammer.

Am nächsten Morgen machte er sich sofort auf den Weg zur Burg Katzenstein. Obgleich er guten Mutes war, die Strafe erlassen zu bekommen, beschlichen ihn zwischendurch Zweifel.

Vor dem Tor angekommen, wurde er erkannt, ergriffen und vor den Ritter Ott geschleppt.

»Kerl, was erdreistet er sich meiner Angebeteten unsittliche Briefe zu schreiben. Dafür lasse ich ihn in den Turm werfen«, wetterte Ott.

»Bitte auf ein Wort, Euer Hochwohlgeboren«, bat Lucas.

»Es sei, aber erwarte keine Milde«, erlaubte der Ritter gnädig.

Lucas erzählte in kurzen Worten, was er erlauscht hatte und zog zum Beweis das Schreiben mit dem Mordauftrag unter seinem Kittel hervor.

Ott las und seine Miene verfinsterte sich zusehends. Er unterbrach das Lesen und wandte sich an Lucas »Hat er denn den Brief lesen können?«

»Ja, ich bin des Lesens und Schreiben kundig«, erwiderte Lucas bescheiden. Ott las bis zum Ende und grollte:

»Dafür soll Ferdinands Burg brennen«. Dann wandte er sich Lucas zu, musterte ihn streng und verkündete »Er hat mir einen großen Dienst erwiesen. Seine Strafe sei hiermit hinfällig. Hat er noch etwas zu sagen?«

Lucas sah in diesem Moment die Chance, seinem Leben eine andere, bessere Wendung zu geben und begann:

»Hätte ich nicht aus eigenem Antrieb heraus das Lesen und Schreiben gelernt, so hätte ich diesen Brief weder lesen, noch seine Tragweite erkennen können. So bitte ich, mir zu gestatten, eine Schreibstube zu eröffnen, um Leuten meines Strandes das Privileg, lesen und schreiben zu können, beizubringen.«

Darauf setzte unter den Höflingen und den Pfaffen ein Raunen ein.

Als Ott hörte, wie ein Höfling sich darüber mokierte, dass nunmehr Leute des niederen Standes schreiben und lesen lernen sollen und klagte, damit stünde die gottgegebene Ordnung auf dem Kopf, rief er ihn zu sich und befahl:

»Er selbst wird dafür Sorge tragen, dass dem Mann ein ausreichend Zimmer nebst Material zur Verfügung gestellt werde. Zudem sei er verpflichtet, Leuten des niederen Standes, so sie lernen wollen, den Zutritt zur Burg zu gewähren.«

Lucas bedankte sich und versprach sich mit aller Kraft dieser Aufgabe zu widmen.

Daraufhin eilte er zu seinen Eltern, die diese glückliche Wendung kaum glauben konnten.

Sein Vater war so stolz auf seinen Sohn, dass er einen Umtrunk für Lucas Freunde im Wirtshaus ausrichten ließ.

Es sei hier vermerkt, dass die Schreibstube anfangs recht zögerlich von den Leuten angenommen wurde, aber je mehr sie erkannten, welche Vorteile mit dem Lesen und Schreiben verbunden waren, mehrten sich die Anmeldungen. Die so Ausgebildeten fanden nun gut bezahlte Arbeit bei Kaufleuten und größeren Handwerksbetrieben.

Der Erfolg der Schreibschule verbreitete sich rasch, auch über die Grenzen hinaus, und fand Nachahmer im ganzen Land.

©Dieter Kermas

Image:Pixabay.com

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Dieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories, he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, has published his first novel “Kolja. Liebe im Feindesland” in 2016, available on Amazon.com . Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subject line “Dieter Kermas” to californiagermans@gmail.com
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Die Reise

Die Reise

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(* Eine Micro-Fiction Story von Merrill Lyew Emanuel)
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Ich zog die Gardinen des Hotelfensters zurück, das Zimmer hellte sich auf, die warmen Sonnenstrahlen drängten durch die Haut.
Ich holte mir ein buntes Polohemd aus dem Gepäck.
Im kompakten Mietwagen bog ich meine langen Beine zusammen, dann traten wir die ersehnte Tour durch das unbekannte Bergland an. Zügig fuhren wir durch die allzu steilen Straßen. Beim Klettern wurde der Blechkasten merklich langsamer. Dafür raste er mit wahnsinniger Eile bergab. Mein Herz hämmerte hart gegen den Magen. Ich bereute es, überhaupt eingestiegen zu sein. Endlich blieb der Wagen schnaufend stehen.
Ich schwöre, in eine Achterbahn steige ich nie wieder ein.
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©Merrill Lyew 2016
Image: Pixabay.com
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* WHAT IS Micro-Fiction/Flash-Fiction?  -Mikro-Fiction tells a story in 10 to 300 words. Flash-Fiction does this in 300 to 750 or up to 1000 words.
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Merrill Lyew EmanuelAs a recent retiree, Merrill Lyew Emanuel now has time for his old and new hobbies. Within his hobbies are writing fan fiction in German, solving chess puzzles, repairing things at home that are not broken, doing a little bit of social media, reading every and anything that looks like a book, traveling a little, and taking snapshots with his mirrorless camera.

Having lived in Germany, Costa Rica and the USA, he is fluent in the languages of these countries. As a professional geographer he traveled profusely throughout Latin America. He is living in Southern California for over thirty years. Find more of his work at http://www.merrillius.net

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Das Nagetier

Troll - Das Nagetier

Das Nagetier

(Eine Kurzgeschichte von Dieter Kermas)
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Sitzen zwei Trolle auf einem bemoosten Felsen und betrachten das festliche Treiben unten im Tal. „Sie feiern das Mittsommerfest“, murmelt einer. „Das verstehe ich nicht“, sinniert der Zweite. „Sie wissen doch, dass die Tage jetzt kürzer werden und bald Schnee und Eis unser Land zudecken. Da lob ich mir die Wintersonnenwende. Da werden die Tage länger und die Sonne scheint bald wärmer.“

Ersterer schaut seinen Nachbarn an und bemerkt mit einem Grinsen: „Da sagst du nur, weil du seit zweihundert Jahren an Rheumatismus leidest.“
„Du kannst ruhig lästern,“ wehrt sich der Verspottete, „wenn ich dich so betrachte, hat der Zahn der Zeit auch an dir genagt. Schau dir deinen Bart an. Da ist mehr Moos drin als unsere Moosunterlage, ganz zu schweigen von deinen Augen, die man durch die Falten kaum erkennen kann.“

Der so Zurechtgewiesene schweigt eine Weile und meint dann bedächtig: „Du hast vom Zahn der Zeit gesprochen. Wenn ich es mir so überlege, gibt es kaum einen Zahn auf der Welt, der schärfer ist. Ich würde sogar behaupten, es ist der schärfste Zahn auf dieser Welt. Es gibt kein Lebewesen und kein Ding, an dem er nicht nagt. Denk mal an unseren großen Felsen, wo wir seit Jahrhunderten unsere Versammlungen haben. Der Felsen schien für die Ewigkeit gemacht. Er war so hart und glatt, dass es selbst uns nicht gelang ihn zu ritzen. Doch just vor zwei Jahren mussten wir sehen, wie sich ein Riss mitten durch unseren Stein zog. Ich bin mir sicher, dass er eines Tages in zwei Teile zerfallen wird. Es bedarf nur etwas Zeit.Diesem Nagetier entgeht niemand und nichts auf der Welt. Bedrückend, oder?“

Sein Nebenmann legt das Gesicht in noch mehr Falten und gibt zu bedenken: „Wenn das so ist, dann wäre es doch durchaus möglich, dass der Zahn der Zeit selbst unsere Erde zernagt?!“
„Wenn wir den Gedanken bis zum Ende verfolgen, dann wird es wohl so sein,“ stimmt der Angesprochene zu.
„Hast du nicht ein Beispiel, wo das Zeitnagetier mal was Gutes vollbracht hat?“, versucht dieser diesem Gedanken eine positive Wendung zu geben.
„Doch, habe ich,“ versichert der Moosbärtige verschmitzt lächelnd. „Vor ein paar Tagen traf ich einen Fuchs. Dieser berichtete mir freudestrahlend, dass er heute großes Glück gehabt hätte. Er wäre durch sein Revier geschnürt, als sein Bein plötzlich auf etwas Spitzes getreten sei. Als er nachgeschaut habe, sei ihm der Schreck in alle Glieder gefahren. Sein Fuß stand mitten in einer von den Menschen versteckten Schlagfalle.“
„Und wo ist da das große Glück?“, kam die Frage des Zuhörers.
„Das ist schnell erzählt“, fuhr ersterer fort. Der Zahn der Zeit hatte so lange an dem Eisen genagt, bis der Rost die ganze Falle überzogen und sie somit unbrauchbar gemacht hatte.“

Der zweite Troll rieb sich die Kartoffelnase, stand auf und schlug vor: „ auf das gute Ende der Geschichte sollten wir einen trinken. Wenn es dunkel wird und die Menschen müde vom Feiern schlafen, schleichen wir zu den Hütten und finden sicher etwas, womit wir anstoßen können.“

© Dieter Kermas

Image: Pixabay.com

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Dieter KermasDieter Kermas, CaliforniaGermans Author and a true Berliner, turned to writing after he retired from his profession as an engineer. Family and friends urged him to document his many experiences during his childhood in wartime Germany. This made for a collection of various essays which have been published here at CaliforniaGermans. (You can find the stories here on CaliforniaGermans.com by putting “Dieter Kermas” into the Search Box.) Apart from his childhood memories he is also sharing some of his short stories and poems on CaliforniaGermans. Dieter Kermas, who loves to write, is currently working on his first novel. Some of his work has been included in anthologies.

To get in touch with Dieter Kermas, please send an email with subjectline “Dieter Kermas” to: californiagermans@gmail.com
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